Die du bist im Belvedere. Oder warst. Vielleicht auch wieder sein wirst. Ein österreichischer Rosenkranz mit wehmütigen Litaneien und landesweiter Kollekte: Gegrüßet seist du, Adele, Inbild nationaler Identität.

Es ist vollkommen unmöglich, auch nur kursorisch zu rekapitulieren, welche Unzahl grotesker Vorstellungen in den vergangenen Tagen über dem Land niedergingen. Urplötzlich sah sich jedes halbwegs bekannte Gesicht zum Kunstfachmann und Identitätsforscher berufen. Selbst in Banausen erwachten über Nacht die Musen. Irrwitzige Geldsummen geisterten durch die Debatten. Notstandsgesetze wurden angemahnt, Opfer gefordert. Gönner tauchten auf und gingen gleich darauf wieder verloren. In der bangen Hysterie war der vermögende Mann seiner Millionen nicht mehr sicher.

Auch wenn niemand die Quelle kennt, so viel ist gewiss: Millionen müssen sprudeln, um die Katastrophe im letzten Augenblick noch abzuwenden. Österreich minus Adele, das wäre ein verzweifeltes Jammertal, fast wieder eine Republik, die keiner will.

Inmitten der Jeremiaden war keine besänftigende Stimme zu vernehmen: Hallo, Leute, es ist nur ein Bild, hört ihr, n u r e i n B i l d. Ein wenig kitschig ist es in manchen Augen noch dazu. Also, lasst es gut und Adele nun Adele sein.

Kunstwissenschaft ist eine schöne Betätigung, die üblicherweise im Stillen der Depots und Studiensammlungen wirkt. Im neoliberalen Abc beinahe ein Orchideenfach, wenig am Hier und Heute orientiert. Mit einem Mal aber überfluteten kunsthistorische Expertisen die Massenmedien. Unvermittelt wurde ihnen die Deutungshoheit über ein ganzes Land überantwortet, und die Ikonografen predigten ihr Mantra landauf, landab. Ihr Dogma anzweifeln zu wollen gleicht mittlerweile der Kühnheit eines Ketzers zu Zeiten der Inquisition.

Wenn das goldene Porträt der Adele Bloch-Bauer aber tatsächlich eine österreichische Identitätsgeschichte erzählt, dann ist es eine, die sich gewiss nicht an ihrer schimmernden Oberfläche ablesen lässt. Es eine bittere und böse Geschichte. Sie berichtet von Neid, Raffgier, Mord, Vertreibung. Vom Lügen und Leugnen. Von üblen Tricksereien und endloser Uneinsichtigkeit. Verwunderlich, dass ein Land alles daransetzt, nun, nachdem die Katze aus dem Sack ist, dieses Sinnbild seiner Niedertracht weiterhin in seinem Ikonenschatz bewahren zu dürfen.

Viele der österreichischen Identitätssymbole sind aus Gründen, die in engem Zusammenhang mit der Geschichte der Adele stehen, über die ganze Welt verstreut. Um nur bei den Jubiläen von 2006 zu bleiben: Das eigenhändige Werkverzeichnis von Mozart wird in der British Library verwahrt, die handschriftliche Tageschronik von Freud und die meisten seiner Briefe liegen in Washington, seine Couch, das berühmteste Möbelstück der modernen Geistesgeschichte, steht in London.

Ausgerechnet Adele. Selbst wenn die Identitätsschnorrer schließlich doch noch genügend Cash zusammenkratzen sollten, eines wird ihnen nicht gelingen: Sie werden der vornehmen Dame ihre wahre Geschichte nicht abkaufen können. Es bleibt ein Bild der Schande.