In vielen Mitgliedsstaaten der EU scheint es eine erhebliche Sehnsucht nach mehr Nationalstaat und weniger EU zu geben. Spiegelt sich darin bloß ein Versagen der europäischen Institutionen oder aber eher ein Scheitern der ganzen Vorstellung von einem "postnationalistischen Europa" (Jürgen Habermas) wider?

Zu einem gewissen Grad wohl beides. Die europäischen Institutionen versagen insofern, als es ihnen nicht gelingt, zusammen mit den Verantwortlichen der Mitgliedsstaaten eine mit der Integration einhergehende Entfremdung zu vermeiden. Die Menschen müssen zwar Abschied von nationalen Kompetenzen nehmen, können aber mental auf der höheren Ebene der Gemeinschaft nicht Fuß fassen; sie empfinden die EU nicht als "ihre EU". Dadurch entsteht Entfremdung.

Auf der anderen Seite haben sich die Verfechter der Vereinigten Staaten von Europa die Sache wohl etwas zu einfach und zu naiv vorgestellt. Denn der Nationalstaat ist ja nicht aus dem Nichts gewachsen und hat aus weit mehr bestanden als aus dem Hang zum Unilateralismus: Für die meisten ist er Heimat, Identifikationsobjekt und wichtigster Bezugsrahmen. Wem aber ist die EU schon Heimat?

Ein bisschen scheint es in der EU zurzeit so zu sein wie bei einem Kletterer, der sich sehr unsicher fühlt und nicht so recht weiter weiß, weder wie er vor noch wie er zurückgehen könnte. Wir müssen daher besser lernen, wie man sicher vorankommen kann. Dazu gehört am Berg, dass man einen Griff eben erst auslässt, wenn man schon einen neuen Griff sicher in der Hand hat. Wenn man aber nicht bereit ist, eine Hand oder einen Fuß nach vorne zu setzen, dann bleibt man ewig an derselben Stelle hängen. Was wir daher dringend brauchen, ist ein Zerlegen der europäischen Route in einzelne Klettergriffe. Das braucht eine genaue Routenplanung, das braucht aber auch Mut und Zuversicht und eine gewisse Selbstsicherheit. Zu behaupten, dass davon heute in Brüssel genug vorhanden ist, wäre freilich eine glatte Übertreibung.

Die öffentliche Stimmung in vielen EU-Staaten neigt derzeit eher einem Konzept des "Europa der Vaterländer" (Charles de Gaulle) zu, also einem Staatenbund anstelle des europäischen Bundesstaates. Was spricht eigentlich gegen eine derart verfasste EU, warum muss sie sich zu einer "immer engeren Union" (so der Wortlaut der "Römischen Verträge") entwickeln?

Wenn die europäischen Staaten eine Weltmacht sein wollen, dann kommen sie um eine Weiterentwicklung in Richtung politischer Union nicht herum. Wenn es im Wesentlichen nur darum gehen soll, die Vorteile eines gemeinsamen Marktes zu nützen, dann sieht die Sache anders aus. Gerade angesichts der Schwierigkeiten in Zusammenhang mit der Ratifikation des Verfassungsvertrages wird die Entscheidung über die so genannte finalité d’Europe noch länger offen bleiben. Gerade deshalb wäre es naheliegend, EU-Projekte zu überlegen, mit denen auf jeden Fall Fortschritte erzielt werden können. Das können Projekte im Bereich der Wirtschaftspolitik sein, mit denen Innovation, Forschung, Entwicklung und Wirtschaft besser miteinander verbunden werden. Das können Projekte sein, die die innere Sicherheit durch eine gemeinsame Verbrechensbekämpfung vergrößern, aber auch Projekte, wie man zum Beispiel europaweit mit Immigranten umgehen sollte und welche Maßnahmen gegen die Veralterung der europäischen Gesellschaft ergriffen werden sollen.