Ein Fest für Mozart – und ganz Wien feiert mit. Dezember 1941, der 150. Todestag des Genies. Es werde ein "Festtag der Kultur Europas", verspricht der Wiener Gauleiter Baldur von Schirach anlässlich der Eröffnung der Mozart-Woche im Konzerthaus. Vor seiner Rede erklingt die Don Giovanni-Ouvertüre, danach die Jupiter-Symphonie, und von Schirach proklamiert "den europäischen Geist der Mozart-Festtage": "Wir Europäer sehen in unserer Kunst den Ausdruck unseres Glaubens an die Unsterblichkeit." Spirit of Mozart und Sound of Europe im ersten Winter nach dem Überfall auf die Sowjetunion.

Die Musik des "Unvergänglichen" gehöre zu jenen Werken, verkündet der zu den Feierlichkeiten eigens angereiste Propagandaminister Joseph Goebbels bei einer Galavorführung in der Staatsoper, "die unsere Soldaten gegen die aus dem Osten anstürmenden Barbaren verteidigen".

An der Heimatfront in Österreich raunt bereits die erste Unzufriedenheit, der Jubel der Abschlusstage ist dem grimmigen Kriegsalltag gewichen. Die Huldigung an den "deutschen Genius" soll in diesen Tagen die wirtschaftliche und kulturelle Elite ebenso wie die Bevölkerung wieder stärker für die braunen Machthaber begeistern. Sie haben deshalb ein erstaunliches Staraufgebot für ihr Mozart-Festival an der Donau versammelt. Niemand soll ausgeschlossen bleiben. "Die Höhepunkte werden durch den Rundfunk auch jenen zugänglich gemacht", tröstet der Völkische Beobachter, "die keine der 10000 Eintrittskarten ergattern konnten."

Wilhelm Furtwängler "sucht die erschütternde Metaphysik" des Requiems "transparent zu machen" (Neues Wiener Tagblatt). Karl Böhm kreiert für seine Hochzeit des Figaro im Redoutensaal einen spezifischen "Wiener Mozart-Stil", Gustav Gründgens inszeniert die Zauberflöte unter Hans Knappertsbusch. Ein Mozart-Kongress in der Akademie der Wissenschaften wird von einem Bläser-Ensemble der Philharmoniker eröffnet. Aus den Kehlen der Wiener Sängerknaben erklingt in der Hofburg "der heitere Mozart". Für alle Wiener, die nicht zu den Festvorführungen vordringen können, wird ein breites Begleitprogramm arrangiert. Sonderführungen durch die Sammlung alter Musikinstrumente im Palais Pallavicini sind angesetzt und zahlreiche Vorführungen in der Volksoper (Entführung aus dem Serail, Zauberflöte, Figaro). Im Großen Musikvereinssaal findet ein eigenes Hitlerjugend-Konzert statt, die braune Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" ruft zu einer Mozart-Feier in den Spiegelsaal von Schloss Schönbrunn, und an der Volksbildungsstätte Urania steht Unser Mozart auf dem Vortragsprogramm.

Mit Mozart gegen Wagner und die Übermacht der Berliner Kulturpolitik

Für Hitlers Statthalter in Wien, Baldur von Schirach, zählte die Woche mit dem totalen Mozart zu einem der Höhepunkte seines Wirkens. Im Unterschied zu anderen NS-Führern versuchte er, sich als humanistischer Kulturmensch zu präsentieren. 1940 war der alte Kämpfer aus Weimar nach Wien entsandt worden und bemühte sich seit seinem Amtsantritt, mit einer betont wienerischen Kulturpolitik die Sympathien der Bewohner zu ködern: mit Mozart gegen Wagner und die Übermacht der Berliner Kulturpolitik.