Keine andere Wirtschaftszahl hat ein vergleichbares Gewicht. Keine wird von Wissenschaftlern und Politikern so aufmerksam verfolgt wie das Bruttoinlandsprodukt. Das BIP – so das Kürzel – gilt als das Maß für die Leistung der gesamten Volkswirtschaft, seine Veränderungsraten entscheiden über Erfolg und Misserfolg der Wirtschaftspolitik.

Und doch gibt es ausgerechnet in den Grundlagen, nach denen Statistiker diese volkswirtschaftliche Schlüsselgröße errechnen, riesige Lücken.

Eigentlich umfasst das BIP den Wert sämtlicher während eines Jahr im Inland hergestellten Güter und Dienstleistungen – vom Spielzeug bis zu kompletten Industrieanlagen, vom Haarschnitt im Friseursalon bis zu neuen Urheberrechten. Doch in Wahrheit zählt die Statistik nur das, was am Markt in Euro und Cent bewertet wird.

Ein großer Brocken, der deshalb im Bruttoinlandsprodukt fehlt, ist die unbezahlte Arbeit im eigenen Haushalt. Betreuung der Kinder, Reinigung von Wohnung und Wäsche, Zubereitung der Mahlzeiten, Reparaturen am Haus – solche Leistungen sind zwar sehr wertvoll, aber die Wirtschaftsstatistiker betrachten sie nur dann als wirtschaftliche Tätigkeiten, wenn sie von externen Arbeitskräften gegen Geld erledigt werden. Nach einer zehn Jahre alten Studie des Bundesfamilienministeriums entspricht der Wert der gesamten Hausarbeit, branchenübliche Löhne unterstellt, immerhin einer Summe von rund 430 Milliarden Euro im Jahr.

Auch die Schwarzarbeit taucht in keiner amtlichen Statistik auf. Was an sich nicht weiter überraschend ist. Schließlich legen es die Schwarzarbeiter gerade darauf an, die Behörden zu umgehen, um nicht Steuern und Sozialabgaben zahlen zu müssen. Der Linzer Ökonom Friedrich Schneider schätzt den Wert der in der deutschen Schattenwirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen auf einen Wert von rund 350 Milliarden Euro – der Betrag entspricht gut fünfzehn Prozent des offiziell ausgewiesenen Bruttoinlandsprodukts.

Ein weiterer Mangel der Berechnungen ist, dass milliardenschwere Vermögensverluste, etwa durch Naturkatastrophen, völlig vernachlässigt werden, während die Maßnahmen zur Beseitigung der Schäden das BIP erhöhen. Die Folge: Trotz statistisch höherer volkswirtschaftlicher Leistung nimmt das Vermögen nicht zu. Ähnliches gilt für den Verbrauch natürlicher Ressourcen, soweit er nicht zu Marktpreisen bewertet wird. Der Schaden wird nicht erfasst, wohl aber die Schadensbeseitigung.

Paradox ist: Die Statistik wird auch deshalb ungenau, weil am Ende ein möglichst genaues Ergebnis herauskommen soll. Deshalb werden so genannte Vorleistungen herausgerechnet. Beim Brot wird nur das fertige Brot gerechnet, nicht das Mehl, beim Auto nur das Auto selbst, nicht der Stahl oder das Aluminium. Dabei entstehen zwangsläufig Abgrenzungsprobleme. So wurden früher Computerprogramme meist als Vorleistungen eingestuft, die nicht in die Statistik eingingen. Jetzt gelten sie als Investitionsgüter und erhöhen damit das BIP. Auch Bankdienstleistungen steigern erst seit der jüngsten Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung den Produktionswert oder den Konsum und damit das BIP. Früher galten sie ebenfalls als Vorleistungen.

Nicht weniger problematisch ist die Preisbereinigung, mit der die Geldentwertung aus der Statistik herausgerechnet wird. Der Vorgang ist wichtig, denn für die Beurteilung der Lage muss man wissen, wie sich die Wirtschaftsleistung real, also preisbereinigt, entwickelt hat.

Die Feinarbeit der Statistiker hat indes Konsequenzen. In der Regel veröffentlicht das Statistische Bundesamt seine Endergebnisse jeweils erst nach rund vier Jahren, und dann manches Mal mit erstaunlichen Korrekturen. So gab die Behörde Anfang 2002 die vorläufige Zuwachsrate des realen BIP für das Jahr 2001 mit 0,6 Prozent an. Nach der jüngsten Revision erhöhte sie den Wert auf endgültige 1,2 Prozent – exakt das Doppelte des ursprünglichen Rechenergebnisses. Die politische Debatte wäre damals etwas anders verlaufen, wenn die richtige Zahl schon bekannt geworden wäre. Heute aber interessiert das niemanden mehr.

Fazit: Das Bruttoinlandsprodukt, wie es in der amtlichen Statistik veröffentlicht wird, ist nicht mehr als eine grobe Orientierungsmarke für die volkswirtschaftliche Leistung. Es stimmt zwar: Es gibt keine bessere. Aber Politiker wie Forscher sollten die Zahl keineswegs als exakte Größe hinnehmen und über jede Stelle hinter dem Komma streiten.