DIE ZEIT: Die Parteien überbieten sich mit Vorschlägen zur besseren Betreuung und Bildung von Vorschulkindern. Freut Sie das? BILD

Wolfgang Tietze: Natürlich ist es zu begrüßen, dass die Gesellschaft die Bedeutung der frühen Jahre erkannt hat. Da werden nun einmal wichtige Weichen für das Leben und Lernen gestellt.

ZEIT: Aber?

Tietze: Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Politik der Zeit vor der Schule als Thema annimmt. Schon Anfang der siebziger Jahre erklärte man den Kindergarten zum wichtigen Teil des Bildungssystems. In Nordrhein-Westfalen schrieb ein Gesetz sogar vor, die Kindergartenbeiträge zu reduzieren und bis 1982 auf null zu senken. Ebenso stritt man darüber, ob man den Beginn der Schulpflicht auf das fünfte Lebensjahr senken solle. Die Wirtschaftsflaute machte die Vorhaben hinfällig. In den achtziger Jahren setzte man dann auf die Stärkung der Familie: Das Erziehungsgeld wird eingeführt, Erziehungsjahre werden bei der Rente angerechnet.

ZEIT: Die konservativen Kohl-Jahre.

Tietze: Aber auch damals gab es den Versuch vom Bund, eine Kindergartengarantie festzuschreiben. Wissen Sie, woher der Hauptwiderstand kam?

ZEIT: Verraten Sie es.

Tietze: Aus Niedersachsen, wo damals Ernst Albrecht regierte, der Vater der jetzigen Familienministerin Ursula von der Leyen. Er brachte den vorgesehenen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz im neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz zu Fall. Und wiederum passierte einige Jahre lang nichts. Erst im Zuge der Reform des Abtreibungsparagrafen 218 wurde das Thema wieder akut – als flankierende Maßnahme zum Schutz des ungeborenen Lebens.

ZEIT: Kein pädagogischer Ansatz im engeren Sinn.

Tietze: Reformen der Kinder- und Jugendhilfe setzten sich immer erst dann durch, wenn andere Gründe hinzukamen: der Lebensschutz, die Förderung der Berufstätigkeit von Frauen oder heute unser Demografieproblem. Nüchtern betrachtet, muss man sagen: Um die Kinder allein ging es niemals.

ZEIT: Immerhin, heute haben wir eine Kindergartengarantie.

Tietze: Es gibt einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für alle Kinder ab drei Jahren. Dennoch hatte dieser Erfolg einen Preis. Um die Garantie einzulösen, wurden Qualitätsstandards abgesenkt, Gruppen in den Kindergärten vergrößert, weniger qualifiziertes Personal eingestellt. Ein Teil der neuen Kapazitäten für die Kinder ab drei wurde mancherorts auch dadurch geschaffen, dass man anderswo gekürzt hat, etwa bei den Kinderhorten oder Krippen für Kleinkinder.