Vor jeder Reise denkt Uliana Galdina, dieses Mal ist alles anders. Diesmal wird sie nicht an ihren Freund denken, nicht zu viel an die Mutter und nur manchmal an bevorstehende Universitätsprüfungen. Sie wird sich auf ihr Äußeres konzentrieren. Liebreizend lächeln, wenn es verlangt wird, sexy ihre Hüften wiegen und, wenn es sein muss, hungern. Nur ihr Körper wird darüber bestimmen, ob sie Geld verdient, ob sie die richtigen Bilder bekommt, die, die sie unwiderstehlich erscheinen lassen. Nach deren Ansicht sie jeder in seinen Kleidern, mit seiner Eiscreme oder seinem Parfum fotografieren mag. Der Globalisierung auf der Spur: In acht Etappen reisen ZEIT-Reporter um die Erde und schildern, wie der weltweite Wettlauf das Leben durcheinander bringt. In der vergangenen Woche endete die ZEIT-Serie dort, wo sie diesmal beginnt: in Russland BILD

Uliana streicht ihre langen dunkelblonden Haare aus dem Gesicht, legt damit ein paar kleine Leberflecke frei. Früher hat sie sich über der oberen Lippe links noch einen braunen Punkt gemalt, damit sie aussieht wie Cindy Crawford, das Supermodel. Die fand sie schön. Uliana ist 18, trinkt Tee in ihrem Lieblingscafé Holländische Tasse in Omsk, Sibirien. Wenn sie aus dem Fenster sieht, schaut sie auf Straßen, vom Schnee begraben. Wenige Menschen kämpfen sich durch den eisigen Wind. Ihr Blick fällt auf eine Kunstpalme, die einsam in den blassbläulichen Nachthimmel blinkt. Wie eine letzte Illusion des fernen Sommers. Draußen sind minus 25 Grad, warm für diese Jahreszeit.

Neben Uliana sitzt ihr Freund Boris, er ist fünf Jahre älter als sie und sagt selten etwas. Schweigend zieht er einen Taschenkalender aus seinem Portemonnaie, Uliana lächelt von der Vorderseite. Sie studieren zusammen Jura. Seit neun Monaten sind sie ein Paar. Boris sonnt sich in der Schönheit seiner Freundin, aber sie soll ihren Beruf bitte in seiner Nähe ausüben. Nur in seiner Nähe gibt es keine Arbeit, für einheimische Modelfotos bekommt Uliana 500 Rubel, 16 Euro am Tag. Sie lacht, da kann sie gleich kostenlos posieren. Im Kommunismus herrschte Funktion über Schönheit. Kleider sollten warm halten, bedecken, nicht unbedingt gut aussehen. Das Erbe wiegt schwer. Russland produziert keine Röcke, Mäntel oder Jeansmarken, die überall getragen werden, keine Schönheitscremes, die auf den Gesichtern in Paris oder London schimmern. Deshalb wird Uliana in ein paar Tagen wieder fortgehen. Nach Indien. Ihr Gesicht verkaufen. Und Boris hat sich entschieden, die letzten Tage bis zu ihrem Abschied still zu leiden. Die Reise von Uliana Galdina in Bildern und Texten » BILD

Sein Lada wartet vor dem Café. Uliana trägt Stiefel, wie kleine Eispickel bohren sich ihre Hacken in den festgefrorenen Schnee. Niemals würde ein russische Frau ungeschminkt oder nachlässig gekleidet die Straße betreten. Das geht nicht, sagt Uliana. Dafür sind die Russinnen bekannt, dass sie sich auch bei widrigen Umweltbedingungen anziehen, als wollten sie gerade einen Spaziergang auf der Fifth Avenue unternehmen. Sie werden auf der Welt nicht nur für ihre Schönheit, sondern auch für ihre Leidensfähigkeit dem Äußeren zuliebe geschätzt.

Schweigend fahren Uliana und Boris durch die dunkle Stadt. Straßenlaternen werfen orangefarbenes Licht. Menschen tauchen in ihren Lichtkegeln auf und verschwinden wieder im dunklen Nichts. Sie halten die Köpfe gesenkt, tasten sich vorwärts in ständiger Furcht vor glatten Flächen. Der immerwährende Kampf gegen die Kälte hat graue Linien in die Gesichter gezogen und tiefe Risse in die Fassaden der Häuser getrieben. Eine Gegend, nicht für Menschen gemacht. Am Ufer des mächtigen Stromes Irtysch erscheinen ein paar neue Bürotürme. Auf der anderen Seite des Flusses liegen endlose Weiten grauer Neubaublöcke. Behausungen für die Arbeiter des »militärisch-industriellen Komplexes«. Im Zweiten Weltkrieg verlegten die Sowjets ihre Rüstungsbetriebe zum Schutz vor den Deutschen hierher, hinter den Ural. Bis 1990 konnte kein Ausländer Omsk besuchen, es war eine »geschlossene Stadt«. Die Bewohner durften nicht ins westliche Ausland. Damals wäre Indien ein Traum geblieben. Wie stellt sich Uliana Mumbai (das frühere Bombay) vor? Sie reiht ein paar Substantive aneinander: Elefanten, Bollywood-Filme, Menschen in bunten Saris. Armut? Ja auch. Sie hat den Ural noch nie überwunden, war noch nie in Europa, im Westen. Sibirien gehört zu Asien. Für Uliana liegt Asien anderswo. Sibirien treibt wie eine große Eisscholle auf der Landkarte, im Niemandsland zwischen den Kontinenten.

Am nächsten Morgen muss Uliana packen. Freund Boris ist immer an ihrer Seite, ganz nah, hält ihre Hände, begleitet sie nach Hause. Die große Kälte kündigt sich an, treibt Schauer über die Haut, hinterlässt ein Gefühl von Schwere im Bauch. In ein paar Tagen sollen die Temperaturen auf minus 40 Grad sinken. Die Menschen werden in ihren Wohnungen ausharren in der Hoffnung, dass es irgendwann einmal wieder besser wird.

Boris’ Lada hält am Stadtrand mitten in einem Neubaugebiet vor einem fünfstöckigen Haus aus den siebziger Jahren. Die Eingangstür hängt schief, im Treppenflur riecht es nach Katzenpisse. Nichts ist so, wie es sein soll. Es sieht aus, als hätte ein großer Sturm gewütet und alle Dinge ein wenig verschoben – die Rohre, die Wände, das Geländer. Seit zwei Jahren lebt Uliana hier mit ihrer Mutter in einer winzigen Zweiraumwohnung bei den Großeltern. Sie blickt auf die Stufen, es ist ihr peinlich, noch nie hat sie ihren Freund hinaufgebeten.