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Vor jeder Reise denkt Uliana Galdina, dieses Mal ist alles anders. Diesmal wird sie nicht an ihren Freund denken, nicht zu viel an die Mutter und nur manchmal an bevorstehende Universitätsprüfungen. Sie wird sich auf ihr Äußeres konzentrieren. Liebreizend lächeln, wenn es verlangt wird, sexy ihre Hüften wiegen und, wenn es sein muss, hungern. Nur ihr Körper wird darüber bestimmen, ob sie Geld verdient, ob sie die richtigen Bilder bekommt, die, die sie unwiderstehlich erscheinen lassen. Nach deren Ansicht sie jeder in seinen Kleidern, mit seiner Eiscreme oder seinem Parfum fotografieren mag. Der Globalisierung auf der Spur: In acht Etappen reisen ZEIT-Reporter um die Erde und schildern, wie der weltweite Wettlauf das Leben durcheinander bringt. In der vergangenen Woche endete die ZEIT-Serie dort, wo sie diesmal beginnt: in Russland BILD

Uliana streicht ihre langen dunkelblonden Haare aus dem Gesicht, legt damit ein paar kleine Leberflecke frei. Früher hat sie sich über der oberen Lippe links noch einen braunen Punkt gemalt, damit sie aussieht wie Cindy Crawford, das Supermodel. Die fand sie schön. Uliana ist 18, trinkt Tee in ihrem Lieblingscafé Holländische Tasse in Omsk, Sibirien. Wenn sie aus dem Fenster sieht, schaut sie auf Straßen, vom Schnee begraben. Wenige Menschen kämpfen sich durch den eisigen Wind. Ihr Blick fällt auf eine Kunstpalme, die einsam in den blassbläulichen Nachthimmel blinkt. Wie eine letzte Illusion des fernen Sommers. Draußen sind minus 25 Grad, warm für diese Jahreszeit.

Neben Uliana sitzt ihr Freund Boris, er ist fünf Jahre älter als sie und sagt selten etwas. Schweigend zieht er einen Taschenkalender aus seinem Portemonnaie, Uliana lächelt von der Vorderseite. Sie studieren zusammen Jura. Seit neun Monaten sind sie ein Paar. Boris sonnt sich in der Schönheit seiner Freundin, aber sie soll ihren Beruf bitte in seiner Nähe ausüben. Nur in seiner Nähe gibt es keine Arbeit, für einheimische Modelfotos bekommt Uliana 500 Rubel, 16 Euro am Tag. Sie lacht, da kann sie gleich kostenlos posieren. Im Kommunismus herrschte Funktion über Schönheit. Kleider sollten warm halten, bedecken, nicht unbedingt gut aussehen. Das Erbe wiegt schwer. Russland produziert keine Röcke, Mäntel oder Jeansmarken, die überall getragen werden, keine Schönheitscremes, die auf den Gesichtern in Paris oder London schimmern. Deshalb wird Uliana in ein paar Tagen wieder fortgehen. Nach Indien. Ihr Gesicht verkaufen. Und Boris hat sich entschieden, die letzten Tage bis zu ihrem Abschied still zu leiden. Die Reise von Uliana Galdina in Bildern und Texten » BILD

Sein Lada wartet vor dem Café. Uliana trägt Stiefel, wie kleine Eispickel bohren sich ihre Hacken in den festgefrorenen Schnee. Niemals würde ein russische Frau ungeschminkt oder nachlässig gekleidet die Straße betreten. Das geht nicht, sagt Uliana. Dafür sind die Russinnen bekannt, dass sie sich auch bei widrigen Umweltbedingungen anziehen, als wollten sie gerade einen Spaziergang auf der Fifth Avenue unternehmen. Sie werden auf der Welt nicht nur für ihre Schönheit, sondern auch für ihre Leidensfähigkeit dem Äußeren zuliebe geschätzt.

Schweigend fahren Uliana und Boris durch die dunkle Stadt. Straßenlaternen werfen orangefarbenes Licht. Menschen tauchen in ihren Lichtkegeln auf und verschwinden wieder im dunklen Nichts. Sie halten die Köpfe gesenkt, tasten sich vorwärts in ständiger Furcht vor glatten Flächen. Der immerwährende Kampf gegen die Kälte hat graue Linien in die Gesichter gezogen und tiefe Risse in die Fassaden der Häuser getrieben. Eine Gegend, nicht für Menschen gemacht. Am Ufer des mächtigen Stromes Irtysch erscheinen ein paar neue Bürotürme. Auf der anderen Seite des Flusses liegen endlose Weiten grauer Neubaublöcke. Behausungen für die Arbeiter des »militärisch-industriellen Komplexes«. Im Zweiten Weltkrieg verlegten die Sowjets ihre Rüstungsbetriebe zum Schutz vor den Deutschen hierher, hinter den Ural. Bis 1990 konnte kein Ausländer Omsk besuchen, es war eine »geschlossene Stadt«. Die Bewohner durften nicht ins westliche Ausland. Damals wäre Indien ein Traum geblieben. Wie stellt sich Uliana Mumbai (das frühere Bombay) vor? Sie reiht ein paar Substantive aneinander: Elefanten, Bollywood-Filme, Menschen in bunten Saris. Armut? Ja auch. Sie hat den Ural noch nie überwunden, war noch nie in Europa, im Westen. Sibirien gehört zu Asien. Für Uliana liegt Asien anderswo. Sibirien treibt wie eine große Eisscholle auf der Landkarte, im Niemandsland zwischen den Kontinenten.

Am nächsten Morgen muss Uliana packen. Freund Boris ist immer an ihrer Seite, ganz nah, hält ihre Hände, begleitet sie nach Hause. Die große Kälte kündigt sich an, treibt Schauer über die Haut, hinterlässt ein Gefühl von Schwere im Bauch. In ein paar Tagen sollen die Temperaturen auf minus 40 Grad sinken. Die Menschen werden in ihren Wohnungen ausharren in der Hoffnung, dass es irgendwann einmal wieder besser wird.

Boris’ Lada hält am Stadtrand mitten in einem Neubaugebiet vor einem fünfstöckigen Haus aus den siebziger Jahren. Die Eingangstür hängt schief, im Treppenflur riecht es nach Katzenpisse. Nichts ist so, wie es sein soll. Es sieht aus, als hätte ein großer Sturm gewütet und alle Dinge ein wenig verschoben – die Rohre, die Wände, das Geländer. Seit zwei Jahren lebt Uliana hier mit ihrer Mutter in einer winzigen Zweiraumwohnung bei den Großeltern. Sie blickt auf die Stufen, es ist ihr peinlich, noch nie hat sie ihren Freund hinaufgebeten.

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Die Enkelin hat mit 18 schon mehr gesehen als der Großvater mit 68

Im vierten Stock öffnet Ulianas Mutter die Tür, Margarita Galdina, sie ist 44, ihre Haare schimmern platinblond. Im Wohnzimmer regieren Ulianas Kuscheltiere, sie grinsen vom Sofa, von den Sesseln, von den Schränken. An der Wand hängt ein plüschiger Teppich, darauf klebt ein großes Bild von Uliana, ein Werbeplakat. In die braune Schrankwand ist die Welt in Form von Mitbringseln der Enkelin eingezogen: eine japanische Zeichnung ruht neben Uralska-Porzellan und einem Wandteppich mit der Aufschrift »I love Hongkong«. Der Fernseher läuft, überall stapeln sich Kartons und Koffer. Es sieht aus, als seien ein paar Gäste zu lange geblieben. In der Nacht teilt sich Uliana das Sofa mit ihrer Mutter.

Ulianas Großvater Boris Sedow schenkt allen Wodka ein, die Großmutter macht sich ein wenig Sorgen. Es gibt Blinis mit saurer Sahne und Pelmeni. Uliana isst nichts. Margarita, wann haben Sie gemerkt, dass ihre Tochter schön ist? »Ich habe das nie gedacht.« Einmal hat eine Freundin Uliana schlafend gesehen: »Schau nur«, hat sie zu Margarita gesagt, »sie sieht aus wie Barbie.« In der Schule riefen die Kinder Uliana »Storch« wegen ihrer langen Beine. Sie ist 1,78 Meter. Großvater Boris will wieder anstoßen. »Was ist das für ein Beruf, Model?«, brummt er. »Sie soll etwas Ordentliches lernen!« Uliana konzentriert sich auf ihren leeren Teller. Als sie mit 16 das erste Mal nach Japan reiste, drohte ihr Großvater, das Flugticket zu zerreißen. Er hatte zu viele Berichte im Fernsehen gesehen, wo Models als Prostituierte endeten. Finden Sie Ihre Enkelin schön, Boris? »Mhm, aber sie muss mehr essen.« Er schwärmt für die alten russischen Stars wie Alla Pugatschowa, die Sängerin. Mit den Händen formt er ihre üppigen Kurven nach. Das gefällt ihm.

Die Welt der Enkelin und die des Großvaters haben kaum noch etwas gemeinsam. Boris findet westliche Filme langweilig, schimpft, wenn die Nachrichten laufen. Uliana hat in Japan gelebt, in Hongkong, in China, ihr Großvater war zweimal in Bulgarien. Sie hat mit 18 schon mehr gesehen als er mit 68. Zwischen ihnen herrscht Schweigen. Gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten geraten aus den Fugen: die Älteren verlieren die Deutungshoheit, können nicht mehr mithalten. Großvater Boris versinkt in der Vergangenheit, erzählt von hohen Renten, erschwinglichen Preisen und reichlich Arbeit. Er war in der Kommunistischen Partei, sogar einmal Abgeordneter, und er fuhr Lkw. Seine Hand fährt schnell zum Kinn, eine Geste. Geld satt habe er verdient. »Borja«, mahnt die Großmutter. Er soll nicht so viel trinken. Uliana verdreht die Augen. Mutter Margarita erzählt, Uliana habe als kleines Mädchen so schön getanzt. Sie habe sich gewünscht, dass Uliana Tänzerin werde. Die Mutter tätschelt ihrer Tochter den Arm. Nun ja. Margarita Galdina ist Sportlehrerin, verdient 200 Euro im Monat.

Die Mutter erinnert sich noch genau an den Tag. Mit 15 wurde Uliana in einem Textilgeschäft von einer jungen Dame angesprochen: Sie sei wunderschön, ob sie nicht Model werden wolle. Die Mutter war dagegen, schlimme Geschichten hatte sie gehört. Uliana rief von sich aus bei der Agentur Eskimo an. Sie weiß nicht mehr, warum. Hoffnung auf ein wenig Freiheit vielleicht. Die Agenturfrauen und Uliana redeten drei Wochen auf die Mutter ein, dann unterschrieb sie den Vertrag. Und Uliana flog nach Japan, das erste Mal allein, ohne ein Wort Englisch.

Uliana hat immer gespürt, dass etwas an ihr anders ist, sie hervorhebt. Sie hat die Blicke bemerkt von Mitschülern, Lehrern, Dozenten. Sie verweilen immer ein wenig zu lange auf ihrem Gesicht. Männer suchen ihre Nähe, bemüht, ein Gespräch anzufangen. Das Gefühl beachtet, begehrt zu werden, schmeichelt ihr. Der Großvater schenkt Wodka nach, ungelenk, ein Teddybär fällt auf ihn. »Sie ist 18 und spielt noch mit Kuscheltieren«, sagt er zu seiner Enkelin. »Ich spiele nicht, ich sammle sie«, antwortet Uliana. Später wird sie erzählen, wie schwer es ist, mit den Großeltern zu leben, nie einen Platz für sich zu haben, keine Minute Ruhe. Noch ein Tag bis zur Abreise.

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Die Vermittlerin ihrer Agentur Eskimo ist in der Stadt, sie hat Uliana das Angebot aus Indien verschafft. Natalia Golz empfängt im Fast-Food-Restaurant Friday’s, Uliana nähert sich ihr ein wenig vorsichtig. Sie fürchtet, Golz könnte sie zu dick finden. »Gut siehst du aus«, sagt die. Uliana entspannt sich etwas. Ihr ganzes Denken kreist um ihre Körperformen. »Wir haben die Maße unserer Mädchen immer im Kopf«, sagt Golz. Sie arbeitet seit fünf Jahren bei Eskimo. Die Agentur hat Tochterbüros auf der ganzen Welt, ist eine globale Schönheitsvermittlung. Golz betrachtet Ulianas Hüften, 92 cm, zu breit. Damit wird sie nie in die Riege der Stars aufsteigen. Westliche Designer fordern 86 bis 88 Zentimeter Hüftumfang. Uliana kann hungern, unter 90 kommt sie nicht. Ihre Knochen. »In Asien kann sie arbeiten«, sagt Natalia. Es klingt hart. Die Asiaten finden etwas rundere Formen schön, der Fitness- und Schlankheitswahn des Westens hat Asien noch nicht mit ganzer Macht erreicht. Die Mädchen, die es in die »achtziger Länder« schaffen zu den »Big Five« nach New York, Paris, London, Mailand, Tokyo, reisen nicht mehr in die »neunziger Länder« nach China, Indien oder Thailand. Sie können woanders bequemer Geld verdienen. Nach Asien geht man für Geld, nach Europa für Prestige.

Mit Indien arbeitet Natalia Golz seit anderthalb Jahren zusammen. Neue Schönheitsmärkte öffnen sich, vor kurzem bekam sie die erste Mail aus Vietnam. Die Welt wird sich immer ähnlicher, alle sehen dieselben Filme, dieselben Serien, lesen dieselben Magazine. Die Frauen darin werden zum Ideal. So soll man aussehen. »Die Inder mögen süße kommerzielle Gesichter«, sagt Golz. Das heißt ebenmäßige Gesichtszüge, wie eine Puppe, darin nichts störendes Eigenartiges. »Ulianas Gesicht ist kommerziell«, sagt sie. Es ist schwer zu sagen, ob das ein Kompliment ist. Schönheit ist ein kompliziertes Geschäft. Noch vor ein paar Jahren waren seltsame, starke Typen gefragt, nun eben süße. Schönheit ist, was der Markt gerade verlangt.

Es fällt auf, dass besonders viele Russinnen über die Laufstege dieser Welt schreiten, russische Tennisspielerinnen werden als Schönheitsköniginnen verehrt. Sie scheinen besonders gut in das globale Schönheitsideal zu passen: groß, hellhäutig, hohe Wangenknochen, große Augen. Natalia Golz lacht. Die Russinnen seien auch deshalb allgegenwärtig, weil das Leben in Russland schwierig sei und sie woanders Geld verdienen müssten. Und sie hat einen neuen Trend entdeckt: Frauen, in deren Gesichtern sich asiatische und europäische Züge vereinen. In deren Gesichtern sich sowohl Asiaten als auch Westler erkennen können. Gesichter, wie geschaffen für zwei riesige Wirtschaftsmärkte.

Natalia Golz schaut zu Uliana. Uliana hat nicht viel gesagt, hat Distanz gehalten. Golz betont, dass Eskimo seriös agiere, nicht wie viele andere Agenturen in Moskau, wo die Mädchen am Tag als Models arbeiten und in der Nacht als Begleitdamen. Am Ende überreicht sie Uliana einen Hefter mit Dokumenten für Moskau, für die Botschaft, das Visum. Keine Globalisierung ohne Papiere.

Uliana eilt zurück in die Wohnung der Großeltern. Großvater Boris Sedow sitzt in Jogginghosen vor dem Fernseher, seine Füße stecken in Filzpantoffeln. Im Schlafzimmer scheinen die Schränke unter der Last der Kleider nachzugeben. Uliana verzichtet auf Miniröcke, sie hat gehört, die trage man in Indien nicht. Sie hockt sich auf den Boden im Wohnzimmer, legt ihre Kleider in den Koffer, ihr Großvater schaut zu. »Früher konnte man mit ihr reden. Jetzt ist sie immer für sich«, sagt er. »Dabei ist sie doch noch eine duratschka.« Ein Dummerchen. Uliana sendet ihm einen kurzen Blick. Vernichtend. Sie blättert durch das Buch mit ihren Fotos, das sie jedem zeigt, der ihr einen Job geben könnte. Auf manchen Bildern hat sie sehr wenig an, ihr Großvater schaut ein wenig verunsichert. Er weiß nicht, was er davon halten soll. »Wie lange bleibst du weg?«, fragt er Uliana. Anderthalb Monate. »Wann sind die nächsten Prüfungen?« Im März. »Nimm Lehrbücher mit!« Ja! Uliana sieht aus, als wünsche sie sich weit fort.

Sie ernährt sich von Gematogenka, einer Art Fruchtriegel

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Morgens um sechs steht Uliana dann in der Abflughalle von Omsk. Sie hat nicht geschlafen, ihre Augen sind gerötet. Sie trägt kein Make-up, sie wusste, sie würde weinen. Freund Boris hält ihre Hand, drückt sie fest. Die Mutter lächelt. Uliana schluchzt leise. Boris rührt sich nicht. Irgendwann geht Uliana. Noch im Warteraum ruft ihr Freund das erste Mal an.

Vielleicht gibt es ihn – den globalen Menschen – frei von persönlichen Bindungen, immer bereit, sich auf neue Situationen, Menschen, Länder einzulassen. Nie zufrieden an dem Ort, wo er gerade weilt. Wissenschaftler nennen ihn das »mobile Subjekt«. Uliana vermisst ihr Zuhause, sobald sie es verlässt, und sehnt sich fort, sobald sie heimkehrt. Noch auf der Rollbahn ruft ihre Mutter an. Uliana hat nun das Gefühl, dass sie nie wieder wegfahren sollte. Dann schläft sie ein. Kurz vor der Landung legt sie Rouge auf die Wangen, malt ihre Augenlider hellblau, färbt ihre Lippen dunkelrot. Dabei hat sie diesen Ausdruck im Gesicht, den Menschen haben, die wissen, dass andere sie gern anschauen. Uliana scheint sich ständig selbst zu beobachten, als lebe sie mit einem Spiegel. Jede Bewegung ein Genuss.

In Moskau sind minus 35 Grad. Kalt wie seit fünfzig Jahren nicht mehr. Weißer Dampf strömt aus Autos und Bussen. Die Härchen im Naseninneren gefrieren, das Atmen fällt schwer. Uliana muss zur indischen Botschaft, sie braucht noch ein Visum. Alle Botschaften, alle Fluggesellschaften sind in der Hauptstadt. Moskau, ein Warteraum der Globalisierung.

Die Botschaft öffnet um zehn. In einem kargen Raum warten 50 Menschen. Heizungsrohre führen in die oberen Etagen. Irgendwo muss es warm sein. Zwei Botschaftsangestellte kommen und gehen, telefonieren mit ihren Handys. Nach zwei Stunden hat es Uliana zum Schalter geschafft. Der Beamte sagt, in zehn Tagen könne sie ihr Visum abholen. Uliana sieht aus, als würde sie gleich weinen. Ihr Flug geht in drei Tagen. Sie telefoniert mit ihrer Agentur in Sibirien, der Agentur in Mumbai, am Ende noch mit ihrer Tante in Moskau. Sie raten zu warten. Nach sechs Stunden empfängt sie der Konsul, er lächelt. Ulianas Tante arbeitet beim russischen Kulturminister, jemand hat angerufen. Der Konsul sagt, am nächsten Tag könne sie ihr Visum abholen.

Draußen zieht Uliana ihren Schal vor die Nase, die Augen tränen vom Wind. Es ist, als würden die Augäpfel gefrieren. Uliana flüchtet in ein Café. An der Wand hängen Monitore, es läuft Fashion TV. Die Models ähneln sich alle: lange Haare, sehr dünn, sehr groß, sehr jung. Uliana setzt sich auf ein Sofa, bestellt Cappuccino ohne Zucker. Die Sorgen um ihr Gewicht, sie hören nie auf. »Wenn ich normal esse, nehme ich zu.« Dann wird der Druck unerträglich. Uliana holt einen Riegel aus ihrer Tasche – Gematogenka, eine Mischung aus Fruchtwürfel und Müsliriegel aus der Apotheke. Davon isst sie ein paar am Tag.

Uliana ist ein Kind des Militärs, geboren in einer Kaserne in Kasachstan, wo ihr Vater als Major diente. Es war ein geschütztes Gelände, hinein und hinaus gelangte man nur mit Passierschein. Die Ehe der Eltern währte nicht lange, als Uliana vier war, zog der Vater aus. Später heiratete die Mutter Ulianas Vater zum zweiten Mal. Kurz darauf wurde er aus dem Militär entlassen, saß zu Hause, begann zu trinken. Es dauerte nicht lange, bis sie sich wieder trennten.

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Die Mädchen in der Schule mochten Uliana nicht, die Jungs interessierten sich zu sehr für sie. Aber wenn sie Hilfe brauchte, war da immer einer, der gern vorbeischaute. Mit 16 reiste sie zum ersten Mal ins Ausland, nach Japan. Für eine Missoni-Show bekam sie 1000 Dollar am Tag. Alles schien so einfach. »Die Japaner mögen junge lächelnde Mädchen.« Sie nahm ab, so viel, dass ihre Periode ausblieb. Dann musste sie Hormone nehmen, nun war es noch schwerer, das Gewicht zu halten. Sie beißt in ihren Müsliriegel. »In Europa kann ich nur arbeiten, wenn ich gar nichts esse.« Sie lacht. Ihr Gewicht bestimmt ihr Wohlbefinden.

Ein Jahr später in Hongkong bekam sie Depressionen, als nach einem Monat plötzlich die Jobangebote ausblieben. Vergangenen Winter in Peking war es noch schlimmer. Alle Kleider waren ihr zu klein, und bei Castings sollte sie es vermeiden, Russisch zu sprechen. Die Chinesen mögen die Russen nicht besonders. Uliana hockte in der Wohnung und mailte stundenlang mit ihrem Freund. Sie hatte keine Lust hinauszugehen, die immergleichen Fragen zu beantworten. Zu immer neuen Bekannten immer nett zu sein. Man kann sagen, dass sie gar nicht richtig in Peking war, sie weilte in einer Art virtueller Zwischenwelt. Sie hat oft kaum Erinnerungen an die verschiedenen Orte, entsinnt sich nur, was sie dort nicht gegessen hat.

Indien ist für sie der letzte Test, ob sie sich die Anstrengungen des globalen Lebens weiter antun mag. »Wenn ich in Indien gut verdiene, mache ich weiter. Wenn nicht, höre ich auf.« Und dann? Ein Freund der Mutter ist Rechtsanwalt, vielleicht könnte sie bei ihm anfangen.

Im Flugzeug nach Mumbai wird Uliana melancholisch. Sie fürchtet, die Beziehungen zu ihren Freunden zu verlieren, wenn sie zu oft zu lange fort bleibt. Zu viele neue Erfahrungen, die sie nicht mit ihnen teilen kann. Warum tut sie sich das an, warum macht sie das? Sie brauche das Geld, sagt sie. Sie bezahlt die Universitätsgebühren davon. Und sie mag es, angeschaut zu werden. Wenn sie über den Laufsteg schreitet und alle Blicke auf ihr liegen. In diesem kurzen Augenblick ist sie ganz bei sich. Der Höhepunkt aller Narzisse. Sie sagt, im Russischen gebe es ein Sprichwort. Es heißt: Die Schönen führen ein unglückliches Leben. Sie lacht kurz auf. Es gibt aber auch noch ein anderes. »Krasota spaset mir.« Schönheit rettet die Welt.

Ein Fahrer holt Uliana vom Flughafen in Mumbai ab. Draußen ist es noch dunkel, Menschen tauchen am Straßenrand auf und verschwinden wieder in die Nacht. Es ist sechs Uhr morgens, 25 Grad plus. Im Wagen bläst die Aircondition, Uliana fröstelt. Sie wird jetzt erst mal schlafen.

Ankit Mehta wartet in dem winzigen Büro von Inega Model Management. Drei kleine Schreibtische drängen sich hintereinander, sie reichen fast von einer Wand zur anderen. Mehta hat Uliana gebucht, ihr Ticket bezahlt, die Papiere für ihr Visum geschickt. Er ist 22 und redet so schnell, dass er zwischen den Sätzen um Atem ringen muss. Das Telefon und sein Handy klingeln abwechselnd. Seit einem Jahr arbeiten in Indien so viele ausländische Models wie noch nie zuvor. Mehta erklärt das so: Multinationale Unternehmen drängen auf den Riesenmarkt Indien, sie fordern internationale Models für ein internationales Image. Gleichzeitig wollen indischen Firmen global agieren. Da wirken internationale Models weltgewandter. Mädchen wie Uliana sind die Vorboten des westlichen Schönheitsideals: große Augen, großer Mund, schlank und vor allem hellhäutig. Indiens Markt für Kosmetikprodukte, die die Haut aufhellen sollen, ist in den letzten fünf Jahren um zwei Drittel gewachsen.

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Noch sind blonde Haare für indische Werbeanzeigen nicht sehr gefragt, sagt Mehta. Zu exotisch wirken diese Frauen. Dunkelhaarige, die im Zweifel wie Inderinnen aussehen, bekommen mehr Arbeit. Bis jetzt. Gerade ist in Mumbais Kinos ein neuer Bollywood-Film angelaufen, in dem eine blonde Engländerin eine Hauptrolle spielt. Und Bollywood-Filme setzen die Trends. Außerdem lassen sich die ausländischen Models in Unterwäsche fotografieren, für Inderinnen undenkbar. Zu viel Haut, das ist gegen die Tradition. Bis vor ein paar Jahren gab es religiöse Proteste bei Miss-World-Wahlen in Indien. So etwas würde heute nicht mehr geschehen, meint Ankit Mehta.

In Unterwäsche posieren? Für Inderinnen undenkbar

Das Schönheitsideal wandelt sich, wird westlicher. »Wir rücken näher«, sagt Mehta. Überall in Mumbai verdrängen große Shoppingcenter die kleinen Läden. McDonald’s und Pepsi sind schon da, Starbucks kommt bestimmt bald.

Uliana betritt das Büro, den Blick auf den Boden gerichtet, die Lippen schmal gepresst. Mehta begrüßt sie freundlich, Uliana schweigt. Ihre Mitbewohnerin aus Köln wartet neben ihr. Uliana ist unzufrieden, sie muss Zimmer und Bett mit der Deutschen teilen. Ihr Wohnungsschlüssel und das Telefon funktionieren nicht, und einen Computer gibt es auch nicht in ihrem Zimmer.

»Indien ist der Markt der Zukunft«, mit diesem Satz beginnt Mehta seine Mails. Eine Studie der Investmentbank Goldman Sachs kommt zu dem Schluss, dass Indien Deutschland schon 2007 als viertgrößte Wirtschaftsmacht ablösen könnte. Mehta deutet auf ein paar Blätter, auf denen die Namen der Models eingetragen sind und ihre Jobs für die nächsten Wochen. Am Tag verdienen sie zwischen zwischen 500 und 800 Euro. Da beginnt Uliana plötzlich zu schluchzen. Ihr Oberkörper bebt. Sie hat das Gefühl, den Überblick zu verlieren, weiß nicht, wo sie sich befindet in diesem Monster von Stadt und wie sie ihre Mutter und ihren Freund erreichen kann. Mehta beobachtet sie aus den Augenwinkeln. »Magst du die Inder nicht?«, fragt er. Uliana schluchzt laut auf, tupft ihre Augen ab. Am nächsten Tag hat sie den ersten Fototermin. Mehta überlässt ihr das Handy einer Mitarbeiterin.

Der Fahrer bringt sie zur Modelwohnung. Jede Fahrt dauert Stunden. Auf den viel zu engen Straßen drängeln sich Autos, Motorräder, Menschen. Es ist dunkel, Neonröhren leuchten. Menschen leben in Behausungen aus Pappe, Blech, Holz, offene Feuer brennen. Es riecht nach einer Mischung aus Petroleum und Fäkalien. »Wie kann man so leben?«, fragt Uliana. Das Modelapartment liegt in einem besseren Viertel Mumbais. Es ist modern eingerichtet, moderner als Ulianas Wohnung in Omsk. Auf ihrer Seite des Bettes schmiegen sich die Kuscheltiere aneinander. Von den Fotos auf dem Nachttisch grinst Freund Boris. Draußen kreischen laut die Krähen.

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Am nächsten Morgen liegen graue Schatten unter Ulianas Augen. Ihre Mitbewohnerin sagt, sie habe die ganze Nacht geweint. Am vergangenen Abend hat Ulianas Freund angerufen und gefragt, ob sie nicht einmal verrückt sein und gleich nach Omsk zurückkehren wolle. Er war keine große Hilfe. Uliana konnte nicht einschlafen, nicht aufhören zu denken. Sollte das ihre Zukunft sein? Immer allein, immer unterwegs mit Menschen, die sie nicht richtig kennt. »Ich bin nicht so flexibel«, sagt sie. Ohne ihren Freund fühle sie sich, als ob eine Hälfte von ihr abgetrennt worden sei.

Im Fotostudio ist noch niemand, Uliana setzt sich auf ein Sofa. Ihre Laune ist mies. Der Fotograf, Vikram Bawa, kommt zu spät, entschuldigt sich, er habe vorige Nacht lange gefeiert. Er ist 36 und sagt, er habe letztes Jahr fast nur mit ausländischen Models gearbeitet, sie seien professioneller. Und sie zeigten mehr Haut. Für das erste Foto soll sich Uliana gleich ausziehen. »Das hat mir keiner gesagt«, sagt sie. Bawa beruhigt sie. Die Bilder sind für einen Artikel über die neue Besessenheit der indischen Frauen von ihren Körperformen. Die westlichen Maße gelten nun auch in Indien als die erstrebenswerten. Uliana soll nur mit Maßbändern bedeckt auf den Fotos erscheinen.

»Ich will, dass sie sehr heiß und sexy aussieht«, sagt Bawa zum Maskenbildner. Er hat beobachtet, dass im Westen jetzt viele Yoga praktizieren und ayurvedisch essen. In Indien dagegen wollen viele leben wie im Westen. Er ruft dem Maskenbildner zu: »Ich will sie noch heißer!« Uliana bleibt stumm. Sie soll sich jetzt ausziehen. Es ist ihr peinlich. Bawa schickt alle Männer hinaus. Eine Frau und er wickeln die Maßbänder um ihren nackten Oberkörper und kleben sie an ihrem Rücken fest. »Willst du Wodka oder Bier?«, fragt Bawa. Uliana lehnt ab, sie denkt an ihren Freund. Sie sagt, er werde sie umbringen, wenn er das erfahre. Eine Frau schmiert sie mit Babyöl ein, damit sie schön glänzt. Das erste Bild. Uliana lächelt, dreht ihren Kopf mal zur einen, dann zur anderen Seite. »Lovely«, sagt der Fotograf. Vor der Kamera ziehen sich Ulianas heimwehgekrümmte Mundwinkel nach oben. Es ist das erste Mal seit Omsk, dass sich ihre Schultern senken. Sie entspannt im Scheinwerferlicht. Am Abend kehren die Sorgen zurück. Es ist schon spät, sie kann ihren Freund nicht mehr erreichen.

Ulianas Laune verschlechtert sich von Tag zu Tag. Sie soll zu Castings, sich bei Agenturen vorstellen. Aber Uliana redet nicht mehr, und wenn, dann hat ihre Stimme einen fordernden Klang. Sie trinkt nichts, sie isst nichts. Alle bemühen sich. Sie verweigert sich. Bei den Kunden lächelt sie nicht mehr. Sie weiß, dass das schlecht ist fürs Geschäft, sie kann es nicht ändern. In ihrem Vertrag steht, sie solle alle übertragenen Aufgaben mit »absoluter Hingabe« ausführen.

Der Agenturchef bemüht sich, sie aufzumuntern, lädt sie und ihre Mitbewohnerin zu einer Hochzeit von Freunden ein. Das Brautpaar nimmt am Pool des Taj, des teuersten Hotels von Mumbai, die Glückwünsche entgegen. Ein riesiges Büfett ist aufgebaut. Uliana knabbert an ein paar Salatblättern. Der Agenturchef will noch weiter in einen Club.

Im Poison wird er mit den Mädchen sofort in den VIP-Bereich geführt. Es läuft Bollywood-Musik. Der Besitzer bittet in seine Privatlounge. Von dort kann man durch eine Glasscheibe die Tanzfläche beobachten. »Wir sind die glücklich Geborenen«, sagt er. Die Söhne und Töchter von Industriellen. Ein Mann spricht Uliana an, will sie auf einen Drink einladen. Sie trinkt keinen Alkohol. »Schlecht fürs Geschäft«, sagt er. Um halb zwei muss der Club schließen. Uliana will ins Bett, sie hat morgen wieder Castings. Die anderen ziehen ins Marriott-Hotel, weiterfeiern.

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Vor Uliana liegen noch fast sechs Wochen bis zu ihrer Heimkehr. Sie sitzt in einem Café am Ufer des Arabischen Meeres. Der Verkehr dröhnt. Es ist laut. Diese Stadt gibt keine Ruhe, niemals. Uliana kann das Mosaik aus Elend und Pracht Mumbais in ihrem Hirn nicht zusammensetzen. Vielleicht ist das Globalisierung: ein diffuses Gefühl von Verwirrung. Dass immer weniger Menschen wissen, wohin sie gehören, weil das Glück immer woanders zu warten scheint. Sei nicht zu emotional, hat eine Frau von der Agentur Uliana geraten. Alles könnte so schön sein. Uliana muss nur aufhören zu denken.