Morgens um sechs steht Uliana dann in der Abflughalle von Omsk. Sie hat nicht geschlafen, ihre Augen sind gerötet. Sie trägt kein Make-up, sie wusste, sie würde weinen. Freund Boris hält ihre Hand, drückt sie fest. Die Mutter lächelt. Uliana schluchzt leise. Boris rührt sich nicht. Irgendwann geht Uliana. Noch im Warteraum ruft ihr Freund das erste Mal an.

Vielleicht gibt es ihn – den globalen Menschen – frei von persönlichen Bindungen, immer bereit, sich auf neue Situationen, Menschen, Länder einzulassen. Nie zufrieden an dem Ort, wo er gerade weilt. Wissenschaftler nennen ihn das »mobile Subjekt«. Uliana vermisst ihr Zuhause, sobald sie es verlässt, und sehnt sich fort, sobald sie heimkehrt. Noch auf der Rollbahn ruft ihre Mutter an. Uliana hat nun das Gefühl, dass sie nie wieder wegfahren sollte. Dann schläft sie ein. Kurz vor der Landung legt sie Rouge auf die Wangen, malt ihre Augenlider hellblau, färbt ihre Lippen dunkelrot. Dabei hat sie diesen Ausdruck im Gesicht, den Menschen haben, die wissen, dass andere sie gern anschauen. Uliana scheint sich ständig selbst zu beobachten, als lebe sie mit einem Spiegel. Jede Bewegung ein Genuss.

In Moskau sind minus 35 Grad. Kalt wie seit fünfzig Jahren nicht mehr. Weißer Dampf strömt aus Autos und Bussen. Die Härchen im Naseninneren gefrieren, das Atmen fällt schwer. Uliana muss zur indischen Botschaft, sie braucht noch ein Visum. Alle Botschaften, alle Fluggesellschaften sind in der Hauptstadt. Moskau, ein Warteraum der Globalisierung.

Die Botschaft öffnet um zehn. In einem kargen Raum warten 50 Menschen. Heizungsrohre führen in die oberen Etagen. Irgendwo muss es warm sein. Zwei Botschaftsangestellte kommen und gehen, telefonieren mit ihren Handys. Nach zwei Stunden hat es Uliana zum Schalter geschafft. Der Beamte sagt, in zehn Tagen könne sie ihr Visum abholen. Uliana sieht aus, als würde sie gleich weinen. Ihr Flug geht in drei Tagen. Sie telefoniert mit ihrer Agentur in Sibirien, der Agentur in Mumbai, am Ende noch mit ihrer Tante in Moskau. Sie raten zu warten. Nach sechs Stunden empfängt sie der Konsul, er lächelt. Ulianas Tante arbeitet beim russischen Kulturminister, jemand hat angerufen. Der Konsul sagt, am nächsten Tag könne sie ihr Visum abholen.

Draußen zieht Uliana ihren Schal vor die Nase, die Augen tränen vom Wind. Es ist, als würden die Augäpfel gefrieren. Uliana flüchtet in ein Café. An der Wand hängen Monitore, es läuft Fashion TV. Die Models ähneln sich alle: lange Haare, sehr dünn, sehr groß, sehr jung. Uliana setzt sich auf ein Sofa, bestellt Cappuccino ohne Zucker. Die Sorgen um ihr Gewicht, sie hören nie auf. »Wenn ich normal esse, nehme ich zu.« Dann wird der Druck unerträglich. Uliana holt einen Riegel aus ihrer Tasche – Gematogenka, eine Mischung aus Fruchtwürfel und Müsliriegel aus der Apotheke. Davon isst sie ein paar am Tag.

Uliana ist ein Kind des Militärs, geboren in einer Kaserne in Kasachstan, wo ihr Vater als Major diente. Es war ein geschütztes Gelände, hinein und hinaus gelangte man nur mit Passierschein. Die Ehe der Eltern währte nicht lange, als Uliana vier war, zog der Vater aus. Später heiratete die Mutter Ulianas Vater zum zweiten Mal. Kurz darauf wurde er aus dem Militär entlassen, saß zu Hause, begann zu trinken. Es dauerte nicht lange, bis sie sich wieder trennten.