Die Mädchen in der Schule mochten Uliana nicht, die Jungs interessierten sich zu sehr für sie. Aber wenn sie Hilfe brauchte, war da immer einer, der gern vorbeischaute. Mit 16 reiste sie zum ersten Mal ins Ausland, nach Japan. Für eine Missoni-Show bekam sie 1000 Dollar am Tag. Alles schien so einfach. »Die Japaner mögen junge lächelnde Mädchen.« Sie nahm ab, so viel, dass ihre Periode ausblieb. Dann musste sie Hormone nehmen, nun war es noch schwerer, das Gewicht zu halten. Sie beißt in ihren Müsliriegel. »In Europa kann ich nur arbeiten, wenn ich gar nichts esse.« Sie lacht. Ihr Gewicht bestimmt ihr Wohlbefinden.

Ein Jahr später in Hongkong bekam sie Depressionen, als nach einem Monat plötzlich die Jobangebote ausblieben. Vergangenen Winter in Peking war es noch schlimmer. Alle Kleider waren ihr zu klein, und bei Castings sollte sie es vermeiden, Russisch zu sprechen. Die Chinesen mögen die Russen nicht besonders. Uliana hockte in der Wohnung und mailte stundenlang mit ihrem Freund. Sie hatte keine Lust hinauszugehen, die immergleichen Fragen zu beantworten. Zu immer neuen Bekannten immer nett zu sein. Man kann sagen, dass sie gar nicht richtig in Peking war, sie weilte in einer Art virtueller Zwischenwelt. Sie hat oft kaum Erinnerungen an die verschiedenen Orte, entsinnt sich nur, was sie dort nicht gegessen hat.

Indien ist für sie der letzte Test, ob sie sich die Anstrengungen des globalen Lebens weiter antun mag. »Wenn ich in Indien gut verdiene, mache ich weiter. Wenn nicht, höre ich auf.« Und dann? Ein Freund der Mutter ist Rechtsanwalt, vielleicht könnte sie bei ihm anfangen.

Im Flugzeug nach Mumbai wird Uliana melancholisch. Sie fürchtet, die Beziehungen zu ihren Freunden zu verlieren, wenn sie zu oft zu lange fort bleibt. Zu viele neue Erfahrungen, die sie nicht mit ihnen teilen kann. Warum tut sie sich das an, warum macht sie das? Sie brauche das Geld, sagt sie. Sie bezahlt die Universitätsgebühren davon. Und sie mag es, angeschaut zu werden. Wenn sie über den Laufsteg schreitet und alle Blicke auf ihr liegen. In diesem kurzen Augenblick ist sie ganz bei sich. Der Höhepunkt aller Narzisse. Sie sagt, im Russischen gebe es ein Sprichwort. Es heißt: Die Schönen führen ein unglückliches Leben. Sie lacht kurz auf. Es gibt aber auch noch ein anderes. »Krasota spaset mir.« Schönheit rettet die Welt.

Ein Fahrer holt Uliana vom Flughafen in Mumbai ab. Draußen ist es noch dunkel, Menschen tauchen am Straßenrand auf und verschwinden wieder in die Nacht. Es ist sechs Uhr morgens, 25 Grad plus. Im Wagen bläst die Aircondition, Uliana fröstelt. Sie wird jetzt erst mal schlafen.

Ankit Mehta wartet in dem winzigen Büro von Inega Model Management. Drei kleine Schreibtische drängen sich hintereinander, sie reichen fast von einer Wand zur anderen. Mehta hat Uliana gebucht, ihr Ticket bezahlt, die Papiere für ihr Visum geschickt. Er ist 22 und redet so schnell, dass er zwischen den Sätzen um Atem ringen muss. Das Telefon und sein Handy klingeln abwechselnd. Seit einem Jahr arbeiten in Indien so viele ausländische Models wie noch nie zuvor. Mehta erklärt das so: Multinationale Unternehmen drängen auf den Riesenmarkt Indien, sie fordern internationale Models für ein internationales Image. Gleichzeitig wollen indischen Firmen global agieren. Da wirken internationale Models weltgewandter. Mädchen wie Uliana sind die Vorboten des westlichen Schönheitsideals: große Augen, großer Mund, schlank und vor allem hellhäutig. Indiens Markt für Kosmetikprodukte, die die Haut aufhellen sollen, ist in den letzten fünf Jahren um zwei Drittel gewachsen.