Schon jetzt ist klar, welche Szene von Der freie Wille in Erinnerung bleiben wird: Der Triebtäter Theo Stöhr (Jürgen Vogel) liegt allein mit offener Hose auf seinem Bett und masturbiert; man sieht die Erektion und die fliegende Handbewegung; der Mann zerrt seinen Penis, als wolle er ihn ausreißen; oder als wehre er einen Angriff ab. Es ist ein aussichtsloser Kampf: Ein Mensch ringt mit seinem Trieb. Der Schauspieler Jürgen Vogel entblößt sich dabei auf eine Art, die man im Alltagskino noch nicht gesehen hat.

Ein biblischer Zorn herrscht in diesem Moment: Wenn dich dein Drang ärgert, reiß ihn aus. Jürgen Vogel umspielt die mörderische Wurzel des Triebes nicht nur; er macht sie sich zu Eigen. "Es steckt etwas von Theo in mir", sagt Vogel. "Wenn man eine Figur wirklich ernsthaft spielt, darf man keine Distanz zu ihr aufbauen. Ich kann doch nicht als Schauspieler bei der Sexualität wegschauen, wenn ich einen Vergewaltiger spiele. Ich muss versuchen, da reinzugehen."

Er will herausfinden, wie fern die Grenze ist zwischen einem so genannten Verbrecher und ihm selbst. "Was verbindet mich mit dem? Wie hätte es auch passieren können – mit mir?"

Vogel spielt den Machtrausch, der in der Begierde wohnt, die Einsamkeit der Lust. Er zeigt, wie Theo von seinem Trieb in die entferntesten Winkel der Stadt gezwungen wird, wie er unter einem Werbeplakat mit einer nackten Schönen sitzt und eine bekleidete Schöne vorbeigehen sieht und dann die Hände vor dem Schoß faltet, als lege er einen Sperrriegel vor. Aber man sieht auch, wie er eine Frau niederzwingt, ihr den Slip auszieht, sich selbst die Hose runterzerrt, in die Hände spuckt und über die Frau herfällt. Und man hört seinen Atem, als wäre es der Atem eines Astronauten während eines Weltraumausflugs.

Es wird nie erklärt, woher Theo seinen Hass und seine Wut hat, warum er wurde, wie er ist. Andere Filme würden ein Begründungsmodul einbauen, eine Entlastungsrückblende in Theos schlimme Kindheit. Der freie Wille, einer der vier deutschen Wettbewerbsbeiträge der Berlinale, verzichtet darauf.

Das kommt Vogels Spielweise entgegen. Er meidet rasche Erklärungen. Er sieht einen Mörder nicht als "Fall", nicht als Bündel verheerender Einflüsse.

Er sagt von sich, dass er sich nicht in seine Figuren verwandle, dass er nicht in Rollen verschwinde. Solches Spiel findet er befremdlich, künstlich, rekordsüchtig. "Ich habe Schauspieler erlebt, die fast gierig darauf sind, sich zu verleugnen. Denen ist es eine große Freude, aus ihrer eigenen Haut rauszukommen, eine Glücksvorstellung. Das will ich gar nicht, ich finde es sogar ungesund, immer in eine andere Identität zu wollen und zu zeigen, wie toll man jemand anderes sein kann. Mich berührt es viel mehr, wenn jemand was von sich gibt."

Er nennt sich einen bekennenden Selbstdarsteller. Er hängt sich fremde Biografien, Rollen über wie Kleider, in denen aber immer er, Jürgen Vogel, zu erkennen ist. Eine Schauspielausbildung hat er nie gemacht, an der Schauspielschule hielt er es nur einen halben Tag aus. Er fand es dort "unsexy: wenig Spaß, viel Ehrgeiz, wenig Lebensfreude". Eine große Gleichschaltung sei da im Gang gewesen, die ihn, hätte er sie drei Jahre lang ertragen, in den Vollalkoholismus getrieben hätte.

"Ich kann", sagt er, "nur aus mir selbst schöpfen. Alles andere wäre Zwang." So verwandelt er in Der freie Wille nicht sich in den Triebtäter, sondern den Triebtäter in sich. Er haftet mit seiner nackten Haut für die Figur, die er spielt. Er will diesem Täter die Aura des Dämonen nehmen und ihn, mit all seinem Hass, als einen von uns kenntlich machen. Das tut er mit ungeheurer Sicherheit. Der Film, sagt Vogel, sei in großer Freiheit entstanden, viel habe sich "aus der Figur" ergeben. Nichts sei geprobt, nur eine einzige Szene sei vom Regisseur Matthias Glasner wiederholt worden, alles andere habe auf Anhieb gestimmt.

Er hat recherchiert, mit Männern gesprochen, die Vergewaltigungen begangen haben. "Das war auch wichtig. Es war aber ebenso wichtig, sich von diesen Informationen wieder zu lösen. Ich wollte mit mir arbeiten, nicht mit einer anderen Biografie." Diese Art des Spiels nennt er seine Art, Politik zu machen; die Haltung zu Figuren sei Politik; es gehe darum, jemanden nicht zu vernichten, der eine schlimme Geschichte habe.

Jürgen Vogel wirkt, als kenne er das Gefühl der Peinlichkeit nicht. Da sei, sagt er, etwas dran. Größer als jedes Peinlichkeitsgefühl sei sein Trotz, der ihn dazu bringe, etwas gerade dann zu tun, wenn es missbilligt werde.

– Herr Vogel, es gibt eine Szene in Wim Wenders’ deutschem Road-Movie Im Lauf der Zeit , die legendär ist. Man sieht, wie Rüdiger Vogler niederhockt…

– Und kackt…

– Genau. Jeder erinnert sich an die Szene. So wird es vielleicht Ihnen mit der Masturbationsszene oder den Vergewaltigungsszenen aus Der freie Wille gehen. Ist ein Schauspieler durch solche Erinnerungen nicht gebrandmarkt?

– Das würde mich nicht stören. Ich denke nicht darüber nach, was das für Folgen hat, sondern ich denke eher, es ist gut, das jetzt zu erzählen. Mir ist da nix peinlich. Ich bin so einfach gestrickt, dass ich denke: Jedermann onaniert, jetzt hab ich’s auch getan. Es ist kein Tabu, das zu tun.

– Aber Sie wussten gleich, worauf ich anspielte, als ich Im Lauf der Zeit erwähnte…

– Weil es mich beeindruckt hat. Ich fand das irre, so echt; es brachte mir den Film näher. Aber es ist interessant, dass uns das so beschäftigt. Unser Alltag ist so aufgeräumt, dass wir selbst die Realität als was Absurdes sehen. Vor der Kamera wird das ein Skandal, was jeder zwei- oder dreimal am Tag macht. Mir geht’s nicht um die Provokation, mir geht’s um Wahrhaftigkeit.

– Kann Öffentlichkeit nicht eine wahnsinnige Last sein? Dass ein paar hunderttausend Leute sich daran erinnern, wie Sie in kompromittierenden Situationen stecken?

– Daran würde ich niemals denken in meiner Arbeit; damit würd ich mich nicht belasten. Würde ich ans Publikum denken, könnte ich nicht mehr arbeiten. Man wäre bestechlich, eitel; es ginge dann nur darum, geliebt werden. Auf diese Art will ich nicht geliebt werden.

Darum ging es ihm freilich nie. Jürgen Vogel ist das Gegenteil eines gefälligen Herrn, eines Verkaufsschauspielers. Seine Figuren sind unhöflich und sagen nicht Danke. Es gibt etliche Filmszenen, in denen er sagt: "Ich geh dann mal." Er ist der Mann, dem die Geselligkeit zu viel wird, noch eh sie recht begonnen hat. Der Mann, der mitten im Telefongespräch den Hörer einhängt. Anschließend sieht man ihn dann – noch eine wiederkehrende Szene – allein über eine Brücke gehen, unter der endlose Güterzüge hindurchdonnern.

In seinen Rollen ist er der Junge im dunklen Wald, der selber wild geworden ist. Ein Produkt unserer Städte, gefährdet, aber nicht schuldig. Er sieht immer aus wie ein Mitgefangener, aber er ist einer, der den Mut hat, im Spiel zu bleiben, wenn der Galgen errichtet wird.

Jürgen Vogel ist der Schicksalsprügelknabe des deutschen Kinos. Keiner steckt so oft und so tief in der Scheiße wie er. Er ist der Mann, der für uns dahin geht, wo nichts mehr geht.

Für die Deutschen ist er heute das, was Heinz Rühmann in den fünfziger und sechziger Jahren war: der Darsteller, der aus ihrer Not eine Tugend macht. Seine Filme heißen beispielsweise Kleine Haie, Stille Nacht, Fette Welt, Zornige Küsse, No Go, Nackt. Die Frustration der Deutschen ballt sich in ihm zum Stolz. Die untröstliche Einsamkeit findet in ihm eine Haltung – als wolle er das Leben genau so.

Wo Heinz Rühmann den Schmerz bagatellisiert und weich landet, da fällt Jürgen Vogel aufs Maul. Wo Rühmann Opportunismus zur Pfiffigkeit und Kleinmut zur Bescheidenheit verklärte und lauter fidele, überall durchrutschende, enthaltsame, auf Freiersfüßen von einer Peinlichkeit zur nächsten hüpfende Männchen ins Gedächtnis der Deutschen entließ, da ist Jürgen Vogel der Mann, der uns zeigt, dass alles viel schlimmer ist, als wir ahnen. Aber er zeigt auch, dass es sich dennoch lohnt.

Rühmann spielte den kleinen Mann der Mitte, der immer "Einspruch!" quäkte und höhere Instanzen anrief mit einer quengelnden, Autorität simulierenden Stimme. Jürgen Vogel spielt den Mann, der von Autoritäten nicht mehr zu erreichen ist, einen an den stachligen Rändern hausenden, aufrührerischen Kerl mit tonloser oder peitschender Stimme. Einen Kerl mit einem Unheilsmatrosengang, der so wirkt, als liefe er auf zwei unmerklich auseinander driftenden Bordsteinkanten.

Rühmanns Heil lag im Durchrutschen, im Befördertwerden, im Glück und Lotteriegewinn, er schaffte es stellvertretend für alle nach oben, ins Warme. Vogel hingegen geht an unserer Stelle dorthin, wo wir nicht begraben sein möchten. Er erlebt nicht das, was wir auch erleben möchten, sondern er erspart uns etwas: Er erlebt das, wovor wir uns fürchten. Prügeleien, Suff, Herzeleid, Faschismus, Hunger, Mord, unheilbare Krankheit, Verrat. Und doch pflanzt er uns eine Sehnsucht nach der Wahrhaftigkeit ein, die im Leiden liegt. Er weckt im Zuschauer einen Phantomschmerz: die Ahnung, dass Schmerz sich lohnt. Dass Schmerzvermeidung der langweiligste Weg ist.

86 Filme, sagt Vogel, habe er bis heute gemacht. Und er ist erst 37 Jahre alt. Er entstammt einer proletarischen Familie in Hamburg-Schnelsen, die er verließ, als er 15 war. Aus diesen ersten 15 Jahren, sagt er, stammen die Gründe seiner Kunst.

"Es wäre nichts Gutes aus mir geworden", sagt er, "wenn ich in dieser Familie geblieben wäre." Er wirkt jünger und unfertiger, zugleich aber auch erfahrener als die anderen. Als sei er von Erwachseneren umgeben und doch weiser als sie. Was treibt ihn an?

Schmerz und Wut! Erduldeter, bejahter Schmerz aus der Kindheit, Wut aus einem früheren Leben. Der Schmerz, sagt Vogel, sei sein wichtigstes Arbeitsmaterial; damit könne er umgehen. Und die Wut in ihm sei immer abrufbar. "Wenn ich drei Seiten Text zu sprechen habe, ist das für mich schwerer, als wenn man mir sagte: Du kommst in den Laden und demolierst ihn. Dazu würde mir schneller was einfallen."

Das hat etwas Betörendes für alle, die schwächer sind. In seinen Filmen gibt es oft Bettszenen. Meistens liegt er unten. Auf ihm kauern dann schöne nackte Frauen wie Andrea Sawatzki oder Christiane Paul (in Das Leben ist eine Baustelle) oder die grandiose Sabine Timoteo (in Der freie Wille) und versuchen, den ruppigen, kompakten Kerl unter ihnen zu fassen, zu knacken, an seinen weichen Kern zu kommen. Aber das schaffen sie nicht. Lieber ginge er kaputt, als dass er seine Freiheit aufgäbe.

Und der Schmerz bleibt unbenennbar, unteilbar, weil Vogels Figuren weder das Lügen noch das Verdrängen beherrschen. Sie haben die unraffinierten Gefühle einer früheren Zeit. Oder vielleicht ist es umgekehrt, und sie sind sensibler als alle, die in den Büros auf einer kalten Flirtgleitspur aneinander vorbeihuschen.

"Ich habe eine Batterie, die läuft. Warum soll ich sie ausbauen?"

Die Soziologen haben einen Begriff geprägt für die Superreichen dieser Erde; sie nennen sie "die Unsichtbaren ganz oben". Jürgen Vogels Filmfiguren bilden eine eigene, gegensätzliche Klasse, es sind die stolzen Unberührbaren ganz unten. Sie sind in all ihrem Elend auf dunkle Weise Vorbilder. Menschen, die, nach einem Wort von Henry James, in der Ausgelassenheit der Not ihre Freiheit finden.

– Herr Vogel, Ihre Spielweise ist beinahe wie eine Art Buße: die Bereitschaft, sich zu entblößen und zu kasteien – als müssten Sie was wiedergutmachen.

– Das kann sein. Ich bin da noch nicht drangegangen. Das ist ein Tabu.

– Würde man durch eine Therapie die Quellen des eigenen Spiels verschütten?

– Therapie hab ich schon gemacht, das find ich auch sinnvoll. Aber ich will nicht Filmarbeit als Therapie benützen. Das empfände ich als Missbrauch der Arbeit. Dafür hängt am Film viel zu viel: 40 Leute, ein Regisseur, viel Geld. Da geht’s nicht um mich, sondern um die Geschichte. Ich würde den Figuren nicht gerecht, wenn ich mich da therapieren wollte, es ginge stattdessen um meine eigene Eitelkeit, das will ich nicht.

– Dennoch: Woher kommt die Wut?

– Frühkindliche Ursachen hat das sicher, diese Spielweise. Aber wenn ich nun mal eine Batterie habe, die läuft, warum soll ich sie ausbauen? Ich bin froh, dass sie da ist. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin voll mit Batterien, die mich in den Himmel schießen.

– Haben Sie nicht Angst, dass Ihre große Gestaltungsquelle, der Schmerz, eine Ressource sein könnte, die irgendwann erschöpft, leer gespielt ist?

– Davor hätte ich keine Angst. Weil ich denke, dass dann auf jeden Fall etwas Neues kommt. Ich hoffe sogar, dass bestimmte Dinge sich verbrauchen und verbrennen. Ich denke, alles, was da ist, ist auch irgendwie gut; man sollte es zu was Gutem machen. Und man sollte sich nicht darüber Gedanken machen, ob das vielleicht peinlich sei. Meine Grunderfahrung im Leben ist: Jedes bisschen Mut wird belohnt.

Am Ende eines Gesprächs mit einem berühmten Mann fragt man gern nach den letzten Dingen. Wenn Jürgen Vogel über ein Leben nach dem Tod spricht, wird eine Beschreibung seiner Arbeit daraus. Er sagt: "Ich fände es toll, wenn sich herausstellen würde, dass man nicht einfach irgendwo reingeboren worden ist, sondern dass man es sich selbst ausgesucht hat. Wenn man diesen Gedanken ins Leben übernimmt, ist man nicht mehr Opfer, sondern selbstbestimmt. Du hast dir dein Leben ausgesucht, nun musst du damit klarkommen. Auch das Elend – du hast es gewollt." An diesem Gedanken arbeitet er unaufhörlich – im Kino.