Im Skistadion fährt der Sattelschlepper mit der Videowand in Position, und die besten Langläufer der Welt stellen sich an wie am ersten Tag in der Skischule: stoßen sich mit einem Doppelstockschub ab und gleiten in Zeitlupe ein Hügelchen hinunter. Wo sie stehen bleiben, legen sie eine Markierung neben die Spur. Dann wechseln sie die Ski, und die Übung wiederholt sich. Geduldig steht ein Mann im deutschen Trainingsanzug neben der Loipe und steckt die getesteten Latten in ein Tragegestell. Es dauert, bis unter sechs Paar Ski das schnellste herausgefunden ist. Schon nach zehn Minuten ruft ein Skiurlauber über den Zaun: »Wo ist Behle?« Der Bundestrainer Jochen Behle beim Weltcup in Oberstdorf, wenige Wochen vor den Olympischen Spielen BILD

Der Mann in der schwarz-rot-goldenen Jacke lacht, gar nicht gekünstelt. Dabei hängt ihm diese Frage seit 26 Jahren an, wie Klister an einem verwachsten Ski. Bei den Olympischen Spielen in Lake Placid konnte der Fernsehkommentator Bruno Moravetz den 19 Jahre jungen Athleten im Läuferfeld nicht entdecken. Seine Frage klang besorgt bis verzweifelt und wurde zum geflügelten Wort: »Wo ist Behle?«

Der junge Mann aus dem Sauerland beendete das Rennen als Zwölfter, und das war achtbar in einer Zeit, in der die Skandinavier den Skilanglauf dominierten, höchstens einmal bedrängt von ein paar Sowjetrussen. Bis zum Ende seiner Karriere 1998 hat Behle zwar 28 deutsche Meistertitel gesammelt, aber international nie eine Medaille gewonnen. Seit 2002 ist er Bundestrainer, und seither gewannen die deutschen Langläufer bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften zehn Medaillen. In Turin gehören sie zu den großen Favoriten. Was macht Behle?

Über Nacht bricht Wärme ein. Bis zum Morgen regnet es in den Allgäuer Alpen, und die Wachstests vom Vortag sind so was von für die Katz. Drei Wochen sind es noch bis Olympia, es ist Ende Januar, und in Oberstdorf steht das Weltcuprennen über 30 Kilometer auf dem Programm. Jochen Behle bezieht im matschigen Schnee seinen Posten auf dem Feldherrnhügel. Von hier kann er die Läufer bei der Abfahrt und später beim langen Anstieg sehen. Seine Schultern hängen nach vorn, die Arme sind leicht angespannt. Mit vorgerecktem Kopf verfolgt er das Rennen, über das Funkgerät vor seiner Brust gibt er durch: »Der Tobi kommt rechts, der Fips auch.« Das geht an die Betreuer, die mit Elektrolyt-Getränken am Ende der Abfahrt stehen.

Jochen Behle mag es klar und einfach. Die Folgen der Frage, wo Behle sei, beurteilt er heute pragmatisch: »Sie hat mir keine Nachteile gebracht, sondern von Anfang an für meinen Bekanntheitsgrad gesorgt.« Er hat seinen Sport zwar mit einer Leidenschaft betrieben, die an Besessenheit grenzte. »Aber nach 25 Jahren auf Ski habe ich nicht mehr das dringendste Bedürfnis, selbst zu fahren.« Er nimmt auch persönliche Fragen nicht krumm, so antwortet er: »Seit ich Trainer bin, habe ich zwölf Kilo zugenommen.« Für ihn ist es ein Glücksfall, dass er nach seiner Karriere in der Welt des Langlaufs bleiben konnte. Die Jahresplanung hat sich kaum geändert: Zwischen Oktober und März ist er nur zwei Wochen zu Hause, im Mai beginnen schon wieder die Trainingslager.

Es musste dem deutschen Langlauf richtig schlecht gehen, damit Behle Trainer werden durfte. Als Sportler sagte er oft laut, was ihm nicht passte, und eckte damit beim Verband an. »Wenn wir jedes Jahr die Trainer ohne System wechseln, kommen wir nie voran«, sagte er öffentlich. Er kritisierte brüsk die Saisonplanung und kündigte an, sich auf die Winterspiele 1988 mit seinem Trainer im Alleingang vorzubereiten. Die Funktionäre sperrten ihn bei den Weltmeisterschaften in Deutschland für das 50-Kilometer-Rennen, erst nach einer Aussprache durfte er als externes Mitglied wieder ins Nationalteam. Bei seinen letzten Olympischen Spielen in Nagano vergeigte er die Staffel, die zehn Kilometer klassisch beendete er auf Platz 40.