Langsam, mühsam steigt sie aus der Limousine. Einen winzigen Augenblick lang scheint die Menge den Atem anzuhalten, dann drängt sie los. Es sind Hunderte Fotografen, Fernsehleute, Fans, Schaulustige, eine grell aufleuchtende Wand aus Kamera-Augen. Wie von Sinnen brüllen die Leute ihren Vornamen, wollen eine Pose, einen Blick, ein Bild: »Brischiiiiitt!« Im Licht der Blitze ist ihr Gesicht kreideweiß. Verzweifelt versuchen ihre Begleiter, den Weg zum Eingang zu bahnen, aber die Menge ist überall. Hinten, wo die Sicht am schlechtesten ist, gehen zwei Fotografen aufeinander los. Kameras scheppern zu Boden. Schreie, Schimpfen, Chaos. Man muss wissen, dass die Frau, um die es hier geht, vor dreißig Jahren ihren letzten Film gedreht hat. Vielleicht genügt es auch, einfach umzudenken: Hier tritt kein Mensch auf, sondern ein Mythos. Brigitte Bardot bei den Dreharbeiten zu »Und immer lockt das Weib« (1956). Der Film machte sie 1956 schlagartig berühmt BILD

Brigitte Bardot ist in den Pariser Vorort Levallois gekommen, um eine Weihnachtsaktion der französischen Tierheime zu unterstützen. In einer nüchternen Sporthalle aus den Siebzigern harren Hunderte von Katzen und Hunden darauf, sich in Streichelgeschenke zu verwandeln. Es ist unglaublich, wie sich die Atmosphäre auflädt, sobald Bardot den Saal im Erdgeschoss betritt. Nicht nur den Hunden scheinen die Haare zu Berge zu stehen. Die Tiere brechen in ohrenbetäubendes Geheul aus, die Fotografen klettern auf die Käfige. Einer bricht fast ein. Im Gedränge wird Bardot, die wegen einer Hüftarthrose nur mit Krücken laufen kann, beinahe umgeworfen. Dann eine gespenstische Szene: Inmitten des Trubels zieht Bardot einen mageren Terrier aus seinem Käfig und beginnt, ihn zu streicheln, wie in Trance. Es ist ein Moment, im dem die ganze Tragik ihres Lebens zwischen exzessivem Starruhm und obsessivem Tierschutz aufscheint.

Zwei Tage später in der Fondation Brigitte Bardot. Das Gebäude der von Bardot gegründeten Tierschutz-Stiftung liegt im teuren 16. Arrondissement, nur ein paar Schritte neben dem Eiffelturm. Brigitte Bardot sitzt bereits am Tisch, in schwarzer Hose und dünnem Baumwolljäckchen, vor ihr zwei Champagnergläser. Sie ist ungeschminkt, ungeliftet und sieht aus, als käme sie gerade aus dem Garten. Ihr Blick ist freundlich, aber auch ein wenig unsicher. Um unsere Beine streicht ein erschreckend dünner Irish Setter, ein Mitbringsel von der Tierschutz-Veranstaltung. »Sehen Sie nur, er war halb verhungert«, sagt Bardot und schiebt ein Glas über den Tisch. »Aber ich werde ihn schon aufpäppeln. Finden Sie, dass ihm der Name Caramel steht?«

Das ist sie also. BB. Der größte Star, den Frankreich je hervorgebracht hat. Die Frau, die für eine neue Form der Schönheit stand. Vor ihr waren weibliche Filmstars unerreichbare Wesen, die gestylt über Galatreppen schwebten. Bardot hüpfte im leichten Röckchen über Stock und Stein und fütterte die Kameras mit einem Sex, der verwirrend natürlich war. Von Japan bis New York trugen die Frauen flache Schuhe und kopierten ihre »Sauerkrautfrisur«, mit der sie aussah, als sei sie eben erst dem Bett entstiegen. Sie war die global verständliche Antwort auf die Steifheit der Fünfziger, die pure Körperlichkeit, ein neuer Lebensstil, die Revolution.

Während sie so dasitzt, die grauweißen Haare lose um den Kopf gesteckt, während sie den Hund streichelt und einen Zuckerwürfel für ihn auspackt, ertappt man sich dabei, wie man die Legende in der Legende sucht. Es sind die Lippen, diese einmalig trotzigen Bardot-Lippen, die alles wieder aufsteigen lassen. Die legendäre Anfangsszene von Roger Vadims … und immer lockt das Weib, in der sie nackt hinter wehenden Bettlaken in der Sonne lümmelt. Die junge Bardot barfuß und fröhlich am Strand von St. Tropez. Das Leben als ewige Party, auf der man nur hin und wieder einem Champagnerkorken ausweichen muss. Die Gazettenbilder und die drei Tonnen Rosen, die Gunter Sachs über ihrem Haus La Madrague abwerfen ließ. Und natürlich die schulterzuckende Laszivität, mit der sie in Jean-Luc Godards Die Verachtung ihren Filmehemann Michel Piccoli an den Rand des Wahnsinns treibt.

»Keine Fotos, keine politischen Fragen« lautete die kategorische Bedingung des Sekretärs für ein Gespräch. Und während man noch überlegt, wie sich die unerwünschten Fragen eben doch platzieren lassen – am Anfang oder lieber am Ende, wenn es nicht mehr so schlimm wäre, rausgeschmissen zu werden –, stellt sich das Politische von selbst ein. In Gestalt von Bardots viertem Ehemann Bernard d’Ormale tritt es durch die Tür. D’Ormale, ein Weggefährte des rechtsextremen Politikers Jean-Marie Le Pen, streckt die Hand aus und blafft gleich los: »Arbeiten Sie für eine Zeitung, die diesen Namen überhaupt verdient?« Angespannte Stille. Bardot zieht an ihrer Zigarette. Man hört, wie Caramel den Zuckerwürfel zermalmt.

Zum Glück verdrückt sich d’Ormale gleich wieder. Brigitte Bardot nimmt einen Schluck Champagner, zündet sich eine Zigarette an, lehnt sich zurück und sagt: »Schießen Sie los!« Einen Moment lang sieht sie aus wie ein kleines Mädchen, das etwas angestellt hat und dafür Schelte erwartet. Tatsächlich hat man ihr das 2003 erschienene Buch Ein Ruf aus der Stille mehr als um die Ohren gehauen. In diesem Machwerk, einem 160-seitigen Wutausbruch, wettert Bardot gegen Frankreichs faule Lehrer und freche Schüler, gegen Marihuana, die Politik und die moderne Kunst. Sie zieht über die Schwulen, die Muslime und die Medien her, die Emanzen, die 68er und das Blau von Yves Klein. Was bringt eine Frau, die soviel Anerkennung für ihren Tierschutz bekam, dazu, ein solches Pamphlet zu schreiben? »Die Sorge um Frankreich«, sagt Bardot. Sie habe aufrütteln und provozieren wollen. Sie redet von Vaterlandsliebe. Von der angeblich so großen alten Zeit der Grande Nation. Sie bemüht dumpfe Ressentiments und schimpft gegen die, die den Franzosen alles wegnähmen. Dann eine Art trotziger Schlusspunkt: »Mir ist schnurzegal, was man von mir denkt.«

Um die Meinung der anderen, das muss man ihr lassen, hat sie sich wirklich nie geschert. Bardot tat immer, was ihr gerade in den Sinn kam, egal wie widersprüchlich oder auch verrückt sie dadurch erscheinen mochte. 1961, nach der Geburt des Sohnes, den sie nie haben wollte, rief eine zutiefst unglückliche und depressive Bardot den auf das Babyglück wartenden Fotografen zu, sie sei keine Mutter und werde nie eine sein. Mit diesem Auftritt wurde sie, die stets unbekümmert ihre Männer wechselte, endgültig zum Hassobjekt der Kirchen und Konservativen. Es hat eine gewisse Ironie, dass die Frau, die Achtundsechzig vor den Achtundsechzigern erfunden hat, den Platz der Französin heute ausschließlich im Herzen der Familie sehen will.

Wie sie da sitzt, Champagner trinkt und immer wieder trotzig den Mund verzieht, wirkt sie wie ein ungezogenes Mädchen. Wie ein Kind, das die schlimmsten Dinge ausheckt und trotzdem geliebt werden will. Auf seltsam verquere Weise ist Brigitte Bardot »Brizzi« geblieben, die ungehorsame Zweijährige, die den Finger eines Tages in die Steckdose steckte – und dafür mit einem fürchterlichen Stromschlag bestraft wurde. Brizzi, das streng katholisch erzogene Bürgertöchterchen, das als 14-Jährige mit Roger Vadim Sex im elterlichen Esszimmer hatte. Brizzi, die frivol, promisk, enthemmt war, als man in Frankreich tugendhaft sein musste. Die sich auf dem Höhepunkt der sexuellen Revolution radikal ins Private zurückzog. Brizzi, die immer noch allen zeigen muss, dass sie tun und sagen kann, was sie will. Und die sich diese Freiheit heute offenbar im ultrarechten Abseits beweisen muss. Das Grundgefühl ihres Lebens, sagt Bardot und lacht dabei, sei das eines Gastes, der auf eine Abendgesellschaft kommt, zu der er nicht eingeladen ist. »Vielleicht versuche ich deshalb um jeden Preis den Eindruck zu vermeiden, ich würde mich nach einer Einladung sehnen.« So erstaunt es nicht weiter, dass ihr liebster Film Henri-Georges Clouzots Die Wahrheit ist. Er handelt vom Mordprozess einer »gefallenen« jungen Frau, die ihren Geliebten umgebracht hat. Am Ende hält Bardots Heldin ein bewegendes Plädoyer für sich, für ihre Lebensweise, für »ihre« Wahrheit. »Alle, die Statisten, die Schauspieler und Clouzot haben nach der Szene geklatscht«, sagt Bardot. »Kein Wunder, es brach ja einfach alles aus mir raus.«

Der Regisseur Louis Malle, mit dem Bardot Viva Maria! und Privatleben drehte, beschrieb Bardot einmal als eine »Art Dreifaltigkeit« aus dem Menschen, der Schauspielerin und schließlich dem Mythos Brigitte, der alles so kompliziert mache. Inzwischen gibt es auch noch die Tierschützerin Brigitte und die ultrarechte Brigitte. Sie alle sitzen in der Pariser Rue Vineuse am Tisch. Und ergeben ein Phänomen, das sich nicht fassen oder auch nur einordnen lässt. Weil Bardot mit fast anrührender Offenheit über ihr Leben spricht. Und sich kein bisschen interessiert für die große glanzvolle Kuppel, für das Selbstbild, in dem all die Brigittes zusammenfließen.

Diese Unberechenbarkeit, die Simone de Beauvoir einmal als »verwirrende Ehrlichkeit« beschrieb, ihre ungeschützte, ja ungeschickte Art wurde Bardot oft als Strategie ausgelegt. Zu Unrecht. Einmal, 1961, brachte ihre Impulsivität sie sogar in Lebensgefahr. Während des Algerienkrieges bekam sie einen Erpresserbrief von der rechtsextremistischen Organisation OAS. Sofort veröffentlichte sie eine Antwort im Magazin L’Express, in der sie jedes Zugeständnis ablehnte: »Ich jedenfalls wehre den Anfängen, denn ich will nicht in einem Naziland leben. Hochachtungsvoll, Brigitte Bardot.« Danach musste sie sich monatelang von Leibwächtern beschützen lassen. »Alle sagten, es sei Publicity«, sagt Bardot. Sie schenkt Champagner nach. »Dabei habe ich den Brief ganz spontan geschrieben, obwohl ich Angst hatte. Eigentlich habe ich in meinem Leben nie viel überlegt.« Man hätte ihr gewünscht, dass sie es manchmal doch getan hätte. Man möchte sie schütteln für ihr Stammtischgerede. Für ihren Rassismus, der sie vor Gericht brachte. Und will ihr doch Gerechtigkeit widerfahren lassen: für die Art, wie sie ihr Leben lebte.

»Sie ist einfach nur sie selbst«, hatte ihr erster Mann und »Entdecker« Roger Vadim einmal gesagt. »Es stimmt«, sagt Bardot, »ich war immer ich selbst. Das Problem war nur, dass alle anderen zu wissen glaubten, wie ich war.« Tatsächlich hat sie die Projektionen der anderen – die ganz normale Essenz des Berühmtseins – immer nur als höchst bedrohlich empfinden können. »Ich weiß nicht, wann genau der Rummel anfing«, sagt sie, »ich weiß nur, dass es die Hölle war.« Sie sagt es, während sie den Rauch ausbläst, ohne jede Koketterie, ohne Selbstmitleid. Fast distanziert. Als ob jemand aus der Ferne eine Katastrophe beschreibt.

Es mag absurd sein, eine Frau zu bedauern, weil ihr die ganze Welt zu Füßen lag. Aber Brigitte Bardot war der erste Superstar jenseits des Studio-Systems. Für die Massenhysterie, die sie auslöste, gab es keine Vorstellung. Es gab keine Agentur und nicht die heute üblichen Trutzburgen der PR. Nur eine Hand voll mehr oder weniger dilettantischer Berater, Sekretäre und Schmarotzer. Es gab keinen Schutz vor dem Wahnsinn, der losbrach, nachdem sie 1956 ihren Mambo in … und immer lockt das Weib hingelegt hatte. Nie zuvor hatte man eine Frau auf der Leinwand so tanzen sehen. Brigitte Bardot tanzt diesen Mambo wild, enthemmt und ganz für sich. Sie tanzt ihn vor dem Spiegel und an den Blicken der Männer vorbei. Trotzdem wurde der Auftritt zum Sinnbild erotischer Verheißung und Verfügbarkeit.

»Ich hatte kein Leben«, sagt sie, »ich war eine Gefangene meiner selbst, meines Gesichts. Ich ging nur nachts und in Schleier gehüllt aus, damit man mich nicht erkannte. Ich konnte nie etwas einkaufen. Es gab keine Freiheit. Ich war 20 Jahre alt.« Das Schlimmste, sagt sie, sei ein Aufenthalt in Rom gewesen, als sie mit Godard Die Verachtung drehte. »Ich hatte Zahnschmerzen und musste zum Arzt. Ich wurde von 80 Paparazzi auf Motorrollern durch die Straßen gejagt. Verstehen Sie? Wir wussten einfach nicht, was wir tun sollten.«

Es war nicht nur die schiere Masse der Fotografen. Es war die Angst, eine Art öffentliches Eigentum zu sein. Immer wieder redet sie vom Bild, image, als Einengung, Erstarrung, Festlegung. Und es spricht für ihren völligen Mangel an Eitelkeit, dass sie mit all jenen, die ihren libertinären Lebensstil bewunderten, genauso wenig anfangen konnte wie mit denen, die sie in Tausenden von Briefen als nationale Schande schmähten. Immer spürt man, wie unheimlich ihr die Rolle der Symbolfrau ist, die von Simone de Beauvoir gefeiert und von Marguerite Duras zur »Königin Bardot« gekrönt wurde: »Was wussten die denn schon von mir? Mein Mythos, was ist das?«

Nur eines, sagt sie, erfülle sie heute noch mit Stolz. Dass sie als erste Schauspielerin zum Gesicht der nationalen Symbolfigur Marianne geworden sei. »Wenn im Fernsehen die Wahlergebnisse verkündet werden, dann steht im Hintergrund die Büste. Die Büste von Brigitte Bardot.« Es ist ein wenig befremdlich, wenn sie von sich in der dritten Person redet. Hier bin ich, Brigitte aus La Madrague. Da ist BB, die andere.

Warum ist das so ergreifend? Vielleicht, weil Bardot die Tierschützerin ist, die sich selbst vor BB beschützt. Die Tiere, sagt sie, seien alles, was sie brauche. Sie seien ihre Freunde, ihre Kinder, ihre Liebe. Kein Mensch stehe ihr so nahe wie ihre Hunde. Nicht einmal ihr Ehemann? Die Antwort ist verblüffend: »Wissen Sie was? Ich war immer der Mann meines Lebens.« Einen Augenblick lang möchte man sie in den Arm nehmen.

Im Grunde, sagt sie, interessiere sie sich nicht mehr für die Menschen. »Ich interessiere mich ja nicht mal für mich selbst. Was soll ich tun? Mir die Nägel machen? Ich gehe nie zum Friseur und nicht ins Restaurant, dieser ganze Gesellschafts-kram geht mir nur auf die Nerven. Alles vorbei. Ein für alle Mal!« Je weniger sie mit BB zu tun haben will, desto mehr wird sie von ihr eingeholt. Man kann das traurig oder tragisch nennen. Aber es ist auch faszinierend. Nach zwei Stunden füllt ihr Mythos den Raum jedenfalls bis zur Decke aus.

Caramel schläft. Die Gläser sind leer. Bardot erhebt sich. Sie entschuldigt sich, dass sie die Besucherin wegen ihrer Hüftarthrose nicht zur Tür bringen könne. Wenn sie steht, wirkt sie groß und irgendwie würdevoll. Noch eine Frage: Wann genau kam sie auf die Idee, mit BB abschließen, sich von ihr lossagen zu können? Sie überlegt kurz. »Direkt nach meinem letzten Film, 1973, in dem Moment, als ich ›Stopp!‹ sagte und das Spektakel aufhörte. Es war der Moment«, sagt sie, »in dem ich kein Phänomen mehr war.«