Nur zehn Prozent der Familien galten nach dem Krieg als »heil«

Hartford kamen Tränen, der Mann von der Heimleitung guckte betreten und nahm ihm die Akte wieder ab. Er verlangte einen »ordentlichen« Antrag auf Akteneinsicht. Hartford stellte ihn an Ort und Stelle schriftlich – doch das reichte nicht. Am nächsten Tag wurde das Heim vom zuständigen Hausjuristen der Caritas in Paderborn gerüffelt. Die Einsicht in die Akte »hätte nicht geschehen dürfen«, sagte der Kirchenadvokat, »es könnte ja Negatives für die Erzieher drinstehen«. Für Hartford begann ein langer Kampf um seine Akte.

So weit wie er sind viele andere ehemalige Heimkinder noch längst nicht gekommen. Dabei teilten sein Schicksal in den Gründerjahren der Bundesrepublik Tausende von Gleichaltrigen. In den sechziger Jahren drillten staatliche, katholische und evangelische Erzieher Kinder und Jugendliche in rund 3000 Heimen mit mehr als 200000 Plätzen. Gut die Hälfte der Kinder war zwei bis vier Jahre lang in solchen Heimen. Andere verbrachten ihre ganze Kindheit und Jugend in den oft hermetisch abgeschlossenen Häusern.

Rund 80 Prozent der Heime waren in konfessioneller Hand. Insbesondere die katholischen Frauen- und Männerorden führten jahrzehntelang zahlreiche Erziehungsanstalten. Sie hießen »Zum Guten Hirten« oder waren nach Heiligen und Ordensgründern benannt: Don-Bosco-Heim, St. Vincenzheim, St. Hedwig oder Marienheim.

Heute leben aus dieser Zeit noch mindestens eine halbe, wahrscheinlich aber sogar mehr als eine Million Menschen unter uns, die zwischen 1945 und 1975 in den westdeutschen Heimen groß wurden. Sie sind jetzt zwischen 40 und 65 Jahre alt. Doch seltsam: In einer aufgeklärten Gesellschaft, die scheinbar keine Tabus mehr kennt, ist es für viele von ihnen bis heute nicht möglich, darüber zu sprechen. Selbst nahen Angehörigen offenbaren sie sich mitunter nicht – aus Scham. Sie fürchten sich vor dem diskriminierenden Etikett »Heimkind«, als hätten sie im Zuchthaus gesessen.

Kaum einer hat damals genauer hingeschaut. Die Vormundschaftsrichter nicht, die Fürsorger und Jugendämter nicht, die Schulen, Eltern und Nachbarn nicht, die mit ihren Denunziationen über einen angeblich unsittlichen Lebenswandel insbesondere bei jungen Mädchen oft entscheidend zur Einweisung ins Heim beitrugen. Dabei waren die Heranwachsenden in den fünfziger Jahren besonders belastet: Mehr als 1,5 Millionen Kinder hatten ihren Vater im Krieg verloren, rund 14 Millionen waren aus dem Osten geflohen und hatten Schwierigkeiten bei der Integration.

In den Jahren nach 1945 zogen mehr als 100000 Kinder und Jugendliche bindungs-, heimat-, berufs- und arbeitslos durch Deutschland. Viele Familien waren zerrissen, weil die Väter erst nach Jahren aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrten. Soziologische Studien kommen zu dem Urteil, dass nur zehn Prozent der Familien Ende der vierziger Jahre »heil« waren. Die Wohnungen waren häufig eng, eigene Zimmer hatten die wenigsten Kinder. Das Durchschnittseinkommen einer Familie betrug 1955 nur 280 Mark im Monat. Ein Kind ins Heim zu geben war eine vergleichsweise bequeme und billige Lösung.

Fast zwei Jahrzehnte, von 1949 bis 1967, war das geistig-politische Klima im Westen Deutschlands vor allem von den Konservativen bestimmt. Familienminister Franz-Josef Wuermeling (CDU) etwa organisierte »Kampagnen gegen Schmutz und Schund«. Er wetterte gegen Sexualität und deren Thematisierung in Kunst und Literatur. Es waren auch die Jahre des fleißigen Wiederaufbaus. Und die aufmüpfigen Jugendlichen der fünfziger Jahre mit ihrem Wunsch, anders zu leben, waren die Vorboten massiver Veränderungen der Gesellschaft. Umso verbissener hielt diese Gesellschaft an den überkommenen Idealen und Strukturen fest. Wer wagte, aus der elterlichen Wohnung auszubrechen, und sich neue Freiräume in der Freizeit suchte, riskierte rasch, ins Blickfeld der Jugendfürsorge zu geraten.

Ende der fünfziger Jahre gab es eine zunehmende Zahl von Doppelverdienern, die oft nur noch materielle Ziele hatten: neue Möbel, endlich eine Musiktruhe, Telefon, den ersten Fernseher. Für die Kinder war kaum Zeit. Die Erziehung wurde an Großeltern abgegeben, immer mehr Kinder lebten als »Schlüsselkinder«. Es war so, als hätte sich ganz Deutschland abgesprochen. Die einen feierten ihr Wirtschaftswunder, die anderen verdrängten die Nazizeit.