Sexuelle Gefahren witterten die Erwachsenen überall

Zum Verhängnis wurde Gisela Nurthen ein Tanzabend mit amerikanischer Musik im Februar 1961, zu dem das Jugendheim in Lemgo eingeladen hatte. Die Mutter hatte ihr verboten, dort hinzugehen. Irgendwie entwischte die Tochter ihr doch. Stundenlang tanzte die 15-Jährige an diesem Abend zu »ihrer« Musik. Plötzlich war es schon zehn, sehr spät für damalige Verhältnisse. Das Mädchen fürchtete sich, nach Hause zu gehen. Sie und der Junge, mit dem sie den Abend über getanzt hatte, beschlossen, lieber nach Hannover zu fahren, in die nächstgelegene Großstadt. Was sie da wollten, wussten beide nicht so genau. Sie liefen in der Nähe des Hauptbahnhofes durch die Straßen, tranken noch irgendwo etwas, langsam wurde es hell. Als sie zurücktrampen wollten, hielt nach ein paar Minuten ein Streifenwagen der Polizei neben ihnen. 24 Stunden später folgte ein Richter, der sich Gisela nicht einmal ansah, dem Vorschlag ihres Vormunds beim Jugendamt und schickte sie in das geschlossene Vincenzheim in Dortmund – »weil sonst weitere Verwahrlosung droht«.

Ihre Erziehung besorgten fortan Nonnen, die »Barmherzigen Schwestern«, Vincentinerinnen aus Paderborn. Auch wenn, wie in ihrem Fall, »nichts« passiert war: Sexuelle Gefahren witterten die Erwachsenen überall. Insbesondere in der Musik aus Amerika. Erwachsene und Jugendliche, das waren zwei Welten, die nicht miteinander sprachen. »Es gehört sich nicht«, sagten die Alten. »Das versteht ihr nicht«, erwiderten die Jungen. Die neue Musik aus Amerika verband die Jugendlichen untereinander, es war ihre Sprache. Rock ’n’ Roll, Dixieland, Boogie-Woogie.

»Verstehst du die Texte denn überhaupt?«, wurde Gisela einmal von ihrer Schwester gefragt. »Das ist nicht zum Verstehen, das ist zum Fühlen«, war ihre Antwort. Wenn ihr Idol Elvis im Radio zu hören war, drehte Gisela den Apparat laut und stellte sich ans offene Fenster. Doch das kurze Glück hatte seinen Preis: »Die Nachbarn riefen beim Jugendamt an, weil sie der Meinung waren, dass ich zu laut Musik höre. Und am nächsten Tag kam die Fürsorgerin.«

Giselas alleinerziehende Mutter hatte Angst vor der Frau vom Amt, die häufig unangemeldet in die Wohnung kam. Auch Gisela hatte Respekt vor der Dame mit dem Haarknoten im Nacken und der umgehängten schweren Ledertasche. »So etwas gehört sich nicht für ein Mädchen!«, lautete auch ihre Standardermahnung. Genauso bedrohlich wie die Frau vom Jugendamt waren die Nachbarinnen, denn sie verbrachten anscheinend ihre ganze Freizeit damit, hinter den Gardinen der Fenster die Straße zu beobachten. Das Mädchen verabredete sich deshalb möglichst außerhalb ihrer Sichtweite. Sie mochte die frechen Jungs mit ihren Mopeds: »Mir ging es richtig gut, wenn wir mit den Mopeds durch die Gegend fuhren und mir der Wind durch die Haare fegte. Ich wusste, dass darauf wieder eine Bestrafung folgen würde.«

Die Akte des Jugendamtes schwoll an. »Ich wollte Opposition, den Kleinstadtmief durchbrechen, ich wollte, wie man heute sagt, cool sein«, erzählt Gisela. »Ich wollte etwas anderes, was das genau sein sollte, wusste ich nicht, nur, dass es anders sein sollte.« Die Stadt, in der sie lebte, war in den Augen der Teenager eine langweilige Beamtenstadt, aus der man eines Tages irgendwie entkommen müsste. Die Streifenwagen der Polizei durchkämmten abends die Straßen. Die Beamten leuchteten mit Taschenlampen in die Gesichter der Pärchen auf den Parkbänken, stets auf der Suche nach Minderjährigen, die sich in Büschen oder Hausecken herumdrückten.

Vier Jahre dauerte Giselas unbarmherzige Zeit bei den »Barmherzigen Schwestern« im Dortmunder Vincenzheim, von 1961 bis 1965. In dieser Zeit war sie ohnmächtig einem perfiden Repressionssystem frommer Schwestern ausgeliefert, die sie mit Prügel zu Gebet, Arbeit und Schweigen zwangen. Schon bei geringsten »Verfehlungen« wie unerlaubtem Sprechen oder Weinen, erinnert sich Gisela, hagelte es Schläge oder andere Strafen, obwohl es per Erlass des Sozialministeriums von Nordrhein-Westfalen schon seit 1947 verboten war, in Mädchenheimen zu schlagen, seit 1950 auch in den Heimen für Jungen. Dennoch: Geprügelt wurde oft mit allem, was gerade zur Hand war – mit Teppichklopfern oder Besenstielen. Zwischendurch gab es Boxhiebe in Rücken und Rippen.

Telefonieren war streng verboten, jegliche ein- und ausgehende Post wurde von den Nonnen gelesen und zensiert, viele Briefe kamen niemals an. Gisela durfte ohnehin nur alle vier Wochen schreiben. Die Nonnen strichen ganze Passagen durch und schrieben sogar Bemerkungen in die Briefe der Mädchen an die Eltern, wenn ihnen der Inhalt nicht passte. Besuch war einmal im Monat gestattet, die Gespräche wurden belauscht. Oft saß eine Nonne direkt am Tisch.

»Ich verlor meinen Namen, wurde wie die anderen nummeriert. Wir durften nur schön ordentlich, nach den Nummern sortiert, in Zweierreihen durchs Haus marschieren – zur Arbeit, zur Kirche, zur Toilette, zum Essen.« An jeder Tür musste die Mädchenkolonne schweigend warten, bis die Nonnen auf- und zugeschlossen hatten. An die Wand lehnen war streng verboten. Wer beim gemeinsamen Toilettengang zu lange brauchte, bei dem hämmerten die Nonnen lautstark gegen die Türen. »Alles musste im Blitztempo geschehen.« Nur der Gottesdienst in der Hauskapelle nicht. Neulinge nahmen auf der Empore Platz. Unten im Kirchenschiff saß oft eine ganze Reihe von Mädchen mit kurz geschorenen Haaren, die Köpfe gesenkt, in grauer Kleidung – Heiminsassinnen, die versucht hatten auszureißen.