Uneheliche Kinder hatten für die Nonnen einen besonderen Makel

Für die Nonnen waren ihre Zöglinge nichts als eine Herde von Sünderinnen. Bei jeder Gelegenheit mussten sie sich immer wieder die gleiche Litanei anhören: »Ihr seid nichts wert, ihr seid nicht rein, aus euch kann ohne uns nichts werden.« Alle unehelichen Kinder hatten für die Nonnen einen besonderen Makel. Reinheit und Unversehrtheit der Mädchen waren den »Barmherzigen Schwestern« überaus wichtig. Die Unversehrtheit überprüfte ein alter Frauenarzt, dessen Hände zitterten, auf einem noch älteren Untersuchungsstuhl. Während der gynäkologischen Untersuchungen setzten sich die Nonnen vor den Stuhl und schauten ungeniert zu, egal, wie sehr sich die Mädchen schämten.

»Jede Minute des Tages wurden wir bewacht, auch während des Entkleidens zur Nacht oder beim Waschen. Sämtliche Schamgrenzen wurden dabei verletzt. Die Nonnen standen um uns herum, spielten mit Schlüsseln oder Rosenkränzen, die seitlich an ihren Bäuchen herunterhingen, und fixierten unsere jungen Körper. Was dachten sie bloß dabei?«

Im Waschraum wurde ihnen ein Eimer gereicht, den sie mit warmem Wasser füllten. Dazu Handtuch und Schmierseife. Dann musste jede in eine Toilettenkabine. Nun gingen die Nonnen auf und ab, sie glotzten unter jeden Türspalt, ob die Beine auch weit genug auseinander standen und das Wasser plätscherte, denn das »Unaussprechliche« musste von allem Schmutz und von aller Unkeuschheit gesäubert werden.

Einmal war die Stimmung abends im Schlafsaal etwas ausgelassener, weil die wachhabende Nonne nicht an ihrem Platz war. Das Licht war schon aus. In dem dunklen Raum scherzten die Mädchen über ihre Lieblingslieder. Gisela sang in die Dunkelheit hinein hingebungsvoll einen Song von Elvis Presley. Sie hatte die Nonne nicht hereinkommen hören. Mit einem Ruck wurde sie aus dem Bett gerissen, über den Boden geschleift, den Flur entlang bis zur »Klabause«, jener gefürchteten Zelle mit Glasbausteinen anstelle von Fenstern. Die Ausstattung bestand nur aus einer Holzpritsche, einer groben Decke und einem Blecheimer mit Deckel als Toilette.

Mädchen versuchten, ihren Qualen durch Suizid ein Ende zu setzen

Etwas mehr als die Hälfte aller Heime in der Bundesrepublik war in der Nachkriegszeit allein in katholischer Hand. Die katholische Kirche, insbesondere die daran beteiligten Orden und Gemeinschaften, trifft deswegen die größte Verantwortung für diese unselige Ära öffentlicher Erziehung in der westdeutschen Geschichte. Auf einer Tagung zum Thema »Katholische Heimerziehung in unserer Zeit«, 1959 in Stuttgart, begrüßte Monsignore Alois Hennerfeind, ein Münchner Heimdirektor, die Teilnehmer mit dem Hinweis, dass nach einer Statistik des Deutschen Caritasverbandes 11261 katholische Ordensfrauen und 11127 katholische Laien in den Heimen »aus innerer Berufung und mit der ganzen seelischen Hingabe der erziehungsbedürftigen Jugend dienen wollen«. Der Prälat stolz: »Welch unendlicher Wert an Liebe ist in den 22400 Personen dargestellt, die in unseren 1500 Heimen Tag für Tag erzieherisch wirken!«

In den USA, Kanada und Irland haben ehemalige Opfer dieser Liebe inzwischen das Recht auf Entschuldigung und Wiedergutmachung. Sollten auch die deutschen Heimkinder solche Ansprüche anmelden, müssen sie sich wohl auf einen schweren Kampf gegen die Institution Kirche einrichten. Bei der Deutschen Bischofskonferenz, den Ordensgemeinschaften, bei Caritas und Diakonie weiß man fast nichts darüber, was jahrzehntelang in den konfessionellen Heimen geschehen ist. Man wollte es wohl nicht wissen. Beschwerden wurden meist abgeblockt.

Kein Orden, der Kinderheime unterhielt, hat je eine kritische Untersuchung der dort praktizierten Erziehung veröffentlicht. Die Jubiläumsbroschüren der konfessionellen Heime zum 75- oder 100-jährigen Bestehen überspringen in der Regel diese Zeit. Dabei exekutierten viele Heimleiter und Erzieher nach 1945 zunächst wenig verändert und unreflektiert eine um die Jahrhundertwende ausgeklügelte und vom NS-Regime fortentwickelte Straf- und Besserungspädagogik. Mehr als zwei Jahrzehnte lang interessierte kaum jemanden, was hinter den dicken Mauern geschah.