Elke Page war mit ihrer Schwester Regina 1960 ins Vincenzheim eingewiesen worden. Die 18-jährige Regina musste zusammen mit ihrer knapp einjährigen Tochter Christine kommen. Sie war zwar mit einem 20-Jährigen verheiratet, doch das Jugendamt beanstandete die fehlende gemeinsame Wohnung und hielt sie für eine ordentliche Ehe noch für zu unreif. Ihren Säugling durfte sie jedoch nur einmal in der Woche, am Sonntag, für ein paar Stunden sehen. Obwohl Regina für die Nonnen täglich in einem Saal der Kinderabteilung des Vincenzhauses andere Säuglinge pflegen musste, hatten die Schwestern es dem Fürsorgezögling untersagt, sich im direkt angrenzenden Raum um ihre eigene Tochter zu sorgen. An den Wochentagen konnte sie den Kontakt zu ihrem Kind nur heimlich bewerkstelligen, wenn ihre Freundin Lissy an der Eingangstür »Schmiere« stand.

Die jungen Mädchen im Vincenzheim empfanden es schon als Wohltat, statt in die Wäscherei zur Arbeit in die Großküche abkommandiert zu werden, denn dort hielten sich nur wenige Nonnen auf. Man konnte miteinander flüstern, wenigstens bis die rasselnden Schlüsselbunde der verhassten »Spitzhauben« zu hören waren. Immer wieder versuchten Mädchen, durch Suizid ihren Qualen im Heim ein Ende zu setzen, indem sie aus den oberen Stockwerken sprangen. Recht häufig verletzten sie sich auch absichtlich, in der Hoffnung, dann wenigstens ins Krankenhaus zu kommen. Ein »beliebter« Versuch war es, in der Näherei Stecknadeln zu schlucken. Doch anstelle des erhofften Krankenhausaufenthaltes setzten die Nonnen den Mädchen oft nur eine große Schüssel Sauerkraut vor, das sollte helfen.

Es waren meist nichtige Gründe, die zur Einweisung in die Erziehungsanstalten führten – Gründe, die ein gesellschaftliches Kartell bestimmte, zu dem Jugendbehörden, Gerichte, Lehrer, Nachbarn, Eltern und vor allem die damals noch einflussreichen Kirchen gehörten. Sie legten fest, was gut und böse, wer brav und wer ungezogen war und ab wann ein Mädchen als »sexuell verwahrlost« zu gelten hatte. Sie verkündeten als eine Art Naturgesetz, dass die uneheliche Geburt eine Schande sei.

Gisela hatte als kleines Kind immer darüber gegrübelt, was es denn heiße, »unehrlich« geboren zu sein. Sie hatte das Wort »unehelich« falsch verstanden und einen Begriff gesucht, den sie kannte: unehrlich. Irgendetwas stimmt mit mir nicht, dachte sie, auf ihrer Geburt müsse wohl eine Lüge lasten, wie ein schwarzer Schatten. Das Missverständnis bestand lange, denn sie spürte, dass sie besser niemanden danach fragte. Wen auch? Ihre Mutter nicht, die Nachbarin nicht, die Mitschüler nicht. Bis sie eines Tages als junger Teenager begriff. Was die Sache nicht besser machte.

Der ehemalige Jugendamtsmitarbeiter aus Paderborn Rudolf Mette erinnert sich noch gut an die jahrelang vorherrschende Praxis: »Die Vormundschaftsrichter haben sich die Kinder praktisch nie angesehen. Sie haben nach Aktenlage sehr schnell entschieden, ohne Auseinandersetzungen, ohne großes Hin und Her. Oft habe ich den Antrag auf Fürsorgeerziehung morgens zum Gericht gebracht und konnte gleich warten, bis ich den Beschluss in der Tasche hatte. Der war zwar vorläufig und musste nach Ablauf von sechs Wochen noch einmal bestätigt werden, aber das war Routine. Eine kritische Betrachtung der Einweisungen fand überhaupt nicht statt. Die Richter haben immer für die Heimeinweisung des Kindes entschieden. Immer. So habe ich das erlebt, und so war es überall im Lande.«

Die Gesellschaft wollte mit Wegsperren und Ausgrenzen die drohende weitere »Verwahrlosung« der Jugendlichen bekämpfen. Doch was war das eigentlich? »Beim Jugendamt haben Lehrer angerufen und auf Schulversäumnisse oder häufiges Zuspätkommen hingewiesen«, sagt Rudolph Mette. »Nachbarn berichteten, dass ein Kind einer alleinerziehenden Mutter unpassend gekleidet sei oder mit 15 schon einen Freund oder Freundin hatte, auf Tanzveranstaltungen ging und die Schule schwänzte. Unpassend gekleidet konnte heißen: mit knisterndem Petticoat oder mit engen Hosen, weitem Pullover, offenen langen Haaren oder Pferdeschwanz.«

In Bad Schwalbach schickte 1964 das Amtsgericht den siebenjährigen Thomas sowie seinen neunjährigen Bruder in die geschlossene Fürsorgeerziehung und setzte als »Gründe« unter sein Urteil: »Die Anhörung der Mutter hat ergeben, dass sie mit den beiden Kindern nicht fertig wird. Tatsache ist jedenfalls, das hat die gehörte Mutter selbst zugegeben, dass die Kinder keinen Respekt vor ihrer Mutter haben. Bei Belehrungen lachen sie sie an oder speien aus. Es ist auch schon vorgekommen, daß sie sie u. a. ›blöde Kuh‹ nennen.« Das reichte.

Den Opfern ist es heute ein Bedürfnis, sich endlich freizureden

Wer dann in einem evangelischen Heim von Diakonissen oder in einem katholischen von Mönchen und Nonnen erzogen wurde, erlebte, dass Reden und Handeln weit auseinander klaffen können: Da die frommen Sprüche der Schwestern und Brüder, hier die unbarmherzige Behandlung, die das Kind am eigenen Leib zu spüren bekam. Die ihnen Anvertrauten galten vielen Ordensbrüdern und -schwestern als verlorene Seelen, als wertlose Geschöpfe unter der Sonne Gottes. Sie pflanzten Heimkindern ein tiefes Schuldgefühl ein, das sie bis heute nicht loswurden. Zugleich sollten sie ihren Peinigern auch noch ständig dankbar sein für das, was ihnen im Heim widerfuhr.