Erst die »Heimkampagne« der Apo leitete zu Beginn der siebziger Jahre einen Bewusstseinswandel ein. Die Journalistin Ulrike Marie Meinhof entrüstete sich 1968, dass Familien oft nur »den Heimausweg« wüssten, »weil diese Gesellschaft sich immer noch nicht darauf eingerichtet hat, dass sie zehn Millionen berufstätige Frauen hat und weit über eine Million berufstätige Mütter mit Kindern unter 14. Und weil wir eine Familienpolitik haben, die nichts tut, um die Eltern über Erziehungsfragen aufzuklären, nichts.«

Nach den exemplarischen »Befreiungen« von Heimkindern im Sommer 1969, die an vorderster Stelle von Andreas Baader und Gudrun Ensslin durchgeführt wurden, kamen Reformen in den deutschen Erziehungsanstalten in Gang. Sie besetzten das Büro des Frankfurter Jugendamtsleiters und erzwangen Wohnraum für die befreiten Heimkinder. In vier Wohnungen wurden Wohnkollektive gegründet, nach deren Vorbild die noch heute üblichen »betreuten Jugendwohngemeinschaften« enstanden.

Doch die Kinder, die in den Heimen zuvor gedemütigt und misshandelt worden waren, hatten die Reformer vergessen. Die neuen Erzieher und Heimleiter interessierten sich im anstrengenden Alltag ihrer Arbeit in den achtziger und neunziger Jahren nicht für die Kinder, die vor ihrer Zeit in denselben Räumen geschlagen worden waren.

In der engen und muffigen Zelle, in der die Salvatorianer-Brüder Gerald Hartford bis 1970 einsperrten, hing ein Zettel an der Wand. Darauf stand: »Mein lieber Junge, so wie du es bisher getrieben hast, kann und darf es nicht weitergehen. Die menschliche Gesellschaft mag dich wegen deines schlechten Betragens nicht mehr in ihrer Mitte haben, sie hat dich deshalb in unsere freie und offene Anstalt eingeliefert. Durch die Fortdauer deiner schlechten Führung sieht sich deine Behörde aber leider gezwungen, noch straffere Maßnahmen zu deiner Rettung zu treffen und dir ein Einzelzimmerchen anzuweisen, damit du endlich Einkehr in dich selbst hältst und dein Leben nach den Geboten Gottes einrichtest.« Das Gefühl der Ausgrenzung, der Demütigung und Erniedrigung hat Gerald Hartford bis heute nicht verlassen. Die meisten haben, so wie er, diese Zeit tief in ihrem Inneren weggeschlossen, um überhaupt weiterleben zu können.

Gisela Nurthen hatte ihr Schweigen gebrochen. Dass sich ihre Peinigerinnen bei ihr entschuldigen, wird sie nicht mehr erleben. Sie starb wenige Tage vor Weihnachten.

Zum gleichen Thema erscheint vom Autor in der nächsten Woche das Buch »Schläge im Namen des Herrn« (Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, 300 Seiten, 19,90 Euro)