Dieses Thema wird von den ZEIT online-Lesern intensiv diskutiert

Also sprach Scheich Dschamal, ein Geistlicher in der libanesischen Stadt Sidon: »Die Beleidigung des Propheten Mohammed verpflichtet alle Muslime, Rache zu nehmen.« Mit Dschamal waren Leute gekommen, die für sich in Anspruch nahmen, das »Volk« zu sein, und hielten Schilder hoch: »Tötet die Dänen!« Ein länglicher, rot-weiß-brauner Stoffballen ging in Flammen auf, ein Puppentorso, der den gemeinen Dänen darstellen sollte. Das war ein Einzelfall vor gut einer Woche. Sidon ist in dieser Woche Normalität an vielen Orten.

Dänemark macht Weltkarriere. Man mag über den faden Witz und den etwas bornierten Eifer der dänischen Karikaturenliebhaber geteilter Meinung sein, doch was wirklich verstört, ist der globale Nachhall auf eine schnell vergilbende Ansichtskarte aus der europäischen Provinz. Wie können Karikaturen, die nur wenige Muslime in der Welt je gesehen haben, so viele islamische Länder in Aufruhr versetzen? Wie können die Dänen, von denen nicht jeder Muslim in der Welt schon mal gehört hat, zum kontinentübergreifenden Hassobjekt werden? Das zerstörte Gebäude der dänischen Botschaft in Beirut BILD

Es ist nicht leicht, die Demonstrationen in zwei Dutzend Ländern zu erklären. Aber ein roter Faden wird sichtbar: Die Feinde der offenen Gesellschaft verbreiten in politischer Absicht antiwestliche Ressentiments. Diese Chance bietet sich ihnen, weil die dänische Diplomatie zu lange getrödelt hat, den Karikaturenstreit einzudämmen. Jetzt können muslimische Ideologen die Zukurzgekommenen und Tumultbedürftigen geräuschvoll mobilisieren. Kurzum: Weniger aufrichtige Empörung als handfeste Interessen stehen hinter den Ausschreitungen. Wie funktioniert die Globalisierung der Entrüstung?

Ruhe in Marokko, Grabesstille in Libyen, Gelassenheit am Golf

Im Anfang war Dänemark: Journalisten, denen die Provokation irgendwie am Herzen lag, ein Regierungschef, der mit einer Antiausländerkampagne an die Macht gekommen war, eine Gruppe radikalisierter dänischer Muslime, die in die Welt auszogen, sich an ihrem Land zu rächen. Mit den Karikaturen im Gepäck reisten sie zu den Institutionen der arabischen Welt, an Universitäten, zur Arabischen Liga, um Klage zu führen. Dort zeigten sie nicht nur die gedruckten Zeichnungen, sondern auch unveröffentlichte, weitaus geschmacklosere: betende Muslime beim Sex mit Tieren zum Beispiel. Das Gift war in der Welt.

Nur wenig später protestierte in Ägypten der einflussreiche Großimam der Al-Azhar-Institution Mohammed Sajid Tantawi gegen die Karikaturen. Die Botschafter von elf muslimischen Ländern in Kopenhagen verlangten eine Entschuldigung der Zeitung und einen Termin beim dänischen Regierungschef. Anders Fogh Rasmussen verschärfte die Minikrise um Karikaturen wochenlang und durchaus unnötig, indem er auch nur ein kurzes Gespräch mit den Botschaftern verweigerte. So verbreitete sich das Gift, für das zunehmend mehr Prediger in der islamischen Welt Verwendung fanden.

Der ägyptische Scheich Jussuf al-Qaradawi ist Kult in der islamischen Welt, ein Fernsehstar, ein Stadionereignis, ein Internet-Riese mit weltweiter Reichweite. Was er so sagt und tippt, hat gleichsam Gesetzeskraft für viele muslimische Gläubige. Qaradawi lebt im Exil in Qatar und gründete vergangenes Jahr die International Union for Muslim Scholars mit Sitz in Irland. Mitte Januar warnte er die Dänen, »die wiederholten Beleidigungen des Propheten und seiner Anhänger – 1,3 Milliarden Muslime« einzustellen. Am 29. Januar ließ er wissen: Wenn sich die Dänen und die Norweger (wo eine christliche Zeitung die Karikaturen nachgedruckt hatte) so wenig um die Gefühle der Muslime scherten, »dann ist ein Boykott das wenigste, was jeder Muslim tun sollte«. Die Androhung reichte.

Die Botschaft von Qaradawi und anderen Predigern ging um die Welt, Internet-Portale wie Islam online, Satellitensender, SMS-Nachrichten verbreiteten sie auf Arabisch und vor allem – auf Englisch. Denn nicht die arabische Welt allein, sondern alle islamischen Staaten sollten hören, was im fernen Dänemark so vor sich geht. Längst waren dänische Lebensmittel aus den Regalen der Supermärkte verbannt worden. In den Teestuben wurde das erste Mal in der Geschichte über Dänemark gesprochen. In den Freitagspredigten am 3. Februar war Dänemark das zentrale Thema, erst noch in den Moscheen, danach übernahm die Straße.

Für den europäischen Fernsehzuschauer sind die flammenden Proteste auch eine Erdkundestunde darüber, bis wohin das Verbreitungsgebiet des Islams reicht. In Indonesien zerbrachen die Scheiben dänischer Vertretungen. Auf den Philippinen und in Thailand brannten Flaggen. In Kaschmir, in der indischen Hauptstadt Delhi, in Somalia, Iran, im Irak, im Libanon und in Syrien zieht der Mob der tödlich Beleidigten durch die Städte und verdammt Dänemark, Europa und Amerika gleich mit. In Afghanistan sterben bei den Protesten vier Menschen.

Dagegen bisher weitgehende Ruhe in Marokko, wo die islamistischen Parteien kein Interesse an Lärm im Königreich haben, Grabesstille in Gadhafis Libyen, relative Gelassenheit in den reichen Golfstaaten. Moderate Islamisten in Ägypten und Jordanien rufen zur Gewaltlosigkeit auf. Die bosnischen Muslime sehen im Westen weniger ruchlose Ungläubige als ihre einstigen Befreier von den Serben. Und die Erschießung eines katholischen Priesters im türkischen Trabzon, wohl eher durch die Mafia als durch einen Karikaturenbekämpfer, erregt in der Türkei landesweit Entrüstung – über den Täter.

Das sehr ungleiche Bild in diesen Ländern zeigt, dass hier nicht ein Funke fliegt und prompt die ganze islamische Welt in Flammen steht. Die Proteste sind weder Zufall noch Folge elementarer Erregung, sie sind in den meisten Fällen das Ergebnis gezielt entfachter und so weit wie möglich gelenkter Wut. Denn eine ganze Reihe von Regimen und extremistischen Gruppen haben am »Volkszorn« erhebliches Interesse, sie sind die Profiteure des Protests. Vier Beispiele.

Iran: In der Hauptstadt jenes Landes, das derzeit wegen seines Atomprogramms international am Pranger steht und sich darüber nun auch mit Europa zerstritten hat, verbrannten iranische Demonstranten nicht nur dänische Flaggen. Sie hatten verblüffende Kenntnisse des komplizierten Rotationssystems der EU-Führung und verwüsteten gezielt die Vertretung jenes Landes, das erst vor wenigen Wochen die Präsidentschaft übernommen hat: Österreich. Manchmal muss man den Volkszorn eben etwas kanalisieren, wenn es den Zwecken der Volksführung dient.

Indonesien: In Jakarta demonstrierten mehrere Hundertschaften der Islamischen Verteidigungsfront FPI und forderten Entschuldigungen von Dänemark und indonesischen Zeitungen, in denen Karikaturen erschienen. In der dänischen Botschaft randalierten sie mit Bambusstöcken. Die radikalislamistische FPI kämpft seit den neunziger Jahren für die strikte Durchsetzung der Scharia in Indonesien, womit sie bislang nicht weit gekommen ist. Die Karikaturen sind eine willkommene Gelegenheit, dafür erneut zu lärmen.

Aufrufe zur Demonstration per SMS auf jedes Handy

Syrien: In Damaskus steckten die erzürnten Massen die dänische Botschaft in Brand. Auch hier steht die Regierung wegen einer Serie von Terroranschlägen gegen libanesische Politiker und Journalisten enorm unter Druck. Eine UN-Kommission mit einem Europäer an der Spitze ermittelt gegen höchste syrische Stellen. Die Aufrufe per SMS auf jedes Handy und die wohlkontrollierten Freitagspredigten wider das Dänentum kamen der Regierung als Ablenkung durchaus gelegen. Auch kann im autoritären Syrien keiner eine Botschaft anzünden, ohne dass Polizei und Geheimdienst dies bewusst zulassen. Am Ende durfte die Feuerwehr die Brände löschen.

Libanon: Unweit seines Hauptquartiers in Südbeirut meldete sich am 1. Februar Hassan Nasrallah zu Wort, seines Zeichens Generalsekretär der von Iran und Syrien gepäppelten Hisbollah: »Ich bin sicher, dass Millionen Muslime bereit sind, ihr Leben zu geben, um die Ehre des Propheten zu retten.« Hätte ein Muslim Salman Rushdie, den Autor der Satanischen Verse, umgebracht, fügte er hinzu, würden »andere« es heute nicht wagen, den Islam auch nur scheel anzusehen. Drei Tage später zog der Mob vor die Botschaften Dänemarks und Norwegens und zündete sie an.

Muslimische Fundamentalisten teilen das Interesse an der Wut wider den Westen. Die UN-Ermittlungen über die Terroranschläge im Land stellen die Existenz aller bewaffneten Gruppen Libanons infrage, auch die der Hisbollah. Premier Fuad Siniora und die meisten Libanesen unterstützen diese Ermittlungen. Die prosyrischen Kräfte und die Hisbollah halten weniger davon. Syrien seinerseits käme es gelegen, wenn der Libanon nach dem Abzug der syrischen Truppen nicht zum Frieden fände. Diese Interessen wurden hinter den Kulissen gehandelt, während muslimische Extremisten im christlichen Szeneviertel Beiruts Aschrafijeh randalieren gingen. Es wurden vier schlimme Stunden: zerrissene Poster des jüngst ermordeten Journalisten Gibran Tueni, Lobpreis für bin Laden und al-Sarqawi, eine beschädigte Kirche, entwurzelte Bäume, ein Toter und viele Verletzte. Der Hauch von Bürgerkrieg war genau die Luft, welche die Drahtzieher hinter den Kulissen lieben.

Aber den Schrecken darüber, was da um die Welt geht, teilen viele Muslime mit dem Rest der Menschheit. In Beirut versuchten Imame auf der Straße, die Demonstranten zu beruhigen, einige Muslime stellten sich schützend vor Kirchen. Und im Fernsehen rudert Scheich Qaradawi akrobatisch zurück: »Einige Muslime haben als Antwort auf beleidigende Karikaturen in den Hauptstädten großen Schaden angerichtet«, sagte er auf al-Dschasira. »Das ist nicht hinnehmbar und muss verurteilt werden.« Auf Islam online erscheinen erste Kommentare, in denen die Verurteilung der Karikaturen verblasst vor dem Entsetzen über die radikale Reaktion. Und Dänemarks Premier trifft sich neuerdings gern mit Muslimen. Ob diese späten Interventionen helfen, steht dahin. Zu viele Parteien haben Interesse an der zerstörerischen Kraft der Karikaturen. Und ein wirksames Gegengift ist bisher nicht bekannt.