Der ägyptische Scheich Jussuf al-Qaradawi ist Kult in der islamischen Welt, ein Fernsehstar, ein Stadionereignis, ein Internet-Riese mit weltweiter Reichweite. Was er so sagt und tippt, hat gleichsam Gesetzeskraft für viele muslimische Gläubige. Qaradawi lebt im Exil in Qatar und gründete vergangenes Jahr die International Union for Muslim Scholars mit Sitz in Irland. Mitte Januar warnte er die Dänen, »die wiederholten Beleidigungen des Propheten und seiner Anhänger – 1,3 Milliarden Muslime« einzustellen. Am 29. Januar ließ er wissen: Wenn sich die Dänen und die Norweger (wo eine christliche Zeitung die Karikaturen nachgedruckt hatte) so wenig um die Gefühle der Muslime scherten, »dann ist ein Boykott das wenigste, was jeder Muslim tun sollte«. Die Androhung reichte.

Die Botschaft von Qaradawi und anderen Predigern ging um die Welt, Internet-Portale wie Islam online, Satellitensender, SMS-Nachrichten verbreiteten sie auf Arabisch und vor allem – auf Englisch. Denn nicht die arabische Welt allein, sondern alle islamischen Staaten sollten hören, was im fernen Dänemark so vor sich geht. Längst waren dänische Lebensmittel aus den Regalen der Supermärkte verbannt worden. In den Teestuben wurde das erste Mal in der Geschichte über Dänemark gesprochen. In den Freitagspredigten am 3. Februar war Dänemark das zentrale Thema, erst noch in den Moscheen, danach übernahm die Straße.

Für den europäischen Fernsehzuschauer sind die flammenden Proteste auch eine Erdkundestunde darüber, bis wohin das Verbreitungsgebiet des Islams reicht. In Indonesien zerbrachen die Scheiben dänischer Vertretungen. Auf den Philippinen und in Thailand brannten Flaggen. In Kaschmir, in der indischen Hauptstadt Delhi, in Somalia, Iran, im Irak, im Libanon und in Syrien zieht der Mob der tödlich Beleidigten durch die Städte und verdammt Dänemark, Europa und Amerika gleich mit. In Afghanistan sterben bei den Protesten vier Menschen.

Dagegen bisher weitgehende Ruhe in Marokko, wo die islamistischen Parteien kein Interesse an Lärm im Königreich haben, Grabesstille in Gadhafis Libyen, relative Gelassenheit in den reichen Golfstaaten. Moderate Islamisten in Ägypten und Jordanien rufen zur Gewaltlosigkeit auf. Die bosnischen Muslime sehen im Westen weniger ruchlose Ungläubige als ihre einstigen Befreier von den Serben. Und die Erschießung eines katholischen Priesters im türkischen Trabzon, wohl eher durch die Mafia als durch einen Karikaturenbekämpfer, erregt in der Türkei landesweit Entrüstung – über den Täter.

Das sehr ungleiche Bild in diesen Ländern zeigt, dass hier nicht ein Funke fliegt und prompt die ganze islamische Welt in Flammen steht. Die Proteste sind weder Zufall noch Folge elementarer Erregung, sie sind in den meisten Fällen das Ergebnis gezielt entfachter und so weit wie möglich gelenkter Wut. Denn eine ganze Reihe von Regimen und extremistischen Gruppen haben am »Volkszorn« erhebliches Interesse, sie sind die Profiteure des Protests. Vier Beispiele.

Iran: In der Hauptstadt jenes Landes, das derzeit wegen seines Atomprogramms international am Pranger steht und sich darüber nun auch mit Europa zerstritten hat, verbrannten iranische Demonstranten nicht nur dänische Flaggen. Sie hatten verblüffende Kenntnisse des komplizierten Rotationssystems der EU-Führung und verwüsteten gezielt die Vertretung jenes Landes, das erst vor wenigen Wochen die Präsidentschaft übernommen hat: Österreich. Manchmal muss man den Volkszorn eben etwas kanalisieren, wenn es den Zwecken der Volksführung dient.