Indonesien: In Jakarta demonstrierten mehrere Hundertschaften der Islamischen Verteidigungsfront FPI und forderten Entschuldigungen von Dänemark und indonesischen Zeitungen, in denen Karikaturen erschienen. In der dänischen Botschaft randalierten sie mit Bambusstöcken. Die radikalislamistische FPI kämpft seit den neunziger Jahren für die strikte Durchsetzung der Scharia in Indonesien, womit sie bislang nicht weit gekommen ist. Die Karikaturen sind eine willkommene Gelegenheit, dafür erneut zu lärmen.

Aufrufe zur Demonstration per SMS auf jedes Handy

Syrien: In Damaskus steckten die erzürnten Massen die dänische Botschaft in Brand. Auch hier steht die Regierung wegen einer Serie von Terroranschlägen gegen libanesische Politiker und Journalisten enorm unter Druck. Eine UN-Kommission mit einem Europäer an der Spitze ermittelt gegen höchste syrische Stellen. Die Aufrufe per SMS auf jedes Handy und die wohlkontrollierten Freitagspredigten wider das Dänentum kamen der Regierung als Ablenkung durchaus gelegen. Auch kann im autoritären Syrien keiner eine Botschaft anzünden, ohne dass Polizei und Geheimdienst dies bewusst zulassen. Am Ende durfte die Feuerwehr die Brände löschen.

Libanon: Unweit seines Hauptquartiers in Südbeirut meldete sich am 1. Februar Hassan Nasrallah zu Wort, seines Zeichens Generalsekretär der von Iran und Syrien gepäppelten Hisbollah: »Ich bin sicher, dass Millionen Muslime bereit sind, ihr Leben zu geben, um die Ehre des Propheten zu retten.« Hätte ein Muslim Salman Rushdie, den Autor der Satanischen Verse, umgebracht, fügte er hinzu, würden »andere« es heute nicht wagen, den Islam auch nur scheel anzusehen. Drei Tage später zog der Mob vor die Botschaften Dänemarks und Norwegens und zündete sie an.

Muslimische Fundamentalisten teilen das Interesse an der Wut wider den Westen. Die UN-Ermittlungen über die Terroranschläge im Land stellen die Existenz aller bewaffneten Gruppen Libanons infrage, auch die der Hisbollah. Premier Fuad Siniora und die meisten Libanesen unterstützen diese Ermittlungen. Die prosyrischen Kräfte und die Hisbollah halten weniger davon. Syrien seinerseits käme es gelegen, wenn der Libanon nach dem Abzug der syrischen Truppen nicht zum Frieden fände. Diese Interessen wurden hinter den Kulissen gehandelt, während muslimische Extremisten im christlichen Szeneviertel Beiruts Aschrafijeh randalieren gingen. Es wurden vier schlimme Stunden: zerrissene Poster des jüngst ermordeten Journalisten Gibran Tueni, Lobpreis für bin Laden und al-Sarqawi, eine beschädigte Kirche, entwurzelte Bäume, ein Toter und viele Verletzte. Der Hauch von Bürgerkrieg war genau die Luft, welche die Drahtzieher hinter den Kulissen lieben.

Aber den Schrecken darüber, was da um die Welt geht, teilen viele Muslime mit dem Rest der Menschheit. In Beirut versuchten Imame auf der Straße, die Demonstranten zu beruhigen, einige Muslime stellten sich schützend vor Kirchen. Und im Fernsehen rudert Scheich Qaradawi akrobatisch zurück: »Einige Muslime haben als Antwort auf beleidigende Karikaturen in den Hauptstädten großen Schaden angerichtet«, sagte er auf al-Dschasira. »Das ist nicht hinnehmbar und muss verurteilt werden.« Auf Islam online erscheinen erste Kommentare, in denen die Verurteilung der Karikaturen verblasst vor dem Entsetzen über die radikale Reaktion. Und Dänemarks Premier trifft sich neuerdings gern mit Muslimen. Ob diese späten Interventionen helfen, steht dahin. Zu viele Parteien haben Interesse an der zerstörerischen Kraft der Karikaturen. Und ein wirksames Gegengift ist bisher nicht bekannt.