In meinem Buch Die fremde Braut habe ich aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland berichtet, über Zwangsheirat, arrangierte Ehen und Frauen geschrieben, denen ihre Familien die elementarsten Rechte verweigern. Das Buch hat eine heftige öffentliche Diskussion ausgelöst, weil es gegen eines der bestgehüteten Tabus der türkischen Gemeinschaft verstieß – es machte das Schicksal der gekauften Bräute öffentlich, die mitten in Deutschland ein modernes Sklavendasein führen.

Jetzt werfen mir 60 Migrationsforscher unter anderem aus Instituten in Hamburg, Köln und Essen vor, ich hätte mit meinem Buch die Beachtung bekommen, die eigentlich ihnen zustehe (ZEIT Nr. 6/06). Sie kritisieren, ich hätte »Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt«. Ich empfehle ihnen Besuche von Schulen, Beratungsstellen, bei Frauenärzten oder in Moscheen – dort können sie, wenn sie die Sprache der Frauen sprechen und Zugang zu ihnen finden, erfahren, dass es in diesem Land verbreitet Zwangsheirat, Gewalt in der Ehe, Vergewaltigungen und sogar die Mehrehe gibt; dass kurdische Familienväter minderjährige Nichten nach Deutschland holen, sie als ihre Töchter ausgeben – natürlich Kindergeld beziehen – und mit ihnen in Polygamie leben. Und ich empfehle aktuell die Lektüre der Studie des Frauenberatungszentrums Selis des Stadtrats von Batman in Ostanatolien von Ende Januar 2006. Dort wird berichtet, dass 62 Prozent der Frauen von Familienmitgliedern verheiratet wurden, ohne dass sie vorher nach ihrer eigenen Meinung gefragt wurden. Alles »Einzelfälle«?

Werner Schiffauers Studie Die Migranten aus Subay , in der er anhand von acht Schicksalen über die Türken in Deutschland Schlüsse zieht, war ein Meilenstein der Migrationsforschung. Schiffauer hat damit die qualitative Migrationsforschung auf einen neuen Stand gebracht. Seine grundlegende These allerdings, dass der Weg in die Moderne unaufhaltsam mit einer Ablösung der Einwanderer von ihrer Herkunftskultur und ihrer Neuorientierung an den Werten der westlichen Gesellschaft verbunden sei, ist inzwischen von der Realität widerlegt worden.

Forschung heißt auch, Ergebnisse durch Beobachtung in Frage zu stellen

Die politisch Aufgeschlossenen sind nur allzu gern Schiffauers These gefolgt, die Integration der Türken und Muslime erledige sich gleichsam »von selbst«. Nicht die Integration schien das »Problem« zu sein, sondern die Befürchtung, die Migranten könnten in diesem Anpassungsprozess an die Moderne ihre Identität verlieren. Auch ich bin anfangs dieser These gefolgt und habe die »kulturelle Dimension des Muslim-Seins« ebenso sträflich unterschätzt wie die Macht des islamischen Weltbildes. Als ich 1995 in Berlin versuchte, kopftuchtragende junge Türkinnen zu interviewen, musste ich selbst in Kreuzberg lange suchen, um überhaupt die eine oder andere ausfindig zu machen.

Gehen Sie heute zum Kottbusser Tor in Kreuzberg: Sie werden eher Probleme haben, muslimische Frauen ohne Kopftuch zu finden. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren genau hingesehen, habe mit einigen meiner Interviewpartner wiederholt gesprochen, die Veränderung in der türkisch-muslimischen Community registriert und dabei dazugelernt. Nach meinem Verständnis macht erst das seriöse Forschung aus: die Bereitschaft, die eigenen Ergebnisse durch genaue Beobachtung auch wieder infrage stellen zu lassen. Der Vorwurf, angeblich »Einzelfälle« zu Verallgemeinerungen »aufzupumpen«, ist auch noch deshalb besonders absurd, weil die Mit-Initiatorin dieses offenen Briefes an mich, Yasemin Karakasoglu, in ihrer Dissertation auf über 400 Seiten die Ergebnisse ihrer Befragungen von 15 muslimischen, kopftuchtragenden Pädagogikstudentinnen ihres Instituts auswertet. Sie kommt zu dem Schluss, dass das Kopftuchtragen junger muslimischer Frauen viele »Facetten« habe und das Kopftuch ein Zeichen des neuen Selbstbewusstseins junger Musliminnen ist, dass sie die »glücklichen Töchter Allahs« sind. Diese Erkenntnis qualifizierte Frau Karakasoglu sogar zur Gutachterin vor dem Verfassungsgericht.

Kurios an dem Vorwurf, ich könne keine empirischen Daten vorlegen, ist ferner, dass gerade meine Kritiker aus der gut ausgestatteten Welt der öffentlich finanzierten Migrationsforschung kommen. Auch die Ergebnisse, die der Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer in einer empirischen Studie über Gewaltbereitschaft muslimischer Jugendlicher (Verlockender Fundamentalismus, 1997) vorgelegt hat, passten ihnen nicht ins multikulturelle Konzept. Anstatt inhaltliche Ergebnisse auf den Tisch zu legen, kaprizieren sie sich auf persönliche und wissenschaftliche Diskreditierungen – alles nur, weil ihnen die Richtung nicht passt. Dabei hätten die Institutsleiter, C3- und C4-Professoren, in den vergangenen Jahrzehnten Zeit, Mittel und Assistenten gehabt, die Fragen von Zwangsheirat, arrangierten Ehen, Ehrenmorden und Segregation sowohl quantitativ wie qualitativ zu untersuchen.

Die 60 Migrationsforscher hätten die Fragen stellen können, die ich gestellt habe. Sie hätten auch andere Frage stellen können. Sie haben es nicht getan, weil solche Fragen nicht in ihr ideologisches Konzept des Multikulturalismus passen und weil sie die Menschenrechtsverletzungen nicht sehen wollten und wollen. Damit haben sie aber auch das Tabu akzeptiert und das Leid anderer zugelassen.

Die Unterzeichner bestreiten nicht die Existenz von Zwangsehen, sehen dieses Phänomen aber als eine Art »Heiratsmarkt«, der sich der europäischen Abschottungspolitik verdankt. Gibt es also keine Zwangsheirat in Anatolien? Hat Europa eine Bringschuld gegenüber Ländern, die der EU beitreten wollen? Oder ist es nicht umgekehrt so, dass bestimmte Bedingungen in diesen Ländern erfüllt sein müssen, bevor sie der EU beitreten können?

»Wenn es keine transparenten Möglichkeiten für Einwanderung gibt«, so schreiben die Migrationsforscher, »nutzen die Auswanderungswilligen eben Schlupflöcher.« Soll das heißen, die Europäer sind für die Menschenrechtsverletzungen in Kurdistan und für den Zwang zur Ehe im Islam verantwortlich? Ist also das Brechen von Gesetzen vor einem solchen Hintergrund durchaus legitim? Ebenso wenig bestreiten die Unterzeichner die Existenz von Ehrenmorden, doch »dafür gibt es bekanntlich Gesetze«, schreiben sie. Damit ist das Thema für sie erledigt.

Integrationspolitik darf keine Probleme wegidealisieren

Für mich offenbaren die Forscher in solchen Aussagen ein merkwürdiges Demokratieverständnis und ein merkwürdiges Selbstverständnis ihrer eigenen Arbeit. Offensichtlich verstehen sie ihren Beitrag zu gesellschaftlicher Aufklärung und zur Integration nicht so, dass solche kriminellen Praktiken verhindert werden. Sie wollen sie bestenfalls »in ihrem Entstehungskontext« erklären können. Ich habe ein anderes Verständnis von meiner Aufgabe als Migrationsforscherin. Ich möchte mit meinen Arbeiten zur Integration beitragen und habe deshalb auch keine Probleme damit, mit dem Innenminister der Bundesrepublik, dem Bundesamt für Migration und anderen Stellen zusammenzuarbeiten.

Die 60 Migrationsforscher werfen mir eine unseriöse Vorgehensweise vor, sind sich aber selbst nicht zu schade für den Versuch, mich und andere zu diskreditieren – und damit die ersten Ansätze einer anderen Integrationspolitik in Deutschland. Und mit Seyran Ates und Ayaan Hirsi Ali denunzieren sie Autorinnen, die ihr Leben riskieren, um die Gewalt gegen Frauen zu beenden.

Vielleicht haben die Unterzeichner auch nur Angst um ihre Forschungsmittel. Sie kommen nicht mehr unwidersprochen damit durch, vom unaufhaltsamen Weg der Migranten in die Moderne zu sprechen. Sie merken, dass vielleicht endlich die ersten Ansätze einer realistischen Integrationspolitik betrieben werden, die die real existierenden Probleme nicht mehr wegidealisiert, sondern anzugehen versucht. Zu einer solchen Politik aber hat ihre Forschung nichts beizutragen.