Den allermeisten Briten sagt der Name Martin Kippenberger gar nichts. Zwar gibt sich die Presseabteilung der Tate Modern die größte Mühe und hat die Londoner U-Bahn mit vielen Werbeplakaten für ihre Kippenberger-Ausstellung tapeziert, die erste in England überhaupt. Doch nach dem Namen gefragt, wird der Durchschnitts-Londoner wohl sagen, es handele sich um ein Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und nicht um eine Schlüsselfigur der Gegenwartskunst. Natürlich ist Kunst für die breite Öffentlichkeit auch eher ein Minderheitensport. Aber selbst innerhalb der britischen Kunstwelt gilt Kippenberger als eine eher geheimnisvolle Gestalt, gut geeignet für Mythen und Legenden. Auch fast neun Jahre nach seinem Tod ist sich offenbar niemand so recht im Klaren darüber, wer und was er eigentlich war.

So wird Kippenberger etwa von Adrian Searle, dem Kunstkritiker des Guardian, als ein hochbedeutender Künstler gefeiert. Hingegen sieht ihn Marcus Verhagen in Modern Painters eher als einen Mann, der das Bedeutsame bei jeder sich bietenden Gelegenheit attackierte. Dritte wiederum drücken sich ganz um eine Einschätzung herum – tate etc. zum Beispiel, das hauseigene Magazin des Museums, das nur kleine Erinnerungen von Galleristen, Künstlern und Kritikern abdruckt, die Kippenberger einst nahe standen. So bleibt das allgemeine Kippenberger-Bild seltsam vage und konfus, und es ist weiterhin mühsam, sich seinen Leistungen anzunähern. Doch gerade diese Konfusion und diese Mühen sind es, die Kippenberger erst richtig attraktiv machen.

Kaum ein anderer deutscher Künstler ist bis heute so einflussreich

Es lässt sich nicht verleugnen, dass Kippenberger die britische Kunst der letzten beiden Jahrzehnte mächtig beeinflusst hat. Wie ein rätselhafter Schatten, so heißt es, lauere er hinter den Werken von Damien Hirst, Tracey Emin und den anderen Young British Artists. An den Kunsthochschulen wird seine Kunst geradezu kultisch verehrt. Tatsächlich erfand Kippenberger so etwas wie eine Anleitung für die zeitgenössischen Künstler in England: Mache deine Kunst so allgemeinverständlich, dass sie auch für die Boulevard-Zeitung taugt. Und mache sie zugleich unverständlich genug, um auch den intellektuellen Ansprüchen der Kunstkritiker, der Händler und Käufer zu genügen. So malte er 1984 das Bild Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken, eine Anhäufung vage kubistischer Balken und Kringel und zugleich eine saloppe und gedankenlose Anspielung auf ein sensibles und emotionales Thema, den Nationalsozialismus. Mit diesem Werk frönte Kippenberger ganz offenkundig der Kontroverse. Und suggerierte zugleich, er habe etwas Tiefsinniges über die Deutschen und ihr Verhältnis zur Vergangenheit zu sagen.

Er liebte alle und alles, Jeans und Baselitz und Larry Flint

Ganz ähnlich verfuhr der englische Künstler Marcus Harvey, als er aus vielen tausend Abdrücken von Kinderhänden ein Porträt der Kindermörderin Myra Hindley erstellte, das einen Mediensturm sondergleichen auslöste, als es 1997 in der Royal Academy im Rahmen der Ausstellung Sensation zu sehen war. Auch der berühmte Hai von Damien Hirst mit dem Titel The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living ist eine Variante der Kippenberger-Formel. Dem ziemlich Gewöhnlichen wird dank des Titels eine große Bedeutung angeheftet, so als werde hier tatsächlich Tiefsinniges über die Gegenwart gesagt. In jedem Fall spiegeln beide, Harvey und Hirst, die große Freude Kippenbergers am Exzess.