Das ultimative Symbol der Kippenberger-Methode ist wohl sein Bild Der kapitalistisch futuristische Maler in seinem Auto von 1985, das den Künstler in einem abstrahierten Ferrari zeigt, umgeben von lauter Autoaufklebern, die von seiner Liebe für alles und jedes künden: für die Ewigkeit und Simone de Beauvoir (für die Intellektuellen), für Jeans, fürs Rauchen und für Larry Flint (für den Durschnittsbetrachter) und für Baselitz und Polke (für die Kunstliebhaber). Ist das Ganze nun eine ironische Attacke auf die Promiskuität des globalisierten Kapitalismus? Oder kann man es schnell als Witz abtun, weil Kippenberger entweder alles liebt oder – indem er vorgibt, alles zu lieben – uns eigentlich erzählt, dass er nichts liebe?

Wahrscheinlich eher Letzteres, meint Matthew Collings, der für das Fernsehen die alljährliche Vergabe des viel beachteten Turner Prize kommentiert. Er hält Kippenberger für »den Bannerträger eines langweiligen, traurigen, schurkischen, leeren Nihilismus, der viele Berufsjugendliche weltweit beeinflusst, weil sie meinen, das würde sie besonders schlau erscheinen lassen«. Sicherlich bezieht Collings damit eine eher extreme Position, doch seine Kommentare bieten eine Erklärung dafür, warum das Phänomen der Young British Artists so aufregend und gefährlich ist, sowohl für die englische Kunstwelt als auch für die Leser der Boulevard-Presse. Es ist die Möglichkeit, dass die zeitgenössische Kunst tatsächlich nichts bedeuten könnte.

Allerdings ist Kippenberger angesichts seines Einflusses auf die englische Kunstszene nicht ganz so leicht wegzuwischen. Als Charles Saatchi, der wichtigste Kunstsammler des Landes, vor zwei Jahren in seinem eigenen Museum die Ausstellung Triumph der Malerei eröffnete, waren Hirsts Hai und das ungemachte Bett von Emin abgeräumt, sie waren ersetzt worden durch eine Reihe von Bildern, angefangen bei Kippenberger und Jörg Immendorff bis hin zu Marlene Dumas, Peter Doig und dem aktuellen Megastar Luc Tuymans. Obwohl Kippenberger ja mit unterschiedlichen Spielformen der Kunst gearbeitet hat, mit Malerei, Skulptur, Installation, wurde er plötzlich als Ausgangspunkt für die neueste Modemasche der Kunstwelt »wiederentdeckt«, für die »Rückkehr« der Malerei.

Vielleicht zeigt sich gerade darin sogar die eigentliche Quelle für Kippenbergers ungebrochene Attraktivität: dass aus seinen verwesenden Überresten offensichtlich herausgeholt werden kann, was immer sich ein Künstler oder Kritiker wünscht. Das ist es sicherlich, das viele anzieht und abstößt, die seine Kunst sehen oder darüber schreiben. Das ist es, was die Retrospektive in der Tate Modern zur wichtigsten Londoner Ausstellung dieses Frühjahrs macht.

Aus dem Englischen von Hanno Rauterberg

Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. Mai