Islam heißt Staatsreligion – Seite 1

Angesichts der eskalierenden Konflikte mit islamistischen Gruppen fordern einsichtige Muslime wie der aus Syrien stammende und in Göttingen lehrende Bassam Tibi seit langem die Entwicklung eines Euro-Islams. Er soll, um die Integration in westliche Gesellschaften zu erleichtern, bestimmte Werte der abendländischen Kultur aufnehmen, vor allem die Trennung von Religion und Politik sowie die Anerkennung individueller Menschenrechte.

Dieser Forderung kann man nur zustimmen. Es stellt sich aber die Frage, ob ein solcher Euro-Islam noch ein authentischer Islam ist. Niemand bezweifelt zum Beispiel, dass ein liberaler Jude ein wirklicher Jude ist, auch wenn er sich nicht um koscheres Essen kümmert. Kann aber ein Muslim, der die abendländische Leitkultur bejaht, noch als wirklicher Muslim gelten? Ist ihm zuzumuten, sich einen aufgeklärten oder liberalen Islam zu Eigen zu machen? Schließlich haben sowohl die Trennung von Religion und Politik als auch der Primat des Individuums vor der Gesellschaft, die einander bedingen, christliche Wurzeln.

Die Rechte des Individuums. Die Geschichte des Urchristentums zeigt, dass es der Einzelne war, der sich für den Anschluss an die christliche Gemeinde entscheiden musste. Dies bedeutete oft einen Bruch mit den nächsten Angehörigen. Ein Satz wie »Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert« (Mt 10,37) weist auf diese Situation hin. Wenn auch oft der Hausvater die Religion des Hauses bestimmte, so waren andererseits Ehen von Christen und Nichtchristen nicht ungewöhnlich (1 Kor 7,12–16). Durch die Taufe wurde der Einzelne in die christliche Gemeinde aufgenommen, und dieses Zeichen der Individuation, das sich später sogar mit der persönlichen Namensgebung verband, ist in der volkskirchlichen Situation immer festgehalten sowie durch täuferische Gruppen betont herausgestellt worden.

Wichtiger ist freilich der theologische Sachverhalt, der sich in diesem Zeichen artikuliert. Während die hellenistische Religiosität davon ausging, dass die religiöse Wahrheit der vernünftigen Einsicht, der »Weisheit« (sophia), offen steht und nur aus Uneinsichtigkeit geleugnet werden kann, sagt Paulus von der christlichen Botschaft, sie sei »den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit« (1 Kor 1,23). »Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt zu retten, die daran glauben« (1 Kor 1,21). »Glaube«, durch eine in den Augen der Griechen »törichte Predigt« erweckt, ist also kein intellektueller Vorgang, sondern ein existenzieller Lebensvollzug – ein Überführtwerden von der in der Predigt laut werdenden, den Nichtglaubenden ärgerlichen oder törichten Botschaft. »Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind« (1 Kor 1,25).

Das heißt: Die Wahrheit, die der Glaube glaubt, ist zwar mit anderen Wahrheitsansprüchen nicht kompatibel, aber sie ist auch keine allgemeine oder allgemein einsichtige Wahrheit. Der christliche Glaube ist vielmehr ein durch und durch persönlich geprägtes, das heißt individuelles Phänomen und insofern auch die wesentliche Grundlage des modernen Menschrechtsgedankens, wenn darin auch Momente der stoischen Ethik aufgenommen wurden.

Im Unterschied zum Urchristentum hat sich der frühe Islam nicht auf dem Weg der Mission ausgebreitet, die den Einzelnen anspricht, sondern auf dem Weg militärischer Eroberung. Als Mohammed in seiner Heimatstadt Mekka keine Unterstützung fand, wich er bekanntlich nach Medina aus, wo er mit Hilfe befreundeter Stämme die Herrschaft in die Hand bekam und von wo aus er den Krieg gegen Mekka führte. Damit begann die arabische Eroberung der Länder vom Zweistromland bis nach Spanien, die mit einer kollektiven Islamisierung verbunden war, von der nur Juden und Christen, die Mohammed als seine Vorläufer ansah, bis zu einem gewissen Grade ausgenommen waren.

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Aber auch in diesem Fall sind die theologischen Überlegungen stringenter als die historischen. Für den Islam ist die im Koran begegnende offenbarte Wahrheit zugleich eine allen Gutwilligen einleuchtende Vernunftwahrheit. Immerfort verweist der Koran auf die Wunder der Schöpfung als Beweis für seine Gotteslehre oder auf die Erzählungen des Alten Testaments als Beleg für das Gericht Gottes über die Bösen. Der Islam ist insofern eine Religion von umfassender Rationalität. Sich nicht überzeugen zu lassen ist böswillige Verstocktheit, die vielen Polytheisten in der Frühzeit des Islams das Leben gekostet hat, und vom Islam abzufallen gilt nicht von ungefähr schon im Koran als todwürdiges Verbrechen.

In diesen Zusammenhang gehört das Verständnis des Korans. Während die Bibel ein wie auch immer inspiriertes menschliches Zeugnis von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist, ist für den Islam der Koran selbst die Offenbarung. Dies Buch gilt als wesensgleich mit Gott, ist sein unerschaffenes Wort. Wo im Koran alt- und neutestamentliche Worte und Berichte in einer von der biblischen Vorlage abweichenden Form begegnen, liegt deshalb kein Irrtum Mohammeds vor, vielmehr haben Juden und Christen ihre Schriften später gefälscht. Wegen seiner Wesensgleichheit mit Gott kann der Koran auch nicht übersetzt werden, sodass nur relativ wenige Muslime, die das klassische Arabisch beherrschen, den Koran überhaupt lesen können. In den Koranschulen wird der arabische Koran auswendig gelernt, und in allen Moscheen werden arabische Suren gebetet, auch wenn die Betenden den Sinn der gebeteten Worte gar nicht verstehen.

Darum kann man gegenüber dem Koran auch nicht die Haltung des Glaubens im christlichen Verständnis einnehmen. Zwar trennt der Islam die Menschen in Gläubige und Ungläubige, aber die Gläubigen sind einfach die Angehörigen der Umma, der muslimischen Gemeinschaft, in die hinein man geboren, nicht etwa getauft wird; die Ungläubigen alle anderen Menschen. Keinesfalls aber vollziehen die Gläubigen einen Akt glaubender Anerkennung im Sinn der christlichen Bekehrung, weshalb im islamischen Denken auch eine Apostasie, ein bewusster Abfall vom Glauben, undenkbar ist. Ich halte es kaum für möglich, dieses geschlossene und stark ritualisierte System zu durchbrechen und dem einzelnen Muslim gegenüber dem Koran eine Stellung einzuräumen, wie sie der Christ im Hören und Verstehen gegenüber der biblischen Botschaft einnimmt, ohne den Islam substanziell zu verändern.

Trennung von Religion und Politik. Diese Skepsis verstärkt sich, wenn man bedenkt, dass der Koran den Muslim auch der Scharia unterwirft, also seine gesamten Lebensverhältnisse regelt: Religion, Sittlichkeit, Kult, Kultur, Recht und Politik. Das aber beschränkt die zweite Reformidee für einen Euro-Islam: dass er Staat und Kirche beziehungsweise Religion und Politik trennen soll, um integrationsfähig zu sein. Er darf die staatlichen Entscheidungen nicht mehr an ein religiöses Bekenntnis binden.

Die Trennung von Staat und Kirche ist im Christentum historisch fundiert. Die frühchristlichen Gemeinden hatten keinerlei politischen Einfluss, sondern unterlagen über Jahrhunderte latenter oder manifester staatlicher Repression. Im Bestreben, ihre religiöse Freiheit zu behaupten, waren die Christen aber bemüht, sich als vorbildliche Bürger des heidnischen Staates zu erweisen. »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist« (Mk 10,17).

Diese historische Trennung beruhte auf der theologischen Unterscheidung von irdischem Wohl und ewigem Heil, von weltlichem Recht und göttlicher Gerechtigkeit, von irdischen Staaten und Reich Gottes. Sie hat in Augustins Rede von der civitas terrena und der civitas Dei oder in Luthers Zwei-Reiche-Lehre jeweils zeittypische Ausprägungen gefunden, nachdem sie auf dem Konzil von Nicäa 325 dogmatisch fixiert worden war. Dies von Konstantin berufene Konzil sollte zwar primär den Streit zwischen Arianern und Orthodoxen beenden. Indem aber das Bekenntnis von Nicäa innerhalb der trinitarischen Gottesvorstellung Vater und Sohn sowohl gleichstellte als auch unterschied, wurden Schöpfung und Erlösung, Wohl und Heil als Werke des einen Gottes bekannt und mit gleicher Würde versehen, zugleich aber unterschieden, sodass der seiner Göttlichkeit entkleidete Kaiser seine politische Aufgabe im Auftrag Gottes wahrnehmen konnte.

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Die christliche Trinitätslehre ist das theologische Fundament der Unterscheidung von Religion und Politik. Für den Islam ist dagegen historisch festzustellen, dass Mohammed sowohl Religionsstifter als auch autoritärer Staatsmann gewesen ist. Die Suren des Korans, die entstanden sind, nachdem Mohammed in Medina und später in Mekka die politische Macht errungen hatte, dienen durchweg der Regelung rechtlicher und politischer Belange, und zwar in der gleichen zeitlosen und unhinterfragbaren göttlichen Autorität, wie sie auch den mehr religiös orientierten Suren eignet. Dieser Ausgangspunkt wurde durch das Kalifat fortgesetzt – der Kalif war geistlicher und weltlicher Herrscher – und hat sich bis in die Gegenwart nicht geändert, auch wenn das Kalifat durch andere staatliche Strukturen abgelöst und 1924 von der türkischen Nationalversammlung auch offiziell aufgelöst wurde. Aber selbst in der laizistischen Türkei ist der Islam Staatsreligion, die von dem staatlichen Direktorium für Religionsangelegenheiten gelenkt wird. Deswegen gelingt den Muslimen in Deutschland nicht, sich in einer umfassenden Körperschaft zu organisieren; denn eine kirchenähnliche Organisation neben der staatlichen Organisation ist für den Islam nicht vorgesehen.

Dieser historischen Ausgangssituation entspricht als theologisches Fundament der radikale Monotheismus des Islams. Dessen Grundbekenntnis lautet: »Es gibt keinen Gott außer Gott«, und mit diesem Bekenntnis warnt der Koran vor den Christen, die dem Vater einen Sohn beigegeben haben und damit in den Polytheismus zurückgefallen seien. Dieser gleichsam »naive« Monotheismus ist für die Identität des Islams unaufgebbar und verbietet jede Form der Trennung von Religion und Staat. Der bedeutende Philosoph und geistige Vater Pakistans, Sir Muhammad Iqbal (1873 bis 1938), der versucht hat, islamische Kultur mit abendländischem Denken zu verbinden, hat stets darauf insistiert, dass der Islam keine Kirche, sondern ein Staatswesen sei, die Religion keine Privatangelegenheit, sondern Fundament eines umfassenden gesellschaftlichen Organismus.

Es ist der strenge Monotheismus, der eine Verbindung von authentischem Islam und offener Demokratie ausschließt. Dies zu bestreiten würde bedeuten, das trinitarische Gottesbild in den Islam zu verpflanzen, ein für Muslime abscheulicher Synkretismus. Deshalb ist es ein Gebot nüchterner Einsicht, die Hoffnung auf eine multikulturelle Gesellschaft nicht mit dem Traum eines Euro-Islams zu verbinden. Gewiss gibt es Euro-Muslime, die freilich im Kreis ihrer Glaubensbrüder oft argwöhnisch beobachtet werden; einen Euro-Islam kann es nicht geben.