Aber auch in diesem Fall sind die theologischen Überlegungen stringenter als die historischen. Für den Islam ist die im Koran begegnende offenbarte Wahrheit zugleich eine allen Gutwilligen einleuchtende Vernunftwahrheit. Immerfort verweist der Koran auf die Wunder der Schöpfung als Beweis für seine Gotteslehre oder auf die Erzählungen des Alten Testaments als Beleg für das Gericht Gottes über die Bösen. Der Islam ist insofern eine Religion von umfassender Rationalität. Sich nicht überzeugen zu lassen ist böswillige Verstocktheit, die vielen Polytheisten in der Frühzeit des Islams das Leben gekostet hat, und vom Islam abzufallen gilt nicht von ungefähr schon im Koran als todwürdiges Verbrechen.

In diesen Zusammenhang gehört das Verständnis des Korans. Während die Bibel ein wie auch immer inspiriertes menschliches Zeugnis von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist, ist für den Islam der Koran selbst die Offenbarung. Dies Buch gilt als wesensgleich mit Gott, ist sein unerschaffenes Wort. Wo im Koran alt- und neutestamentliche Worte und Berichte in einer von der biblischen Vorlage abweichenden Form begegnen, liegt deshalb kein Irrtum Mohammeds vor, vielmehr haben Juden und Christen ihre Schriften später gefälscht. Wegen seiner Wesensgleichheit mit Gott kann der Koran auch nicht übersetzt werden, sodass nur relativ wenige Muslime, die das klassische Arabisch beherrschen, den Koran überhaupt lesen können. In den Koranschulen wird der arabische Koran auswendig gelernt, und in allen Moscheen werden arabische Suren gebetet, auch wenn die Betenden den Sinn der gebeteten Worte gar nicht verstehen.

Darum kann man gegenüber dem Koran auch nicht die Haltung des Glaubens im christlichen Verständnis einnehmen. Zwar trennt der Islam die Menschen in Gläubige und Ungläubige, aber die Gläubigen sind einfach die Angehörigen der Umma, der muslimischen Gemeinschaft, in die hinein man geboren, nicht etwa getauft wird; die Ungläubigen alle anderen Menschen. Keinesfalls aber vollziehen die Gläubigen einen Akt glaubender Anerkennung im Sinn der christlichen Bekehrung, weshalb im islamischen Denken auch eine Apostasie, ein bewusster Abfall vom Glauben, undenkbar ist. Ich halte es kaum für möglich, dieses geschlossene und stark ritualisierte System zu durchbrechen und dem einzelnen Muslim gegenüber dem Koran eine Stellung einzuräumen, wie sie der Christ im Hören und Verstehen gegenüber der biblischen Botschaft einnimmt, ohne den Islam substanziell zu verändern.

Trennung von Religion und Politik. Diese Skepsis verstärkt sich, wenn man bedenkt, dass der Koran den Muslim auch der Scharia unterwirft, also seine gesamten Lebensverhältnisse regelt: Religion, Sittlichkeit, Kult, Kultur, Recht und Politik. Das aber beschränkt die zweite Reformidee für einen Euro-Islam: dass er Staat und Kirche beziehungsweise Religion und Politik trennen soll, um integrationsfähig zu sein. Er darf die staatlichen Entscheidungen nicht mehr an ein religiöses Bekenntnis binden.

Die Trennung von Staat und Kirche ist im Christentum historisch fundiert. Die frühchristlichen Gemeinden hatten keinerlei politischen Einfluss, sondern unterlagen über Jahrhunderte latenter oder manifester staatlicher Repression. Im Bestreben, ihre religiöse Freiheit zu behaupten, waren die Christen aber bemüht, sich als vorbildliche Bürger des heidnischen Staates zu erweisen. »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist« (Mk 10,17).

Diese historische Trennung beruhte auf der theologischen Unterscheidung von irdischem Wohl und ewigem Heil, von weltlichem Recht und göttlicher Gerechtigkeit, von irdischen Staaten und Reich Gottes. Sie hat in Augustins Rede von der civitas terrena und der civitas Dei oder in Luthers Zwei-Reiche-Lehre jeweils zeittypische Ausprägungen gefunden, nachdem sie auf dem Konzil von Nicäa 325 dogmatisch fixiert worden war. Dies von Konstantin berufene Konzil sollte zwar primär den Streit zwischen Arianern und Orthodoxen beenden. Indem aber das Bekenntnis von Nicäa innerhalb der trinitarischen Gottesvorstellung Vater und Sohn sowohl gleichstellte als auch unterschied, wurden Schöpfung und Erlösung, Wohl und Heil als Werke des einen Gottes bekannt und mit gleicher Würde versehen, zugleich aber unterschieden, sodass der seiner Göttlichkeit entkleidete Kaiser seine politische Aufgabe im Auftrag Gottes wahrnehmen konnte.