DIEZEIT: Wie kam es dazu, dass sich die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Außerhumanbereich jetzt mit der Würde von Roggen oder Gummibaum befasst? BILD

Florianne Koechlin: In unserer Verfassung in der Schweiz steht seit 1992, dass der Bund der Würde der Kreatur Rechnung zu tragen habe. Dieser Artikel wurde 2002 in dem Gesetz konkretisiert, das gentechnische Veränderungen regelt. Im vergangenen Jahr kam dann die Bundesverwaltung auf uns zu und fragte: Liebe Leute, was heißt das jetzt? Wie können wir denn verhindern, dass die Würde der Pflanze missachtet wird?

ZEIT: Es fängt schon mit der Definition an: Was bedeutet Würde?

Koechlin: Wir haben uns bei dem schwierigen Begriff an die Humanethik angelehnt und gesagt: Jedes Lebewesen, dem man Würde zugesteht, hat einen Wert an sich, losgelöst von menschlichen Interessen oder einem Zweck.

ZEIT: Pflanzen werden vom Menschen laufend verzweckt. Am folgenreichsten, indem er sie isst.

Koechlin: Natürlich kann man Pflanzen nicht in gleicher Weise respektieren wie Menschen. Da macht man ja schon gegenüber Tieren Unterschiede. Nach dem Wesen der Pflanze suchen wir erst, und das ist hoch spannend.

ZEIT: Wie gehen Sie vor?

Koechlin: Als ersten Schritt haben wir eine Literaturstudie an der Uni Basel in Auftrag gegeben, um zu klären, wie viel die moderne Biologie heute weiß. Sind Pflanzen eher den Robotern ähnlich oder eher den Tieren, die flexibel reagieren können? Der neueren Forschung zufolge stellen sich Pflanzen nicht nur auf Lichtveränderungen und Temperaturwechsel ein, sondern auf mindestens 17 Umweltvariablen, die sie quasi messen und mit internen Variablen verrechnen können. Dann kreieren sie eine Reaktion, indem sie zum Beispiel ihr Wachstum ändern oder die Anzahl der Blätter. Pflanzen kommunizieren auch mit anderen Pflanzen oder sogar mit Insekten.

ZEIT: Pflanzen können reden?

Koechlin: Tomatenpflanzen beispielsweise produzieren Abwehrstoffe, um sich gegen Raupen zu wehren. Gleichzeitig sondern sie Duftstoffe ab, mit denen sie die Nachbarinnen warnen: Achtung, da kommt ein Raupenangriff, bereitet euch vor!

ZEIT: Das spricht noch nicht gegen die Robotertheorie. Diese schlichten Umgangsformen dürften in den Genen liegen.

Koechlin: Es gibt auch Untersuchungen, die zeigen, dass Pflanzen für verschiedene Insekten unterschiedliche Duftstoffe verwenden. Tabak lockt bei einem Raupenangriff mit einem Duft parasitierende Wespen herbei, die nur tagsüber jagen; nachts vertreibt er mit einem anderen Geruch die Motten. Das sind übrigens alles Forschungsergebnisse, die man sehr gut in der Landwirtschaft nutzen könnte, indem man solche Abwehrstrategien gezielt stimuliert.