Im nächsten Jahr, 2007, jährt sich die Gründung der ersten englischen Siedlung auf dem nordamerikanischen Festland zum 400. Mal: Jamestown 1607, die Keimzelle der späteren USA. Terrence Malicks Film The New World ist um dieses Ereignis herum gedreht. »Based on historical facts«: die Landung dreier englischer Schiffe mit 103 Mann an Bord, keine Frauen, keine Kinder. Am Ufer versammelt sich eine Schar aufgeregter Algonquins – die bei Malick nicht »Indianer« heißen und nicht »Indigene«, sondern »Naturals«. Indianertocher Pocachontas (Q"Orianka Kilcher) rettet dem englischen Siedler John Smith (Colin Farell) das Leben BILD

Die anschwellende Musik ist Wagner: Das alte Europa rauscht mächtig ein in die Neue Welt auf den Klängen der Ouvertüre zum Rheingold. Die Bilder, die wir zu sehen bekommen vom neuen Kontinent, suggerieren »unberührte Natur«, Wälder, Wasser, Schilfufer, tauchende Naturals. Wagner’s worlds? Eigentlich nicht.

Etwas abseits von der grell bemalten Schar der erregten Naturals schält die Kamera eine einzelne Figur heraus, ein junges Mädchen, unbemalt, eine Naturanbeterin. Das ist Pocahontas, die Hauptfigur des Films; eine Tochter des Chief Powhatan, 12 Jahre alt zum Zeitpunkt der Landung. Das Auftauchen des Körpers und Gesichts dieses Natural-Mädchens, dargestellt von Q’Orianka Kilcher, Tochter eines peruanischen Quechua-Vaters und einer Schweizer Mutter, wird eingeleitet und begleitet von Mozart. Diese Musik bleibt bei ihr den ganzen Film über; Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur, KV 488, langsamer Satz. Malicks Pocahontas-Code, »Leitmotiv«.

Die historische Pocahontas hatte ein Faible für die Neuankömmlinge. Sie war entscheidend daran beteiligt, den vorratslosen englischen Siedlern mit Nahrungsmitteln durch den ersten Winter zu helfen. »Ohne sie wären wir verhungert«, vermerkt der Brief eines Siedlers nach London aus dem Jahr 1608; im zweiten Winter helfen Powhatans Leute nicht mehr. In der Tat verhungern zwei Drittel der Siedler. Erst im dritten Jahr bauen sie dann selbst den notwendigen Mais an.

Amerikas Gründungsmythos ist bei Malick nur eine dumpfe Liebesaffäre

Pocahontas’ Counterpart aufseiten der Weißen ist ein ansehnlicher junger Mann, Captain John Smith (Colin Farrell). Er soll wegen einer Meuterei auf der Überfahrt eigentlich hingerichtet werden, wird aber vom Commander der Siedler, Captain Newport, begnadigt. Der Film führt Farrell und Kilcher schnell zusammen in einer Liebe-auf-den-ersten-Blick-Affäre, womit er die Basis »historischer Fakten« verlässt und sich ansiedelt im Bereich der Liebeslegenden zwischen weißem Conquistador und schönem Natural-Mädchen.

Historie: Fünf Jahre später – nun ist offener Krieg zwischen Engländern und Powhatans; Smith ist längst wieder in London – wird das Mädchen Pocahontas von den Engländern in Geiselhaft genommen für einen Gefangenenaustausch. Sie lernt während ihrer Gefangenschaft den englischen Pflanzer John Rolfe kennen, hilft ihm beim Tabakanbau und wird 1614 (mit Zustimmung ihres Vaters Powhatan) Rolfes Ehefrau. Sie stiftet damit den so genannten Pocahontas-Frieden, der etwa drei Jahre lang Bestand hat. Der Pfarrer der Siedlung, Reverend Alexander Whitaker, tauft sie 1614 auf den biblischen Namen Rebecca. Diese Taufe, im amerikanischen Geschichtsbewusstsein ein Grundbaustein der späteren USA, wurde im Jahr 1840 in der Rotunde des Kapitols in Washington, Amerikas »Geschichtszentrale«, installiert: 1,44 mal 2,16 Meter, Öl auf Leinwand, gemalt von John Gadsby Chapman, noch heute dort zu sehen.

1615 gebiert Pocahontas einen Sohn; sie nennen ihn Thomas, nach ihrem Gouverneur. 1616 beordert die Virginia Company, die oberste Herrschaftsinstanz über die Kolonisten, das Ehepaar Rolfe samt Kind nach London für eine Art Werbekampagne für das Leben in der Neuen Welt. Pocahontas/Rebecca wird King James und Queen Anne vorgestellt.

Also jede Menge Stoff für ein interessantes Drehbuch. »Based on historical facts« und keineswegs aus der Welt im Hinblick auch auf heutige Konfliktlagen in ethnischen Mischgebieten. Malick hat das aber nicht interessiert. Die Umstände der tatsächlichen Geschichte kommen in The New World nur andeutungsweise vor und bleiben unverständlich für den, der die Geschichte nicht genau kennt; Pocahontas’ Taufe etwa ist eine Szene von circa fünf Sekunden. So wundert man sich in Internet-Kommentaren darüber, dass Pocahontas »lächerlicherweise« mit einem Mal Rebecca heißt im Film.

Die Sache mit den Mischehen ging historisch schief: Pocahontas/Rebecca erkrankt in London und stirbt 1617, 22 Jahre alt, an einem »Fieber«. Genaue Todesursache unbekannt; vermutlich eine Infektion. Ebenso möglich ist aber, dass sie im London der Komplotte der 1610er Jahre von jener Fraktion, die sich gegen ein Zusammenleben mit den Roten entschieden hatte – für den Landraub also –, an ihrer Rückkehr nach Amerika gehindert worden ist, etwa durch Gift. »Fever.«

Malicks Film, frei von jeder solchen Problematisierung, konzentriert sich auf die Liebeslegende zwischen Smith und Pocahontas, so wie die Legion amerikanischer Kinderbücher sie zum Geschichtsstandard erhoben hat. Jedes amerikanische Schulkind erfährt irgendwann von der Errettung des Siedlers John Smith durch das Indianermädchen Pocahontas, das die knüppelbewehrten Killer ihres Vaters Powhatan stoppte, indem sie ihren Kopf auf den Kopf des hinzurichtenden Smiths legte und so für sein Leben plädierte. Auch diese Szene findet sich, in Stein gehauen, in der Rotunde des Kapitols sowie im Staatswappen von Virginia. Hieraus hat die Folklore der Jahrhunderte eine Liebesgeschichte von der schönen Wilden und dem tapferen Captain entwickelt, der dann aber zurück nach England muss – und dabei umkommt. So jedenfalls wird es ihr fälschlich berichtet. Sie heiratet dann einen anderen John, den Tabakpflanzer Rolfe, reist mit ihm nach London und sieht dort ihren ersten John lebend wieder, grausam! Und stirbt letztlich an gebrochenem Herzen. Ihr Denkmal steht am Themse-Ausgang bei Gravesend.

Tatsächlich ist die Love-Story der historisch ungesichertste Teil der Geschichte. Noch 1616, im Jahr, in dem Pocahontas/Rebecca nach London kommt, erwähnt Smith in einer Schrift über die amerikanische Kolonie nichts von einer derartigen Rettung. Auch sonst kein Autor. Erst in seiner letzten Darstellung 1624, seinem vierten Buch zu Virginia, ist erstmals von Pocahontas’ Tat die Rede. Zu diesem Zeitpunkt, 17 Jahre nach dem Vorfall, sind alle an der Szene Beteiligten tot, außer ihm selbst. Smith darf als einer der Miterfinder eines neuen Genres gelten, des »historischen Romans«.

Was mag einen Regisseur wie Malick, der etwa alle zehn Jahre einen Film macht und dessen Badlands mir gut in Erinnerung ist, dazu bewogen haben, die abgeleiertste und auch stumpfste Version: Smith als verliebten kolonialen Haudegen, noch einmal vor die Kamera zu zerren? In einem groß angelegten Epos von der unglücklichen Liebe dieses Indianermädchens; mit der nicht einmal Smith selbst behauptet, eine Liebesaffäre gehabt zu haben.

Nun, er gilt als Spezialist für Americana. Und die Pocahontas-Story ist immer wieder verwendet und neu bearbeitet oder auch ausgeplündert worden an bestimmten Knack- oder Wendepunkten der amerikanischen Geschichte, und das nicht selten witzig. Als Peggy Lee im Jahr 1957, zum 350. Jahrestag von Jamestown, dem Soul-Song Fever von Little Willie Smith ihre »Captain Smith and Pocahontas had a very mad affair«-Strophe hinzudichtete, mit der Wendung: »When her daddy tried to kill him, she said ›Daddy, oh don’t you dare. He gives me fever!‹«, dann hatte das neben dem Jubiläumsdatum den klaren Grund, die sexuelle Teenagerrevolte der frühen Rock-’n’-Roll-Jahre zu stützen: »Finger weg von meinem boyfriend, daddy!«

Ebenso machte es Sinn, als Vachel Lindsay 1917 das amerikanische Urpaar für sein großes Gedicht Our Mother Pocahontas aus den Kulissen holte. Das Gedicht war Teil einer Kampagne zum Eintritt Amerikas in den Ersten Weltkrieg. Mit der Reklamierung von Pocahontas als »unser aller Urmutter« wollte Lindsay die europäischen Wurzeln der amerikanischen Einwanderer kappen: »Wir sind nicht mehr Schweden … wir kommen alle aus Pocahontas her«, aus ihrer grundlegenden Rettungstat.

Aus dem Mischlingsmädchen wird die mexikanische Edelnutte

»Pocahontas-Abkömmlinge« nennen sich in Amerika jene Familien, die aus der Linie des Pocahontas-Sohnes Thomas Rolfe stammen. Die offiziell Anerkannten dieser Linie sind zusammengefasst in einem dicken Buch mit mehr als 10000 Namen, eine Art amerikanischer Adelsnachweis. Im Jahr 2007 werden die Poca-Abkömmlinge ihre Echtheit besonders groß feiern in Jamestown, das heißt im heutigen Museumsnachbau der Siedlung an ziemlich der originalen Landungsstelle.

Gute Gründe also für Neuformulierungen der Pocahontas-Story 1916 oder 1957; wie auch für den Pocahontas-Song von Neil Young in den 1970ern, der sich als Teil der Kampagnen und Prozesse gegen die US-Regierung zur Landrückgabe an die Nachkommen der amerikanischen Naturals versteht. Auch im Disney-Film 1995 ist die politische Nutzanwendung gut abzulesen: ein ökologisches Märchen mit Werbung für eine bestimmte Sorte Multikulti und Antitabakpolitik. Was also will Terrence Malick 2006?

Die Antwort fällt ziemlich böse aus. Was der Film mit der 14-jährigen Q’Orianka Kilcher anstellt, dem » Newcomer of the Year«, kommt in meinen Augen einer Kindesmisshandlung nahe. Nicht in dem Sinne, wie die Werbekampagne für Malicks Film Kapital zu schlagen sucht aus dem Puritanismus des religiösen Amerika. Dass nämlich wegen des Alters der Hauptdarstellerin auf Sexszenen zu verzichten war. Verboten! Keine 14-Jährige küssend oder nackt im Jahr 2006 in einem anständigen oscarwilligen Hollywoodfilm! Auf dieser Ebene wird der Körper des 14-jährigen Mischlingkinds geschont. Alle angetretenen Sittenvereine, Gewerkschaften, Regierungsorgane und sonstige Schützer der indigenen Leiblichkeit werden voll zufrieden gestellt.

Die Kindesmisshandlung findet statt in der schamlosen Abtastung des Gesichts von Kilcher in jenen Szenen, in denen der jeweils weiße Mann, ihr Jeweils-Lover John oder John, ihre Hände auf ihre bekleideten Hüften (in einer Fantasie-Leder-Mode), im Stehen in Schilf- oder Blumenfeldern, auf Wiesen an Waldrändern oder Flussufern und Malick seinen Plattenschrank öffnet, Mozart auflegt, und die Kamera fährt hoch von der Hand auf der Hüfte und grabbelt und grabscht, nach kurzem Aufenthalt in Busennähe, minutenlang das ausgesetzte Gesicht von Q’Orianka Kilcher ab. Das »unverdorbene« Mischlingsmädchengesicht wird transformiert in die Züge der »mexikanischen« Edelnutte, wie sie alle Arten des amerikanischen south of the border- Syndroms durchzieht, ob Western, Pornos, Comics, Film oder Print, all that Latin Fucking. Malicks Film mutiert zum kolonialistischen Softporno. Mozarts A-Dur Konzert, funktional vergleichbar etwa Leonard Cohens » Suzanne takes me down«- Song für Hippie-Bett- und Sofa-Zwecke.

Godard merkte einmal selbstkritisch an, er habe in seinen frühen Filmen die Filmmusik verwendet, »wie man Ketchup an einen McDonald’s tut«. Genauso streicht Malick Mozart auf Gesicht und Körper von Kilcher. »Wie die Amerikaner in Afghanistan«, bemerkt der Londoner Freund, mit dem ich den Film ansehe im Apollo Theater, 19 Regent Street. Man bombt die Taliban weg, dann hat man die befreite afghanische Frau, als Erntehelferin und Filmstatistin, und nun zur Tat: Mozart auf den Teller und Kamera aufs hingegebene Gesicht. Der Bock hat sein koloniales Heim gefunden und richtet nun sein Auge – ja, auf was? – auf die Schönheiten von Urlandschaften. Klar, wirklich schön, dieses Virginia. Dieses Ewigkeits-Virginia.

Zwischendrin gibt es ein bisschen Action, zweimal. Die Naturals und die Engländer geraten aneinander, im üblichen Dolby-Surround-Style. Zisch, Flopp, Blopp, Wupp, Kreng! Es fluppert und bongt von allen Seiten, während die Schlagwerkzeuge die Luft durchschneiden und auf Leder oder Fleischiges treffen. Wie flottes Videospiel und mit echt wenig Blut. Im Begleitschmand, den so ein Großfilm durchs Internet schwemmt, liest man von jahrelanger Recherchearbeit in puncto originaler Algonquin-Sprache, vorgenommen von einem richtigen College-Wissenschaftler. Die »Indianer« des Films mussten das auswendig lernen und gurgeln ihr Algonquin nun in ein paar wenigen Szenen ins Ohr westlicher Kinozuschauer. Q’Orianka Kilcher fing sogar an, in Algonquin zu träumen! (Werbetext!) Pocahontas’ »Gedanken« im Film aber kommen als voice-over, das heißt aus dem Off gesprochen, in Englisch über die ahnungslosen Bilder. Wozu der ganze Algonquin-Kurs mit Harvard-Trainer, wenn es, nachdem die Schiffe unter Wagner-Tosen angelegt haben, zu mehr nicht reicht als zu hundertstimmigem »Uh-huh-huh-uh-uh-uh-huh«-Gejuchz der Naturals?

Sowieso geht es ums Lernen des Englischen. Malicks Pocahontas starrt auf den Ozean und murmelt: » Mother!« Mutter Ozean! Das große Wasserloch zwischen den Kontinenten, dessen Befahren unweigerlich zu »Paradiesen« führt, unberührten. Wo willige Eingeborene von ihrem Master – Rolfe kommt auch mal mit Büchern unterm Arm – die richtige Sprache lernen. Dazu »uramerikanische« Bilder, wie man sie auch an den Karl-May-Wasserfällen in Kroatien und sonstwo machen kann. Schnickschnack von »unberührter« Natur – Malicks New World zielt nie auf mehr als Magazinfotografie. Schön fotografiert = kein Bild; könnten Filmemacher wissen.

Klaus Theweleit ist Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Künste in Karlsruhe. Die ersten beiden Bände seiner vierteiligen Studie »Der Pocahontas-Komplex« erschienen 1999 (Stroemfeld Verlag, Frankfurt)