Bei Anflügen von Heimweh sah ich später oft meinen Schulweg vor mir. In der Erinnerung hat er Farben wie auf einem verblassten Foto. Er führte vom Markt unter den zugigen Rathausarkaden entlang rechts am Dom vorbei zur katholischen Schule hinüber. Kaum 300 Schritte können das gewesen sein, 320 vielleicht für kurze Kinderbeine. Es war der erste Weg, den ich allein gehen durfte. Nach der Probezeit: Drei Wochen lang beschattete mich meine ängstliche Mutter – in zwanzig Meter Abstand. Wenn sie mir zu nahe kam, machte ich wilde Handzeichen. Klar konnte ich vorm Dom »richtig über die Straße gehen«, blöde Frage! Markt 8, Minden BILD

Tatsächlich wäre ich am zweiten »Alleine-Tag« fast unter den Bus gekommen. Alle paar Minuten bog einer mit Schwung um die scharfe Kurve am Kleinen Domhof, dem Platz vor dem Gotteshaus. Von den quietschenden Bremsen, dem brüllenden Busfahrer und meinen Tränen habe ich zu Hause nichts erzählt. Sonst wäre es mit der ersehnten Freiheit erst mal wieder vorbei gewesen. So ein Beinaheunfall kam auch nie wieder vor, mein tiefer Respekt vor Bussen hält bis heute an. Nach hinten gucke ich nur noch selten, um festzustellen, ob mir auch wirklich niemand folgt.

Unsere Adresse gefiel mir sehr. Markt 8, das klang kurz, bündig und zentral, das musste man niemandem buchstabieren. Eine gute Geschäftsadresse – mein Vater war Apotheker und elf Jahre lang, bis 1973, Pächter der alten Mindener Löwen-Apotheke. Sie kommt schon gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges in der Stadtgeschichte vor: als zweite Apotheke am Ort, 1645 erstmals verpachtet an einen Herrn Jacobus Moeys, wie ich heute nachlese. Die dem Haus vorgebaute Fassade aus rotem Backstein mit dem hohen Giebel und den grün und schwarz lasierten Steinen stammt von 1899, ebenso die kunstvoll eichenholzgeschnitzte »Offizin«, der denkmalgeschützte Verkaufsraum der Apotheke. Wir wohnten im ersten Stock. Jahrhundertwende also. Eigentlich gar nicht so lange her. Als Kind kam mir das alles unendlich alt und kostbar vor.

Jetzt herrscht Verkehrsfreiheit, dabei sind gar keine Schulkinder mehr da

Der Marktplatz, der Kleine Domhof, die Einkaufsstraßen Scharn und Bäckerstraße – wo wir vor 40 Jahren auf den Verkehr achten mussten, ist längst alles »fußläufig«, so heißt das im Amtsdeutsch. Der Einheitslook der Fußgängerzonen hat auch Minden mit seinen 84000 Einwohnern erfasst. Von Bijou Brigitte bis Douglas beherrschen die üblichen Verdächtigen den Stadtkern. Verdrehte Welt: Die Verkehrsfreiheit von heute hätten wir damals brauchen können! Jetzt sind hier keine Schulkinder mehr unterwegs, die Domschule ist vor Zeiten umgezogen.

Gleich neben ihr lag der katholische Kindergarten. Eigentlich hatte ich da hingehen sollen. Aber bei der Anmeldung waren die Nonnen meiner Mutter, die anders als mein Vater evangelisch war, »dumm gekommen«, das erzählte sie gern. »Eine Mischehe? Dann wird’s aber Zeit, dass das Kind in die richtigen Hände…« – »Ach, das glaub ich nicht!«, hat meine Mutter gesagt, meinen Arm geschnappt und mich hinausgezogen.

So kam es, dass ich bis zur Einschulung sehr oft im Haus und draußen vorwiegend an der Hand meiner Mutter lebte. Außer meiner großen Schwester bekam ich kein anderes Kind regelmäßig zu Gesicht. Ich fand das normal. Was man nicht kennt, kann einem nicht fehlen. Familien gab es nicht in der Nachbarschaft, nur in der Wohnung über uns Herrn Spanier, den Fußpfleger, und seine Frau.

Herr Spanier hatte, trotz seiner vermutlich sehr gepflegten Füße, einen »schweren Tritt«, was in diesem Altbau mit knarzendem Parkett die Darunter-Mieter zu eher unfreundlichen Gedanken trieb. Still war es nie in unserer Wohnung. Nach links sah man zum wieder aufgebauten Rathaus hinüber, dessen Laubengang aus dem 13. Jahrhundert die Bomben des Krieges verschont hatten; rechts war ein Tabakladen (»Kind, besorg mir mal eine Stange Overstolz!«); gegenüber das kleine Kaufhaus Becker, wo wir Bleistifte und Radiergummis als Gewinne für Kindergeburtstage kauften. Und dann, neben dem »Deutschen Kaiser«, aus dem es nach Kneipe stank, das ganz anders als heute eher schäbig wirkende Victoria-Hotel.

Dort habe ich mir ein Zimmer geben lassen, nach vorn raus, es ist sehr hübsch und hell. Ich sehe zu Markt 8 hinüber. »Krane Optic« steht da, wo früher »Löwen-Apotheke« stand. Im ersten Stock sind keine Gardinen mehr, ein Rechtsanwalt hat dort seine Kanzlei, am Markt wohnt kaum noch jemand. Wo ist Kaiser’s Kaffeegeschäft, wo Pelze-Loos, wo der Laden mit den Scherzartikeln? Es ist, als blickte ich auf eine Bühne mit altvertrauter Kulisse, in der eine neue, etwas matte Inszenierung abläuft. Außerdem habe ich als Zuschauer einen ungewohnten Sitzplatz. So lange war ich nicht mehr hier, dass die aufsteigenden Erinnerungen sich zu einem dicken Kloß im Hals verdichten.