Sollte das Vogelgrippevirus sich auf diese Weise in Deutschland festsetzen – "endemisch" werden, wie Experten sagen –, würde die Ente als unerschöpfliches Viren-Reservoir empfindlichere Wildvögel und Hühner auf Dauer bedrohen. Für diesen Fall müssen sich die Menschen in der Europäischen Union Gedanken darüber machen, wie sie in Zukunft mit Tieren zusammenleben wollen. Werden weiterhin nett anzuschauende Freilaufgänse erlaubt sein? Oder muss das Zuchtgeflügel strikt von der gefährlichen Wildnis separiert werden? Sind ein paar Haushühner im Garten als Lieferanten für das Frühstücksei noch erlaubt, oder handelt es sich um Gefahrengut? Rechtzeitig die Risiken einzuschätzen lohnt sich. Einige asiatische Länder machen bereits die Erfahrung, wie schwierig es ist, ein endemisches Virus in den Griff zu bekommen. In dicht besiedelten Regionen mit vielen Hinterhof-Hühnern sind die ständigen Ausbrüche offenbar das Resultat einer Pingpong-Ansteckung zwischen Wild- und Haustieren: Die Wildvögel stecken die Hühner an, diese wiederum infizieren andere Wildvögel. In Vietnam ist das Virus inzwischen endemisch, in Indonesien, Laos, Thailand und Kambodscha ebenfalls. Die Verluste in der thailändischen Geflügelzucht addierten sich auf insgesamt 1,2 Milliarden, in Vietnam auf 200 Millionen und in Indonesien auf 170 Millionen Dollar. In fast allen Fällen ist H5N1 trotz energischer Gegenmaßnahmen wie der Schlachtung von insgesamt 200 Millionen Hühnern oder verzweifelten Impfaktionen immer wieder aufgetaucht. Es ist einfach nicht mehr wegzukriegen. China kämpft schon den ganzen Winter mit immer neuen Schwierigkeiten, in Indonesien konnte der Seuchenzug nur partiell mit Impfungen und Keulungen eingedämmt werden, in Thailand läuft es inzwischen etwas besser. Lediglich Hongkong, das alle Hühner tötete und neue Zuchttiere impft, scheint die Lage halbwegs in den Griff zu bekommen.

In Deutschland ist das Pingpong-Spiel weniger wahrscheinlich, weil hier private Hühnerzucht seltener ist. Dafür könnten die trojanischen Enten ein Problem darstellen. Jeder durchseuchte Wildvogel bedroht die sterilen Zuchthühner und Hennen. Jedesmal, wenn zum Beispiel in der kommerziellen Tierproduktion massenhaft Hähnchen aufgezogen werden, erwächst eine frische Population, die nie mit dem Vogelvirus in Kontakt gekommen ist. Sie sind also nicht immun und werden es durch wiederholte Infektionen auch nie werden. Der einzige Ausweg für die Produzenten wäre, sich noch mehr von der Außenwelt abzuschotten. Sie müssten ihre Ställe auf lange Zeit in Hochsicherheitstrakte verwandeln – und nicht nur bis zum April, wie es Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer empfahl.

Die Food and Agricultural Organization(FAO) schlug bereits 2004 einen Biosicherheitsplan für den Fall vor, dass sich H5N1 in einer Region häuslich einrichtet. Nach Vorstellungen der FAO würden im Umkreis kommerzieller Hühnerfarmen "geflügelfreie Zonen" geschaffen. Der Stall mutiert zu einer Risikozone ähnlich einem Atomkraftwerk: Nur wenige Mitarbeiter dürfen in Schutzkleidung hinein, beim Hinausgehen müssen sie sich dekontaminieren. Auch Impfungen der Zuchttiere sind in diesem Fall nicht mehr tabu und das, obwohl geimpfte Tiere auch weiterhin Viren ausscheiden können. Mit dem Exportgut Huhn wäre es damit erst einmal vorbei. Aber es gibt Hoffnung. Vielleicht sind die Lebensbedingungen unter deutschen Wildvögeln nicht ideal für das Virus, und es kann sich nicht ausbreiten. Oder aber die ersten Fälle werden extrem früh entdeckt, und die Behörden reagieren schnell und transparent. In diesem Punkt haben bisher die meisten Länder versagt. Das Virus setzte sich fest. Auch in der Türkei ist der Fall noch nicht ausgestanden. Mitte Januar warnte die FAO, dass auch dort H5N1 endemisch werden könnte. Sollte dies geschehen, kann es nach Schätzungen der FAObis zu zehn Jahre dauern, bis das Virus zurückgedrängt wäre – wenn es denn überhaupt gelingt.

In Italien haben ein paar Polizisten die Seuche frühzeitig erkannt – obwohl es schon verdächtig ist, dass nicht nur ein oder zwei, sondern an verschiedenen Orten gleich 22 tote Schwäne gefunden wurden. Möglicherweise sind die Behörden in der Europäischen Union aufmerksamer, funktionieren hier die Strukturen besser. Sicher ist dies allerdings nicht. Acht Tage lang hat die italienische Regierung gewartet, bevor sie die Öffentlichkeit über den ersten Verdachtsfall informierte.

Dass es ausgerechnet die Schwäne trifft, habe ein Gutes, sagt Elke Reinking vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Die großen Vögel seien so auffällig, dass jeder bemerkt, wenn einer tot am Wegesrand liegt. Schwäne sind heute für die Vogelgrippe das, was damals die Kanarienvögel in den Bergwerken waren: Fielen die Piepmätze in ihren Käfigen von der Stange, dahingerafft durch Grubengas, war es für die Menschen höchste Zeit, den Stollen zu verlassen.