Im August 1954 kam es in der Redaktion der ZEIT im Hamburger Pressehaus am Speersort zum Eklat. Schon seit längerem hatte die Politik-Redakteurin Marion Gräfin Dönhoff mit Unbehagen verfolgt, wie das Wochenblatt unter Chefredakteur Richard Tüngel immer weiter ins rechte Fahrwasser abgedriftet war. Nachdem dieser Ende Juli einen Artikel des NS-Staatsrechtlers Carl Schmitt ins Blatt gehievt hatte, war für Dönhoff die rote Linie überschritten: Wer den Geist des Nationalsozialismus gepredigt hat oder die Sprachregelung der Presse gelenkt hat, soll für alle Zeiten von der Mitarbeit an einer politischen Zeitung wie der unseren ausgeschlossen werden.

Als Tüngel diese Vorhaltungen mit einem süffisanten Na und ...? quittierte, räumte Marion Dönhoff ihren Schreibtisch und kam für einige Monate bei der Londoner Sonntagszeitung Observer unter. Im November 1954 schrieb sie dem Verleger Gerd Bucerius einen Brief, in dem sie noch einmal ihrer Enttäuschung über die Entwicklung der ZEIT Luft machte: Die überzeugenden und amüsanten Schreiber Friedlaender und Jacobi haben wir eingebüßt, und geblieben sind ausgerechnet Ernst Krüger und drei magenkranke, krätzebefallene, immer giftiger werdende alte Männer.

Vor allem ihrem Kollegen Ernst Krüger, der seit 1950 in der ZEIT über internationale Politik schrieb, war die Gräfin in herzlicher Abneigung verbunden. Ihre Antipathie wäre vermutlich noch heftiger ausgefallen, hätte sie gewusst, wer Ernst Krüger wirklich war.

Das Wunder des Glaubens hat Deutschland gerettet

Dahinter verbarg sich der ehemalige SS-Brigadeführer (Generalmajor) Erwin Ettel, der es während des Dritten Reichs bis zum Deutschen Gesandten in Iran gebracht hatte. Als gläubiger Nationalsozialist war er unmittelbar an Planungen beteiligt, die auf die Beseitigung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina und damit auf die Ausdehnung des Holocaust auf den Nahen Osten zielten. Jetzt schrieb er für die ZEIT Artikel - über Israel und die arabische Welt ...

Der journalistische Seiteneinsteiger, 1895 in Köln geboren, hatte schon zu Beginn der Nazizeit ein wechselhaftes Berufsleben hinter sich. Er entstammte einer konservativ-kaisertreuen Pfarrersfamilie. Nach dem Besuch des Realgymnasiums trat er 1913 als Seekadett in die Kaiserliche Marine ein, in der er während des Ersten Weltkriegs diente. 1920 wechselte der Oberleutnant zur See in das Kaufmannsleben und übernahm 1925 die Leitung der Luftfrachtabteilung bei der Junkers Luftverkehrs AG. Anschließend ging Ettel nach Ankara und Teheran, wo er die jeweiligen Auslandszentralen der Junkers AG leitete, 1930 dann zur Deutsch-Kolumbianischen Luftverkehrsgesellschaft Scadta nach Barranquilla in Kolumbien.

Trotz dieser reichen internationalen Erfahrung blieb Ettel zeitlebens seinem rechts-nationalistischen Herkunftsmilieu treu. So gehörte er zu den Lesern der Monatszeitschrift Deutschlands Erneuerung, die sich für die Förderung unserer Rasse auf jedem Gebiet einsetzte. Am 1. März 1932 trat er in Kolumbien der NSDAP bei und wurde nach der NS-Machtübernahme 1933 schließlich zum Landesgruppenleiter der dortigen NSDAP-Auslandsorganisation (AO) ernannt.