Als Paula Fichtl, die Perle des Freudschen Haushalts, im März 1932 Thomas Mann an der Tür in Empfang nimmt, erkennt sie gleich: »Das war ein großer Herr.« Auch der Hausherr bewundert den Gast, was wiederum auf Gegenseitigkeit beruht. Beste Voraussetzungen also für eine erbauliche Konversation zweier Geistesriesen, von denen jeder den anderen für fast so bedeutend hielt wie sich selbst. »Aber unterhalten haben sich die Herren über die Hund’ und ihre Zigarren«, erinnert sich Paula Fichtl.

Man sieht die Szene vor sich: zwei gut gekleidete ältere Herren, Havannas rauchend, und ein Hund. Zu Freuds Füßen liegt wie immer Jofie, seine inzwischen in die Geschichte der Psychoanalyse als Cotherapeutin eingegangene Chow-Hündin – vielleicht gar »in der uralten, ebenmäßigen und tierisch-idolhaften Haltung der Sphinx, Kopf und Brust erhoben«, wie Thomas Mann in Herr und Hund, der Hommage an seinen Hund Bauschan, beschreibt.

Mann hatte damals längst erkannt, wie erbaulich der Umgang mit Hunden sein kann, besonders für komplizierte Menschennaturen. Freud aber machte diese Erfahrung spät. Als er den ersten Hund bekam, Jofies Vorgängerin und Schwester Lün, war er 72 Jahre alt und schon sehr krank. Er sei nie ein Tierfreund gewesen, hatte er stets verbreiten lassen. Dennoch hatte er den ersten Hund in die Familiengemeinschaft eingeschleust, im Sommer 1925 schenkte er seiner Tochter Anna den deutschen Schäferhund Wolf, der sie auf ihren einsamen Spaziergängen beschützen sollte.

Biografen vermuten, dies sei geschehen, um seine Frau Martha zu ärgern, die Hunde verabscheute. Oder erfüllte er sich einen lang gehegten heimlichen Hundewunsch? Anna und ihre Busenfreundin Dorothy Burlingham lagen jedenfalls richtig, als sie ihm endlich auch Hunde schenkten: erst Lün, auf die Jofie folgte und dann Lün Yu – bis an sein Lebensende hatte Freud immer einen Chow an seiner Seite. Die Wahl dieser Rasse erwies sich als Glücksgriff. Chows, die Hunde mit den schwarzblauen Zungen, gehören zu den ältesten Rassen der Welt. Sie stammen aus China, wurden dort vermutlich schon 1000 vor Christus von den Tartaren eingeführt und nicht nur als Jagd- oder Wachhund, sondern auch als Fleisch- und Wolllieferanten geschätzt.

Im Neurosendickicht der Familie muss sich der Hund erst zurechtfinden

Chows gelten als intelligent und haben, bei aller Loyalität zu ihren Besitzern, ein eher Hunde-untypisches Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Obwohl ihr wolliges Fell und ihr teddyhaftes Äußeres zum Schmusen und Spielen animieren, sind sie keine Schoßhunde, sondern weisen menschliche Anbiederungsversuche meist energisch zurück. Das hat ihnen den Ruf eingebracht, unberechenbar zu sein. Chow-Liebhaber aber schwärmen von ihrer Eleganz und ihrem würdevollen Gebaren. Chows gelten zudem als besonders saubere Hunde und riechen bei regelmäßiger Fellpflege fast gar nicht nach Hund.

Jofie scheint all diese Rasseeigenschaften hervorragend zu verkörpern. Und die kann die Hündin gut gebrauchen; das Dasein im Hause Freud verlangt Vierbeinern einiges ab. Denn die Familie, das Rudel also, bildet mit all seinen weiblichen Mitgliedern Martha, Minna, Anna, Paula und ihren Trabanten Lou, Eva, Marie, Dorothy und anderen ein Neurosendickicht, in dem sich ein schlichtes Tiergemüt erst einmal zurechtfinden muss. Jofie schafft das – im Gegensatz zu ihrem Herrn – stets bravourös.