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Im Deutschen ist der Rausch mit dem Gift eine innige Verbindung eingegangen: Rauschgift. Im Englischen und Amerikanischen enthält Rausch allein schon Gift, wenn es auch nur dem erkennbar ist, der einmal griechisch gelernt hat oder der doch weiß, warum die Lehre von den Giften Toxikologie heißt. Ein englischer Rausch ist an intoxication.

Wo schon in der Sprache solche Vorurteile angelegt sind, muß es schwer sein, sich vorurteilslos zu verständigen über »Rauschgifte«. Und doch soll gerade das hier versucht werden: Weil die gesellschaftliche Behandlung von Rauschgiften als ein Musterbeispiel dafür dienen kann, daß Sitte und Moral, die der Gesetzgeber stützen möchte, angesiedelt sind in einem phantastischen Jedermannsland lokaler und temporärer Zufälligkeiten, zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen Sinn und Unsinn, zwischen Ost und West, zwischen gestern und morgen.

Müßte ich nicht damit rechnen, daß die Gifte des Rausches ein kurzes Leben noch kürzer machen: Ich könnte hoffen, es noch mitzuerleben, wie die 1969 gültige Rauschgift-Gesetzgebung spätestens 1989 als unhaltbar in sich zusammenfällt. So viel zu gestern und morgen.

Die Grenze zwischen Rausch und Rausch, zwischen Opium und Alkohol, verläuft nicht an der Elbe, sondern am Ural. Da liegen Moskau und New York deutlich auf der gleichen Seite, Peking und Neu-Delhi ebenso deutlich auf der anderen. So viel zu Ost und West.

Die politische Geographie des Rausches ist eine andere als die Atom- und Atomsperrverträge. Ich vermute: eine zuverlässigere. Um es auf die schnelle Formel zu bringen: Der okzidentalische Cis-Uraler säuft, der orientalische Trans-Uraler kokst und kaut und qualmt.

To drink is a Christian diversion,
Unknown to the Turk or the Persian.

In Wirklichkeit ist natürlich alles viel komplizierter. Orient und Okzident, sie sind nicht mehr so leicht zu trennen durch ihre Räusche. Zwar weht uns aus Haschisch noch immer ein Hauch von Tausendundeiner Nacht an, und beim Opium ist auch die chinesische Opiumhöhle nicht weit; aber das Opiumderivat Heroin verweist doch eher nach Harlem, und Haschisch scheint drauf und dran, wieder einmal Europa zu erobern. Andererseits hat der Whisky längst seinen Weg gefunden aus dem schottischen Hochland in die Bars und Hotels zwischen Kairo und Tokio.

Nicht nur die Geographie des Rausches ist durcheinandergekommen. Alles ist durcheinander: die Chemie, die Physiologie, die Soziologie – von der Philosophie nicht zu reden.

Gesetzgebung und Rechtsprechung stehen nicht auf einem festen Boden gesicherter Tatsachen, sondern sind angewiesen auf Vermutungen und werden bedrängt von Ressentiments.

Wenn heute in den Vereinigten Staaten jahrelange Gefängnisstrafen verhängt werden für den Besitz von Marihuana-Zigaretten, so erinnert das doch aufs ungemütlichste daran, daß im alten Mexiko der Kaktusrausch zur Religion gehörte, der Alkoholrausch hingegen mit dem Tode bestraft wurde, daß im alten Ägypten des 17. Jahrhunderts Kaffeetrinker auf Eseln durch die Stadt getrieben wurden und daß ein türkischer Sultan jener Zeit seine Untertanen köpfen ließ, weil sie Tabak geraucht hatten.

Der Versuch, sachliche Informationen zusammenzutragen, stößt allenthalben auf emotionale Blockaden. Der Medizinische Forschungsrat Großbritanniens setzte vor fünfzig Jahren eine Kommission ein, und diese Urgroßväter der heutigen Gerichtsmediziner sollten auch schon klären, wie Alkohol auf den menschlichen Organismus wirkt.