Als der Deutsch-Brasilianer Caio Koch-Weser, Enkel des 1933 emigrierten Reichsinnenministers, vor sieben Jahren seine hoch dotierte Stellung an der Spitze der World Bank verließ, um sich dem Abenteuer einer halbpolitischen Karriere als Staatssekretär im Finanzministerium Hans Eichels auszusetzen, konnte der »einzige Makro-Ökonom« (Gerhard Schröder) jener Behörde nicht ahnen, was ihm im Neidmilieu von Kuhschnappelland widerfahren sollte. Der Kosmopolit entsprach so gar nicht dem Klischee des grauen Beamten; schon schlecht. Jetzt soll er, nach einer ebenso erfolgreichen wie ehrenhaften Karriere, in die Dienste der Deutschen Bank als Vice Chairman treten; noch schlechter.

Als ihn Gerhard Schröder vor fünf Jahren für die Leitung des Internationalen Währungsfonds nominierte, kam er dem Finanzminister der USA, Larry Summers, in die Quere, der einen befreundeten Professor auf den Posten hieven wollte. Schröder musste einen Kompromiss akzeptieren – er schlug Horst Köhler vor (was er später bereute). Und als der Bundesbankpräsident Ernst Welteke 2004 zurücktrat, durfte Koch-Weser ihm nicht nachfolgen, da Hans Eichel ihn nicht entbehren konnte.

Inzwischen wird Koch-Weser seine Exkursion in die Niederungen deutscher Politik bereuen. Falschen Darstellungen seines Privatlebens im Spiegel musste er gerichtlich entgegnen (was ihm gelang), und in diesen Tagen entdecken Koalitionspolitiker und ehemalige Ministerialkollegen (die natürlich anonym bleiben wollen), dass sein Wechsel zur Deutschen Bank (mit Sitz in London) »einen Beigeschmack« habe; es stelle sich, so der finanzpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Otto Bernhardt, die »Frage, ob Politiker in einen Bereich wechseln dürften, für den sie vorher die Verantwortung getragen haben«. Damit ist der Kern der Heuchelei benannt. Mit der Frage will sich nun der Haushaltsausschuss des Bundestags beschäftigen – und seine Einsichten dem Finanzminister mitteilen, der zu guter Letzt dem Staatssekretär a. D. gestatten wird, einen neuen Beruf zu ergreifen – bei der Deutschen Bank. Vorher aber wird »der Apparat« den Exkollegen nach Maßgaben von Neid und moralischer Überheblichkeit noch ein bisschen beschädigen.

Sollte man Koch-Weser nachweisen können, dass er zum Beispiel durch direkte Eingriffe in Entscheidungen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) die Deutsche Bank rechtswidrig begünstigt habe, wäre die Sache klar. Doch genau diese Vorwürfe sind so haltlos wie die panische Suche Leo Kirchs nach Schuldigen seiner Pleite, einer Suche, die der Kohl-Freund und -Finanzier nun per Anzeige auch auf Koch-Weser erstreckt. »Seine« Behörde, die Bafin, habe im Falle »Kirch gegen Breuer« dem Bankier eine allzu lange Leine gelassen, behauptet Kirch. Doch die Bafin beschäftigt sich per Gesetz nicht mit Aufsichtsratsvorsitzenden, sondern mit geschäftsführenden Bankvorständen.

Nein, die Heuchelei, zu deren Sprecher sich jener CDU-Abgeordnete Bernhardt ernannt hat, betrifft einen ganz anderen Sachverhalt: Sehr wohl scheint es möglich, dass Spitzenvertreter von Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden ein Mandat im Bundestag wahrnehmen, als wäre dies das Natürlichste der Welt (sie gelangen zumeist über Listenplätze ins Parlament) – aber der Wechsel aus der Politik in Spitzenpositionen der Wirtschaft, der inzwischen immer weniger Abgeordneten gelingt, gilt vielen Parlamentariern als skandalös. Vielleicht, weil sie selbst niemand haben will? (Abgeordnete, die nebenher renommierten Anwaltskanzleien nahe stehen, bilden einen Fall für sich.)

In Wirklichkeit läge es jedoch an ihnen selbst, dafür zu sorgen, dass wirtschaftliche Partikularinteressen weder im Bundestag noch im ministerialen Verwaltungsprozess das Gemeinwohl ersetzen. Genau daran aber hapert es: Das Parlament, erst recht das im Schatten der Großen Koalition, scheint seine Kontrollfunktion über allerlei Einflussnahmen (zum Beispiel der Pharmaindustrie) längst an die Presse abgegeben zu haben. Und die folgt nicht selten populistischen Instinkten. Dass Koch-Weser in irgendeiner Entscheidung (die in letzter Instanz stets diejenige seines Ministers ist) eine zukünftige Vorteilsnahme einkalkuliert habe, ist ihm zwar bisher nicht ernsthaft vorgeworfen worden – aber ein paar kleine, miese Andeutungen darf die CDU schon machen; denn der Parteilose war Mitglied der rot-grünen Regierung.