Anders als in den Uralt-Demokratien USA und Großbritannien bilden sich in Deutschland inzwischen zwei Welten heraus – die der Unternehmer auf der einen und die der Parteien auf der anderen Seite; dass Unternehmensberater wie Roland Berger inzwischen Brückenfunktionen zwischen beiden Wirklichkeiten übernommen haben, beweist, wie fortgeschritten, ja grotesk die Entfremdung zwischen beiden Realitäten ist: In ihrem Schatten gedeihen Misstrauen und Neid, moralische Überheblichkeit und glattes Unverständnis. Ja, heißt es, Schröder könne ruhig für Gasprom arbeiten – aber hätte er nicht etwas länger warten können (weil politisch-moralische Empörung eine Halbwertzeit von allenfalls sechs Monaten hat)? Ja, Wolfgang Clement könne doch ruhig in die Energiewirtschaft wechseln – aber musste es die von Nordrhein-Westfalen sein? Am liebsten, so scheint es, wäre den Deutschen doch die Rückkehr in die Jahre der dynastischen Herrschaft, in der politische Karrieren entweder in Attentaten oder in seniler Amtsdemenz an höchster Stelle endeten und nicht etwa im wirklichen Leben. Das hatte doch etwas Übersichtliches.

Das nächste Opfer der Vorurteils-Maschine soll nun Koch-Weser sein. Wer wie er als politischer Beamter in Deutschland dienen will, sollte sich gleich daran gewöhnen, dass auch für ihn nach einem Regierungswechsel die neue Rentenregelung gilt: Arbeitslos bis zum 67. Lebensjahr, aber dann gibt’s Pension und ein Bundesverdienstkreuz. 

Michael Naumann, ZEIT-Herausgeber, war von 1998 bis 2000 Staatsminister für Kultur in der rot-grünen Koalition