Frankfurt: Ich habe analytische Philosophie stu-diert, das war mein Training: Es ging mir immer darum, bestimmte Vorstellungen zu erklären, die die Menschen im Alltag oft verwenden – ohne sich genau über deren Bedeutung im Klaren zu sein. Ich merkte irgendwann, dass ich selbst sehr oft das Wort Bullshit verwendete, beleidigend oder herablassend – aber ich wusste eigentlich gar nicht genau, was ich damit meinte. Und das wollte ich herausfinden.

ZEIT: Ist Bullshit das Gegenteil von Wahrheit?

Frankfurt: Bullshit ist eine Technik, die Wahrheit zu verbergen. Es geht dabei gar nicht so sehr darum, ob jemand lügt oder nicht. Es geht vielmehr darum, dass jemandem, der im System des Bullshit denkt und lebt, irgendwann das Gefühl dafür abhanden kommt, dass er womöglich auch mal die Wahrheit sagen könnte. Insofern ist Bullshit schlimmer als die Lüge – weil dabei die Vorstellung von Wahrheit ganz verschwindet.

ZEIT: Bullshit ist eine Strategie.

Frankfurt: Bullshit ist ein Weg, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Einen Fernseher zu verkaufen, eine Wahl zu gewinnen, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Aber das ist nicht der einzige Grund: Es gibt heute einfach so viele Leute, die dafür bezahlt werden, dass sie reden. Und diese Leute müssen weiter und weiter reden, selbst wenn sie nicht wissen, wovon sie gerade sprechen. Aber wenn sie aufhören, bekommen sie kein Geld. All die talking heads im Fernsehen, all die Experten – die wissen schon alle irgendetwas, aber ihr Wissen reicht gerade mal für sieben Minuten. Sie müssen aber leider 15 Minuten reden. Also sind die letzten acht Minuten Bullshit.

ZEIT: Haben wir denn mehr Bullshit seit damals, als Sie den Text geschrieben haben?

Frankfurt: Vielleicht ist der Bullshit gefährlicher geworden, weil es um strittigere Fragen geht. Ich bin während des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen, da wurde von allen Kriegsparteien viel Bullshit verwendet. Aber der Vorteil war, dass damals wenigstens jeder Amerikaner daran geglaubt hat, wir seien aus den richtigen Gründen in diesen Krieg gezogen. Heute ist das ganz anders. Damals gab es keine andere Wahrheit; heute ist der Bullshit dazu da, die Wahrheit von uns fernzuhalten.

ZEIT: Gibt es Politik ohne Bullshit?

Frankfurt: Nein, das ist Politik, das ist das Spiel: Jeder Politiker wird so viel Bullshit verwenden, wie er braucht, damit ihn die Menschen wählen. Es gibt nur sehr wenige Politiker, die geradeheraus sagen, was sie denken; die sich überhaupt darum scheren, ob sie die Wahrheit sagen.

ZEIT: Ist Bullshit ein Produkt des 20. Jahrhundert – oder eine menschliche Angewohnheit?

Frankfurt: Ich vermute, dass es immer und überall Bullshit gab – heute nur verstärkt durch die technologischen Möglichkeiten.