Nur die Kirche Allerheiligen und die Schneeglöckchen auf dem Kirchhof erinnern noch daran, dass hier einmal ein Idyll herrschte. Damals reichte der Blick weit über die Kanalschleuse von Weybridge in die sumpfige Marschlandschaft südlich der Themse, wo sich große Schwärme von Zugvögeln niederließen auf dem Weg in ihre Sommerquartiere. Heute bleibt das Auge nach wenigen Metern an der Autobahnbrücke kleben. Sie gehört zu dem sechsspurigen Orbit aus Beton, der den Großraum London umarmt. Gleich daneben öffnet ein hübsch geschwungenes, großes Eisentor den Weg auf ein unüberschaubares Areal von kleinen Backsteinhäuschen und modernen Industriehallen, deren Dächer gespickt sind mit Schornsteinen und Abluftröhren. Innen stehen die modernsten Laboranlagen der Welt. Hier ist das Nervenzentrum der britischen tiermedizinischen Labor-Agentur (VLA). Seit 1905 werden hier Blut- und Gewebeproben von allen Tieren untersucht, die auf den britischen Inseln zu finden sind. »Als vor fünf Jahren der Rinderwahn BSE wütete, war Weybridge fast wichtiger als Downing Street«, erinnert sich Doug Kempster, Sprecher des Landwirtschaftsministeriums. In diesen Wochen schwebt die Vogelgrippe in Europa ein, und wieder rückt Weybridge ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Denn hier steht Europas Referenzlabor für die neue Virusgefahr. Hierher schicken auch die Länder Asiens und Afrikas ihre Proben. Bis wohin das H5N1-Virus vorgedrungen ist, wie weit es mutiert und welche Gefahr es für den Menschen darstellt – für die offiziellen Stellen in Brüssel haben die Wissenschaftler von Weybridge das letzte Wort.

Nun herrscht erhöhte Alarmstufe. An dem Pförtnerhaus hinter dem Eisentor kommt keiner mehr unkontrolliert vorbei. Innen tummeln sich neun Wachdienstler, die von großen Schaltpulten aus über hundert Überwachungskameras mit Joysticks und Knöpfen bedienen und jeden Winkel des Geländes observieren. »Seit heute Morgen dürfen wir absolut niemanden auf das Gelände lassen«, erklärt Derek, der Wachhabende. Dennoch lässt sich leicht nachvollziehen, was in den Labors passiert. Am Donnerstag vergangener Woche trafen hier zwei Gewebeproben aus dem Bundesinstitut für Tiergesundheit auf Riems ein. Sie stammten von zwei Schwänen, die auf Rügen verendet waren. Timm Harder und seine Kollegen vom deutschen Referenzlabor hatten vorher in einem Schnelltest einen hochpathogenen Strang des H5N1-Virus nachgewiesen. »Weybridge, bestätigen Sie!« lautete nun der Auftrag an die englischen Kollegen. Von jedem Vogel wurden »zwei fingernagelgroße Proben aus der Lunge und dem Gehirn entnommen«, erklärt Harder. Sie wurden nach internationalen Transportregeln bruch- und fallsicher verpackt und mit einem Spezialkurier nach Surrey gebracht.

Was dort geschieht, erklärt Adrian Philbey, Direktor für Veterinärdiagnose an der Universität Glasgow: »Die Proben kommen gleich in ein Hochsicherheitslabor.« Das heißt: Der Weg führt durch Luftschleusen in einen versiegelten und sterilen Raum; dort wird der Transportcontainer aus Plastik unter einer Superabzugshaube geöffnet und die Verpackung um die Gewebeproben langsam abgeschält. Die Wissenschaftler tragen doppelte Handschuhe und einen Mundschutz, ihre Kollegen schauen durch eine große Glasscheibe zu. Dann werden die Gehirn- und Lungenwürfelchen für das Testverfahren präpariert, das Timm Harder als »eine Kaskade von verschiedenen Untersuchungen« bezeichnet. Im ersten Schritt werden Influenzaviren nachgewiesen, dann wird getrennt, ob es sich um H5- oder um H7-Stränge handelt. Als Nächstes wird das N1-Virus isoliert und geprüft, ob es sich tatsächlich um die hochpathogene Sorte handelt.

In Großbritannien ist das Virus bisher nur per Kurier eingetroffen. Aber Wachmann Derek macht sich keine Illusionen. »Früher, als die Autobahn noch nicht da war, haben sich hier in der Marsch jedes Jahr Tausende von Zugvögeln niedergelassen«, erinnert er sich, »heute landen die Schwärme anderswo. Aber die Grippe kommt bestimmt.«