U ns ist in alten maeren / wunders vil geseit: / von helden lobebaeren / von groszer arebeit . Einst waren zwei Länder nibelungenhaft verbunden, die DDR und die Sowjetunion. Klassenbrüder – Waffenbrüder , auch im Sport. Olympische Winterspiele Sapporo 1972, Biathlon-Staffel: Gewaltig stürmt der Russe Viktor Mamatow dem Ziel entgegen. Kracks! Es bricht sein Ski. Das Aus. Doch da! Ein Retter eilt herzu, der DDR-Mann Dieter Speer, der sich am Unglücksort aufwärmt. Großmütig reicht er Mamatow das eigene Brett. Die Sowjetunion gewinnt. Die DDR holt Bronze. Ihre Medien singen das Hohelied der deutsch-sowjetischen Freundschaft. Die Waffe einer Frau: Kati Wilhelm beim Schuss BILD

Ist das wirklich so passiert? Guckense mal da oben an der Wand, sagt Eberhard Rösch. Wahrhaftig, da hängt die Spitze von Mamatows Ski, signiert von der Bronze-Staffel. Alles Zinnwalder, sagt Rösch.

Die Wiege des DDR-Biathlons stand im Erzgebirge. Dynamo Zinnwald heißt heute WSV Altenberg und ist, neben Oberhof in Thüringen und dem bayerischen Ruhpolding, eines der drei deutschen Biathlon-Leistungszentren. Dreimal war Vereinschef Rösch Staffel-Weltmeister und errang bei Olympia 1980 in Lake Placid Silber. Rösch-Junior Michael gewann unlängst den Weltcup in Ruhpolding; derzeit kämpft er in Turin.

Biathlon boomt. Die Kombination aus Skilanglauf und Schießen ist Deutschlands Wintersportart Nummer eins. Die Fernseh-Einschaltquoten explodieren. Sponsoren erwachen. Zu den Wettkämpfen strömen ekstatische Massen, die am Schießstand in Trefferjubel ausbrechen. In Turin gewinnt Michael Greis Gold für Deutschland, Sven Fischer Gold für Deutschland, Kati Wilhelm Gold für Deutschland, die Männerstaffel Gold für Deutschland… Deutsch sein heißt derzeit Biathlon lieben. In Kerners Talkshow ballern vier biathletische Ossis mit der Laserflinte herum. Sogar Eissprinterin Friesinger lässt im ZDF die Büchse knallen. Die deutschen Skijäger erzeugen Popstar-Rummel. Aber warum? Ist nicht Biathlon ein Kriegssport? Oder die Verherrlichung der Jagd? Im Namen der olympischen Idee: Die Waffen nieder!

Da kriegen wir was zu hören. Der militärische Touch habe sich erledigt, sagt Rösch. Das Jahr des Umbruchs sei 1978 gewesen, die Umstellung vom Groß- auf das Kleinkaliberschießen. Biathlon emanzipierte sich von der Armee, Schießstände waren nicht länger wie ein Gefechtsgebiet zu sichern. Der Kreis der teilnehmenden Nationen wuchs, aus zwei Biathlon-Disziplinen wurden fünf, die sich in Turin über beide Olympia-Wochen erstrecken. Seit 1984 tragen auch die Frauen Weltmeisterschaften aus, seit 1992 sind sie bei Olympia dabei, obwohl IOC-Präsident Samaranch sich lange gegen »Flintenweiber« sträubte. Das Fernsehen schuf ein Massenpublikum für den Wettbewerb, der zwei Extreme verbindet. Skilanglauf fordert vollen Körperkampf, zum Schießen braucht man Ruhe. Aber das Herz rast vom Lauf, die Waffe pulst. Daneben! Strafrunde. Fort ist der Sieg.

Sechs von zwanzig Schüssen wird Michael Rösch beim olympischen 20-Kilometer-Rennen vorbeifeuern und auf Platz 42 enden. Bis dahin sind’s noch drei Tage. Vorerst macht Vater Rösch sich andere Sorgen. Topsport Biathlon, schön, aber das große Geld bringe auch Gefahren. Noch sei der Micha frank und frei. Ich hoffe, sagt Rösch, mein Kleener kann sich das gewisse Menschliche bewahren.

Ein Treffen mit dem Mann, der die Regeln des Biathlons miterfunden hat