Von Martin Spiewak

DIE ZEIT: Kinder werden heutzutage immer früher mit fremden Sprachen konfrontiert. Mehrsprachigkeit gilt als wichtiger Schlüssel beruflichen Erfolgs – im Fall vieler Migranten jedoch geradezu als Hindernis. Herr Meisel, wie viele Sprachen kann ein Kind erlernen?

JürgenMeisel: Das hat niemand wissenschaftlich getestet. Unzweifelhaft jedoch hat der Mensch eine Anlage zur Mehrsprachigkeit. Wer nur einsprachig aufwächst, lebt im Grunde in einem verarmten Umfeld: Er nutzt seine natürlichen Möglichkeiten nicht aus.

ElsbethStern: Beim Thema Sprachenlernen geht vieles in der Diskussion durcheinander. Man muss unterscheiden zwischen einem natürlichen Erwerb von mehr als einer Sprache in Familie oder Nachbarschaft – und dem organisierten Lernen einer Sprache etwa im Unterricht, mit Hilfe eines Lehrers. Wieder etwas anderes sind bilinguale Kindergärten oder Schulen. Immer haben wir es mit anderen Lernvorgängen zu tun, insbesondere was die Effektivität des Sprachenlernens angeht.

ZEIT: Allgemein gefragt: Welches ist der optimale Zeitpunkt zum Sprachenlernen?

Meisel: Da gilt das Prinzip "Je früher, desto besser". Darüber sind sich mittlerweile alle Forscher einig. Entscheidend sind, denke ich, die ersten drei bis vier Lebensjahre. In dieser Zeit kann der Mensch eine weitere Sprache wie eine Muttersprache lernen. Danach beginnt sich das Sprachenlernen zu verändern. Andere Forscher setzen den Wendepunkt später an. Mit zehn Jahren jedoch ist es mit dieser Art des Erwerbs definitiv vorbei.

ZEIT: …da fangen die meisten erst an.

Meisel: Das heißt ja nicht, dass man später nicht mehr Englisch oder Chinesisch lernen kann. Ich habe alle meine Sprachen später gelernt. Die Qualität des Lernens ist jedoch eine andere.

ZEIT: Was bedeutet das?

Meisel: Alle Kinder erwerben ihre Muttersprachen im grammatischen Bereich komplett und relativ rasch. Ungefähr mit zwei beginnen sie Subjekt und Verb korrekt zu benutzen. Sie sagen "du gehst" und niemals "er gehst" oder "ich gehst". Sie machen alle möglichen Fehler, aber diese nicht. Ebenso lernen sie die richtige Wortstellung im Satz, gebrauchen also "da liegt er" und nicht "da er liegt". Diese grammatische Perfektion erreichen sie auch für eine weitere Sprache, die sie in den ersten Lebensjahren lernen – und zwar unabhängig von ihrer Intelligenz. Beim Zweitsprachenerwerb dagegen gibt es riesige individuelle Unterschiede. Man schätzt, dass nur zwischen fünf und zehn Prozent der Menschen fähig sind, eine fremde Sprache "perfekt" zu lernen. Ich kenne nichtdeutsche Professorenkollegen, die Jahrzehnte hier leben und immer noch sagen: "Morgen wir schreiben eine Klausur."

ZEIT: Woran liegt das?

Meisel: Die Gründe dafür haben mit der Reifung des Gehirns zu tun. Von einem bestimmten Alter an verarbeitet das menschliche Gehirn die Informationen beim Sprachenlernen anders. Gemeinsam mit Neurologen vergleichen wir in Hamburg gerade zwei Gruppen: Franzosen und Deutsche, die im Laufe ihres Lebens die jeweils andere Sprache gelernt haben, mit Personen, die beide Sprachen als Kleinkinder simultan erworben haben. Wenn die erste Gruppe Französisch oder Deutsch spricht, werden jeweils leicht andere Sprachareale im Gehirn aktiviert, und die typischen Areale werden in der später gelernten Sprache stärker aktiviert. Bei den Bilingualen dagegen zeigen sich keine unterschiedlichen Bilder.