Gestern Abend fuhr kein Zug mehr nach oben. Der Hotelbus zwängte sich in die Loipe eines Räumfahrzeugs, das orange zuckendes Schlaglicht auf die weißen Äste im Schneetreiben spritzte. Der Fahrer, Anfang 20, erzählte einsilbig etwas über sich und die Gegend: Dass er in Schierke wohnt. Dass es in Schierke nicht viel gibt für junge Leute. Bis auf den Auto-Tuning-Club halt. Dass immer mehr junge Leute den Ort verlassen. Man sagt, Schierke sei früher mal das Sankt Moritz des Harzes gewesen. Dann wurde es Sperrgebiet. Heute ist Schierke Schierke.

Kurz vor der Baumgrenze hat der Wind die Fichten flachgelegt. Was noch halbwegs gerade wächst, hutzelig und hüfthoch, verweht der Schnee zu weichen Buckeln. Der Bus hält fünf Meter vom Eingang des Gipfelhotels entfernt. Mit seiner Längsseite baut er einen Kanal aus kaltem Wind und Kristallnadeln, die auf der Haut brennen und das Gesicht versengen. Ein Mann im Tarnanzug verlässt das Haus mit zwei Skistöcken in der Hand. Zum Wandern.

Heinrich Heine hat in seiner Harzreise beschrieben, was das Schönste an den Deutschen ist: "Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht." Allerdings kam ihm dieser Gedanke 1824 im Herbst und angesichts eines "reisenden Handwerksburschen", der "Ein Käfer auf dem Zaune saß; summ, summ!" sang. Der Mann im Tarnanzug singt nicht. Aber er wird verstanden. Zwei Wahnsinnige begleiten ihn in die eiswüste Dunkelheit. So schön ist unser Vaterland.

Gestern Abend klebten krustige Jalousien aus Eis an den Doppelglasfenstern des Hotelzimmers. Im Restaurant gab es Schmorwurst mit Grünkohl, eine regionale Spezialität, draußen kohlrabenpechschwarze Nacht und mittendrin, unter uns, 1142 Meter Fels: ein nationaler Mythos, Symbol der Einheit und der Teilung, bestiegen von Heine, Novalis, Eichendorff, Fontane. Es heißt, jeder Deutsche müsse einmal am Rhein und einmal auf dem Brocken gewesen sein. Die Staatsangehörigkeit als Ergriffenheitsgarantie, gewissermaßen. Um es gleich zu sagen: Es funktioniert nicht, jedenfalls nicht so.

Das liegt schon daran, dass der Brocken ein vergleichsweise fieser Ort ist. An 306,3 Tagen im Jahr notiert die Statistik Nebel auf der kahlen Spitze. Das Klima ähnelt dem von Island, Grönland und Sibirien. An 100 Tagen jährlich gibt es Eis, an 85 Frost. Im Winter sinkt die Temperatur bis auf 28 Grad unter null, bei 2,9 Grad Jahresmittel. Die höchste je gemessene Windgeschwindigkeit betrug 263 Stundenkilometer. Hurrikan Katrina schaffte im letzten Sommer nur 17 Stundenkilometer mehr. Wer diesen Berg als "Vater Brocken" bezeichnet, sollte sich dringend um einen Psychoanalytiker bemühen.

Die Morgensonne glänzt goldrosa – es ist wie "Doktor Schiwago" ohne Tränen

Am Morgen sind die Jalousien von den Scheiben geschmolzen. Von der Abhörkuppel des Brockenhauses gegenüber – jahrelang Stasi-Stützpunkt, mittlerweile Museum – rutscht der Schnee in kleinen Lawinen. Die Sonne glänzt goldrosa auf einem Weiß der höchsten Sphäre, und hinter den baumbestandenen schwarz melierten Hügeln bedeckt eine Wolkenebene, weit wie ein Ozean, vom Tal, was niemand vermisst. Alle Sorgen, alles Leid schluckt dieses Strahlen. So entstehen Mythen. Es ist Doktor Schiwago ohne Tränen. Es ist vollkommenster Wintermorgen. Es ist von supranationaler Schönheit. Es ist boah!