Am Ende des apokalyptischen Fernsehspektakels, als die schönste Stadt des "Tausendjährigen Reiches" niedergebrannt ist, steigt das deutsche Volk wie Phönix aus der Asche. Rußgeschwärzt und zerschunden, halb verbrannt, doch tapfer lächelnd nach durchlittenem Inferno, besichtigen die Überlebenden eine Trümmerwüste namens Dresden. In der Nacht des 13. Februar 1945 hat die Royal Air Force eine verheerende Doppelattacke mit fast 800 Lancaster-Maschinen geflogen, und nun beleuchtet der trübe Morgen eine im Feuersturm geläuterte Volksgemeinschaft: Wer vorher Täter war, ist plötzlich Opfer. Wer sich vorher mitschuldig fühlte an Hitlers "totalem Krieg", ist nun ins Recht gesetzt durch Churchills "moral bombing". Auch der abgestürzte britische Pilot, der aus seinem Versteck in den Katakomben der Altstadt kriecht, blickt erschüttert auf verschrumpelte Leichen, geschmolzene Häuser, aschgraue Landschaft. "Sag jetzt nichts", haucht ihm die junge deutsche Krankenschwester zu, während Tränen über ihr schmutziges Gesicht rinnen, und dann, mit zärtlichem Augenaufschlag: "Ich liebe dich."

So endet der Zweite Weltkrieg im bislang aufwändigsten Film über die Zerstörung Dresdens – mit einer Liebeserklärung der Deutschen an die Briten. Die Operettenhaftigkeit dieses Showdowns wird nur übertroffen durch seine makabre Symbolik. Da lässt die Nation, deren Soldaten gerade halb Europa zertrampelt haben, sich im Moment der Niederlage gnädig herab, dem Gegner seine Grausamkeit zu verzeihen. So ist sie, die deutsche Krankenschwester! Nicht nur schön, sondern auch großmütig. Nicht nur barmherzig, sondern bereit, sich in den Feind zu verlieben. Roland Suso Richters zweiteiliges Fernsehmelodram Dresden (5. und 6. März jeweils 20.15 Uhr im ZDF) zeigt, wie schwierig es ist, einen Spielfilm über das Elend der deutschen Zivilbevölkerung während der letzten Kriegsmonate zu drehen, wie nahezu unmöglich, in das Lamento über die zerstörte Frauenkirche einzustimmen, solange man sich noch erinnert, wer den Krieg vom Zaun gebrochen hat.

Am Anfang des Films hat Richter die Schuld der Deutschen am eigenen Untergang noch nicht vergessen. "Wir werden ihre Städte ausradieren!", schreit die Stimme Adolf Hitlers und meint Großbritannien. Es ist der erste Satz im Drehbuch von Dresden, eine Absichtserklärung der Regie, auch beim Thema Bombenkrieg den Deutschen nicht automatisch die bequeme Opferrolle zuzuschreiben. Doch im Laufe dreier Fernsehstunden entwickelt Richters Antikriegsschmonzette ihre eigene revanchistische Dynamik. Vor dem Hintergrund des drastisch ausgemalten Feuersturms verblasst die Schuld des deutschen Normalbürgers – eine faschistische Partei gewählt, den Holocaust geduldet und die Nazidiktatur mitgetragen zu haben. Wenn in Dresden die Menschen wie lebende Fackeln durch die Straßen rasen, wenn eine Mutter ihren brennenden Kinderwagen hinter sich herzieht, wenn einem Mann beide Beine weggefetzt werden, dann erscheint alles zuvor begangene Unrecht mit einem Schlag abgebüßt. Individuelle Katastrophenerfahrung statt komplizierter moralphilosophischer Debatte: Das ist neuerdings das Prinzip publikumswirksamer Geschichtsklitterung. Indem TV-Produktionen wie Die Luftbrücke , Die Sturmflut oder Dresden historische Großereignisse auf das Format von Einzelschicksalen schrumpfen, trivialisieren sie ihren Stoff und machen ihn konsumierbar für das Primetime-Publikum.

Richter erzählt die Katastrophe des Bombenkriegs als Romanze zwischen dem smarten Piloten Robert und dem bezaubernden Chefarzttöchterlein Anna. Die zuckersüße Liebesgeschichte soll, wie in den anderen beiden Retro-Thrillern auch, den bitteren Geschmack des Authentischen überdecken. Nachdem Robert abgeschossen und beinahe vom Mob gelyncht wurde, versteckt er sich in einem Dresdner Krankenhaus. Dort wird er von Schwester Anna heimlich versorgt, und bald kommt es zu einer lebensgefährlichen Sexszene im Patientenschlafsaal, die nur noch durch den todesmutigen Auftritt des Piloten bei Annas arrangierter Verlobung überboten wird: schneidiger englischer Patient in der gestohlenen Uniform eines deutschen Leutnants.

Dresden ist auch ein Kostümfilm mit teuren Kleidern, aparten Frisuren und passenden Requisiten aus dem Museum der Gutbürgerlichkeit. Diese Kronleuchter! Diese Stilmöbel! Allerdings wirken die frischen Schnittblumen im letzten Kriegswinter leicht anachronistisch. Und der R.A.F.-Erzählstrang mit seinen perfekt montierten Originalaufnahmen tendiert stark zur Jüngerschen Weltuntergangsästhetik. Summende Geschwader. Verwegene Piloten. Dabei bemüht der Regisseur sich arg um eine gewisse politische Redlichkeit. Das unterscheidet seinen Film von vielen Fernsehformaten des vergangenen Frühjahrs, die, wenn sie etwa die Flucht aus den deutschen Ostgebieten schilderten, nur zähneknirschend zugaben, dass die Wehrmacht zuerst gegen Russland marschiert war. Richter hingegen rückt Churchills Strategie des "Donnerschlags" in ein möglichst mildes Licht. Da kritisieren hohe britische Militärs die Befehle von Arthur "Bomber" Harris. Gleichzeitig erleben wir in Dresden deutsches Denunziantentum und Antisemitismus, Gestapo und Blockwart-Willkür.

Trotzdem läuft die Handlung, sobald die Bombardierung beginnt, aus dem Ruder. Denn die Deutschen benehmen sich jetzt enorm heldenhaft. Annas Verlobter a. D. solidarisiert sich mit seinem Nebenbuhler. Ein weinender Soldat gibt Sterbenden auf Wunsch den Gnadenschuss. Und am Morgen nach dem Brand teilt ein abgezehrter Junge sein letztes Stückchen Brot mit einem einsam auf den Trümmern hockenden Mädchen. So sieht Selbstglorifizierung im großen Fernsehstil aus. "Die Heimatfront", behauptete Goebbels, sei "ein Eisen, das von Schlägen gehärtet wird." In Dresden erweisen sich die Deutschen als fast so heroisch, wie der Propagandaminister hoffte. Ihr Gang durchs Höllenfeuer hat sie moralisch erhöht, am Horizont dämmert Zukunft, und wenn schließlich die wiedererrichtete Frauenkirche eingeblendet wird, soll der Zuschauer wohl zufrieden hosianna! rufen.