Von einer großen Hochzeit war schon seit längerem geträumt worden. Doch als jetzt unvermutet ein Rivale auftauchte, mussten die beiden Partner überstürzt eine Zwangsehe eingehen. Aufgescheucht durch das Konkurrenzangebot der italienischen Enel, hat die französische Regierung binnen weniger Tage die Fusion der beiden Energiegiganten Suez und Gaz de France eingeleitet. Und was zuvor für die sinnvolle Zusammenführung von Strom- und Gaserzeugung sprach, wird nun überschattet vom Getöse einer Abwehrschlacht, in der Frankreich offenbar wieder einmal seine protektionistischen Muskeln zeigt. BILD

Jetzt rächt sich, dass die bereits 2004 vom damaligen Wirtschaftsminister Nicolas Sarkozy angeregte Fusion nicht früher angegangen wurde. Von Improvisation und Überstürzung sprechen französische Ökonomen, und ihre Furcht vor dem Ärger der europäischen Nachbarn ist sehr real. Zwar reagieren die Börsen erfreut auf den Zusammenschluss. Doch stellvertretend für viele sieht der sozialistische Spitzenpolitiker Dominique Strauss-Kahn schon schwarz: "Das ist das Aus für eine integrierte europäische Wirtschaftspolitik."

Es hat Tradition, dass französische Politiker ihre Bürger glauben machen wollen, der Kapitalmarkt lasse sich nach den Regeln eines Fußball-Länderspiels organisieren. Das Stichwort "Wirtschaftspatriotismus" lieferte Premierminister Dominique de Villepin im vergangenen Jahr persönlich. Auch jetzt beteuert der Regierungschef wieder: "Alle Länder weltweit verteidigen ihre ökonomischen Interessen. Warum sollten wir dabei die Letzten sein?"

Abgesehen von einigen seltenen Erfolgen wie zuletzt bei der Fusion der Pharmakonzerne Sanofi und Aventis, wollen die Politiker mit ihrer patriotischen Rhetorik einflussreicher erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Ihre Ohnmacht beim Angriff des indischen Stahlbarons Mittal gegen den Drei-Länder-Konzern Arcelor ist der jüngste Beweis.

In Wahrheit gehört Frankreich international zu den offensten Ländern für ausländische Investoren. Seit 1985 ist der Anteil von Ausländern am Kapitalbesitz der vierzig größten Unternehmen an der Pariser Börse von 19 auf heute 45 Prozent gestiegen; dagegen sind es in den USA gerade 20, in Großbritannien 30 Prozent. Als mögliche Beute haben ausländische Konzerne derzeit Carrefour, Alcatel, Lafarge, Schneider Electric, Société Générale, Total, Essilor und Capgemini im Blick.

Mit Schutzlisten und angeblichen Sicherheitsinteressen versucht die Regierung zwar, Kaufinteressenten abzuschrecken. Jüngst erließ das Wirtschaftsministerium eine Liste von sieben "strategischen Industrien", die vor fremden Käufern geschützt werden sollen. Doch darauf standen weder Energie- noch Stahlunternehmen, sondern nur Branchen, die zu schützen die EU ohnehin erlaubt: Rüstung, Sicherheitstechnik, Biotechnologie, Kommunikations- und Abhöranlagen sowie Informatiksysteme und Impfstoffe.

Schon fordern französische Ökonomen, die Schwachstellen der heimischen Wirtschaft auszumerzen: etwa das jahrzehntelange Versäumnis, im eigenen Land Finanzierungsinstrumente wie Pensionsfonds zu schaffen, die als Investoren wiederum die Unternehmen mit genug französischem Kapital ausstatten. Doch statt sich mit Aktien abzugeben, stecken die Bürger ihre Sparguthaben lieber in Papiere des Staates, den sie auf diese Weise finanzieren.