Als der Irak-Krieg im März 2003 begann, warnte Abu Mussa, der Sekretär der Arabischen Liga, die Amerikaner mit eindrucksvollen Worten vor ihrem Tun: "Sie öffnen das Tor zur Hölle!" Unter den siegesgewissen und wenige Wochen später siegestrunkenen Eroberern aus den USA wollte ihn niemand hören. Die Goldene Moschee nach dem Anschlag BILD

Warum auch? Die Soldaten waren gekommen, um nach den Worten ihres Präsidenten einen "Leuchtturm der Demokratie im Nahen Osten" zu errichten. Jetzt, da die Goldene Moschee in der irakischen Stadt Samarra zu Trümmern gebombt wurde, jetzt, da die Schiiten die Zerstörung eines ihrer wichtigsten Heiligtümer rächen und offen auf Sunniten Jagd machen, werden sich viele an Abu Mussas Worte erinnern und verstehen, was er mit "Hölle" gemeint hatte: Bürgerkrieg.

Amerikanischen Diplomaten ist es trotzdem per Dienstanordnung untersagt worden, diesen Begriff beim Irak zu verwenden. Wer "Bürgerkrieg" sagt, gesteht das Scheitern amerikanischer Ambitionen im Mittleren Osten gleich mit ein. Das darf nicht sein. Dabei ist angesichts der rauchenden Trümmer der Goldenen Moschee von Samarra eine Bestandsaufnahme mehr als nötig – und ohne den Begriff Bürgerkrieg kommt man dabei nicht aus. Oder wie sollte man eine Lage beschreiben, in der seit fast zwei Jahren Angehörige der einzelnen Gruppen sich gegenseitig erschießen, zerbomben, enthaupten und auf sonst jede erdenkliche Weise töten?

Wer kämpft also gegen wen und warum?

In der Regel ist von drei Großgruppen die Rede: Schiiten, Sunniten und Kurden. Es entsteht der Eindruck, als handele es sich um monolithische Blöcke, die geschlossen gegeneinander antreten. Das ist alles andere als zutreffend. Innerhalb dieser Gruppen gibt es grausame Machtkämpfe und blutige Fehden – die Risse sind sehr tief.

Die Mahdi-Armee ist ein bunter Haufen todesbereiter Fanatiker

Die Schiiten haben mit Ajatollah Ali al-Sistani zwar einen unbestrittenen geistlichen Führer, aber in den Niederungen der Alltagspolitik hat er wenig Einfluss, dort herrschen andere Sitten. Einer der Protagonisten ist Muqtada al-Sadr. Dem jungen Spross einer einflussreichen Geistlichendynastie aus der Heiligen Stadt Nadschaf ist es in den vergangenen zweieinhalb Jahren gelungen, beträchtlichen Einfluss unter den verarmten Schiiten des Iraks zu gewinnen. Al-Sadr hat die so genannte Mahdi-Armee gegründet, einen zusammengewürfelten Haufen todesbereiter Fanatiker. Diese Milizionäre haben sich mit den US-Soldaten mehrmals erbitterte Gefechte geliefert. Muqtada hat sich einen Ruf als unnachgiebiger Kämpfer gegen die Besatzer erworben – das macht diesen schiitischen Führer auch unter manchen Sunniten populär.