Wie hat es Madeleine Albright geschafft? Mit 22 Jahren hatte die Studentin ihren Bachelor in der Tasche, heiratete gleich darauf den Journalisten Joseph Albright und bekam drei Töchter. In ihrem Lebenslauf gibt es für diese Zeit ein "Loch", bis sie plötzlich wieder auftaucht. Nach mehreren Jobs in den Korridoren der Macht von Washington wurde sie mit 45 Jahren Professor für International Affairs an der Georgetown University, schließlich mit 56 Jahren UN-Botschafterin. Als sie fast 60 war, ernannte US-Präsident Bill Clinton sie zur Außenministerin der Vereinigten Staaten – der ersten Frau in diesem Amt. Es überrascht uns heute, dass das "Loch" in ihrer Biografie, das der Familiengründung und -pflege geschuldet ist, ihrem beruflichen Fortkommen nicht geschadet hat. Im Gegenteil: Madeleine Albrights Karriere klingt wie der Fleisch gewordene Slogan der alten Feministinnen: "You can have it all."

Erst die Kinder, dann die Karriere – ist das die Lösung?

Der Weg von Madeleine Albright zeigt jedenfalls, dass man nicht nur Aussicht auf Erfolg hat, wenn man rechtzeitig auf ein erfülltes Familienleben verzichtet. Politikerinnen, die die Großmütter oder Mütter zeitgenössischer Karrierefrauen sein könnten, wie Maggie Thatcher, die frühere englische Premierministerin, oder Jeane Kirkpatrick, die frühere amerikanische UN-Botschafterin, würden da wohl zustimmen. Beide haben bald nach dem Studium geheiratet, bald darauf ihre Kinder gekriegt und sich erst später voll ins Berufsleben gestürzt. Eine wichtige Rolle hat in der ersten Familienphase gewiss ihre Jugend gespielt: Junge Eltern sind weniger Bedenkenträger, wollen nicht die Zukunft zähmen, haben weniger Angst vorm Chaos. Auch ihren Karrieren hat die Entscheidung "Kinder zuerst" nicht geschadet.

Was also machen die Frauen heute falsch? Diejenigen, die überhaupt noch Kinder kriegen, sind fast 30, wenn ihnen das zum ersten Mal gelingt, die anderen klagen, dass sie nicht den Richtigen finden oder gefunden haben, mit dem sie gerne Kinder in die Welt setzen würden oder gesetzt hätten. Die demografischen Folgen dieses Dilemmas werden seit einiger Zeit heruntergebetet. Persönlich macht die Mischung aus leeren Wiegen und leeren Herzen viele Frauen unglücklich. Jeder weiß das aus Einzelfällen, alle können es in Umfragen nachlesen: Die meisten Frauen, die kinderlos bleiben, empfinden darüber ein großes Bedauern. Denn immer noch, das wissen wir auch aus Befragungen, wünschen sich die meisten Menschen eine Familie und häufig sogar eine mit zwei Kindern. Doch immer weniger Frauen leben in solchen Familien. Warum?

Frauen, so scheint es, haben heute die Qual der Wahl. Sie können alles werden: Außenministerin, Flüchtlingskommissarin, Kanzlerin, Verfassungsgerichtspräsidentin, Ärztin, Vorstandsvorsitzende oder Model. Indes die Verbindung von Beruf und Familie, die bleibt schwer, weil Brutpflege sich weder leicht auslagern noch marginalisieren lässt. Manche Mütter wollen stillen, andere wollen das erste oder gar noch das zweite Jahr hauptsächlich bei ihrem Kind sein. Jahrelang hat man ihnen erzählt, dass alles möglich wäre. Doch mehr und mehr wird auch den tüchtigsten Frauen klar, dass das nur selten hinhaut. In der Kanzlei die Topanwältin geben, zu Hause die Topehefrau und dann auch noch die Topmutter – das ist ein Jonglierakt, den keiner schaffen kann. Auf der ersten Kugel, die bei diesem Kunststück zu Boden kracht, steht meist "Kinder".

Der Schrei nach Krippen, Tagesmüttern, Kindergärten, Erziehungsurlaub ist universell. Freilich haben all diese Erleichterungen nirgendwo (Frankreich scheint die Ausnahme zu bleiben) zu Kindersegen geführt. Je besser ausgebildet, desto später wird die Ehe riskiert und desto unwahrscheinlicher ist der Nachwuchs. Der Mikrozensus zählt bei den deutschen Akademikerinnen bis zum 35. Lebensjahr 62 Prozent Kinderlose. Könnte das vielleicht auch an falscher Karriereplanung liegen? Mit fast zwanzig macht die junge Frau Abitur, bis Ende zwanzig hat sie ihr Diplom in der Tasche, dann erkämpft sie sich ihren ersten Job, probiert sich aus; weiß bis Mitte dreißig, wo es lang geht, heiratet vielleicht, bastelt weiter an der Karriere, schafft mit ihrem Mann allerlei Luxus an, Autos, Eigentumswohnung, Fernreisen. Fehlt da etwas? Richtig! Jetzt wollen sich die doppelberufstätigen Doppelverdiener endlich noch ein Kind "anschaffen". In keiner anderen Sprache kann man das.

Doch das Kind stellt sich nicht auf Knopfdruck ein. Nun werden noch ein paar Jahre beim Gynäkologen mit allerlei Prozeduren verloren, die Liebe geht vor lauter Temperaturmessen langsam unter, und die Frau ist nun 40 Jahre alt. Sie bekommt schließlich ihr Kind mitten in einem Karriereschub. Und nun? Soll sie etwa diese herrliche Karriere, diese Aussichten aufgeben, nur weil ein kleiner Schreihals ihr beim morgendlichen Abschied die Tränen in die Augen treibt?

Was ist das Problem an der falschen Karriereplanung? Es ist die Kopie der männlichen. Aus Mangel an Vorbildern haben die Frauen nicht nur den dreiteiligen Anzug, sondern auch die männliche Karrieresequenz übernommen. Diese Planung bekommt den Frauen nicht, sie ist gewissermaßen falsch herum angelegt. Frauen, die heute jung sind, verschwenden ihre Jugend und sexuelle Ausstrahlung an Männer, die es nicht wert sind (sonst würden sie sich ja binden), und suchen schließlich einen Mann, der’s tatsächlich wert ist, wenn sie sexuell zumindest nicht mehr so attraktiv sind wie in den Zwanzigern. Stattdessen beginnen sie ihre Karrieren, wenn sie noch nicht genau wissen, was sie wollen und beruflich nicht erfahren genug sind, um Großartiges zu erreichen. Schließlich wollen sie Kinder, wenn die Jobs richtig laufen, der Körper aber nicht immer will. Wie wäre es mit einer Umkehrung dieses Musters: Kinder früher bekommen, Karriere machen, wenn die Kinder in der Schule sind?