Von deutschen Theaterleuten hört man oft den Satz Das geht gar nich', beziehungsweise das geht nicht mehr. Gemeint ist das gute alte Plüsch- oder Ohrensesseltheater: falsche Bärte, historische Kostüme, Bühnen, die wie die Lobbys von Mittelklassehotels möbliert sind, mit flackernden Kaminfeuern und draußen donnernd niedergehenden, die Wahrheit aus den Figuren herausschüttelnden Suspense-Gewittern, und mittendrin zwei Männer, von makellosen Bügelfalten aufrecht gehalten, die, Cognacglas in der Hand, ein Gespräch führen, das in Wahrheit ein Duell ist. Es gilt einen Mord aufzuklären.

In Deutschland geht solches Knistertheater nicht mehr, in England schon: Jeremy Irons spielt am Duke of York's Theatre im Londoner Westend Embers (Funken), ein Stück von Christopher Hampton nach Sándor Márais Roman Die Glut. Es ist Irons' erste Theaterrolle seit 1988, in der Preview, die wir sahen, hatte er ein paar Hänger, er wendet sich an die Souffleuse - Yes? Go on! - wie ein hoher Regierungsbeamter, der es gelernt hat, die Abhängigkeit von seiner Sekretärin zu akzeptieren. Das Gesicht ist im Heldenbart auf Grund gesunken, heraus ragen nur die unverkennbaren, entsetzt gesträubten Irons-Brauen. Er spielt ja immer hohe, überforderte, erschöpfte Herren, und jetzt wieder: Embers ist die Geschichte von Henrik und Konrád, zwei Jugendfreunden, die sich vermutlich immer mehr hassten als liebten. Zwischen beiden steht ein unverübtes Verbrechen. Vor 43 Jahren verschwand Konrád aus Europa, nachdem er es nicht geschafft hatte, Henrik auf der Jagd zu ermorden.

Der Mord wäre nötig gewesen, damit Konrád mit Henriks Frau ein neues Leben hätte beginnen können. Konrád floh in die Tropen (wohin alle guten Engländer fliehen, um in Würde wahnsinnig zu werden). Die Frau blieb bei Henrik, sprach aber nie wieder mit ihm und starb acht Jahre später. Henrik hingegen wartete, ein lebender Toter, 43 Jahre lang auf Konráds Rückkehr. Der kehrt nun zurück. Aber er kommt nicht zu Wort. Henrik/Irons verstrickt ihn in ein Verhör, das darin besteht, den Freund nicht ausreden zu lassen. Er spitzt seine Lebensfrage - habt ihr beiden meinen Tod gewollt? - so lange immer schärfer zu, bis ihm die Antwort am Ende egal ist.

Du musst mir schon ab und zu den Ball zuspielen, sagt in Becketts Godot Wladimir zu Estragon. In Embers in London spielt dieser Satz keine Rolle.

Jeremy Irons blieb allein: großes Solo mit Heldenbart, Weltstartheater, hinterrücks gestützt von der Souffleuse. Sicher grandios. Aber eigentlich geht es wirklich nicht mehr.