Prishtina

Der erste Eindruck ist angesichts der Weltlage ermutigend: ein Flecken Erde mit 1,8 Millionen Muslimen, die eine Straße nach Bill Clinton benennen, Dänen mögen und sich nicht im Geringsten für Karikaturen des Propheten Mohammed interessieren. Ruinen des von Albanern zerstörten Roma-Viertels von Mitrovica (oben). Witwen albanischer Bauern, die von Serben erschossen wurden BILD

"Willkommen im Kosovo", sagt Safet Jashari, Sergeant und stellvertretender Revierleiter der kosovarischen Polizei. Ein frierender Revierleiter, denn in Graçanica, einer Gemeinde unweit der Hauptstadt Prishtina, ist wie jede Nacht der Strom ausgefallen, und der Generator beheizt und beleuchtet Jasharis Polizeistation nur spärlich. Ja, er hat von brennenden Fahnen und Botschaften in Syrien und dem Libanon gehört, aber hier gibt es keine Probleme – nicht einmal mehr zwischen Albanern und Serben. Die letzte Festnahme? Da muss er nachdenken: Das war letzte Woche. Zwei 15-Jährige, die in einen Kiosk einbrechen wollten. Nein, es sei alles ruhig, all die Unkenrufe über Chaos und Unruhen nach dem Tod des kosovarischen Präsidenten Ibrahim Rugova haben sich als falsch erwiesen. Selbst hier in Graçanica, sagt der Sergeant, wo Albaner, Serben, Roma, Bosniaken noch nahe beieinander wohnen, lasse man sich jetzt in Ruhe, und im Polizeidienst gehe es ohnehin vorbildlich zu. Jashari ist Albaner, sein serbischer Stationschef heißt Milo∆eviƒ – "Zufall und überhaupt kein Problem".

Willkommen also im Kosovo – vor gerade einmal sieben Jahren absoluter Fixpunkt der Weltöffentlichkeit, Ort einer blutigen Massenvertreibung von 700000 Menschen, Anlass eines Nato-Kriegs mit hehren Motiven, aber ohne UN-Mandat. Seither steht es unter UN-Verwaltung, die derzeit ein energischer Däne namens Søren Jessen-Petersen führt. Womöglich wird noch in diesem Jahr aus dem Protektorat ein unabhängiger Staat – wenn auch mit fortgesetzter internationaler Militärpräsenz. All das ist ein einmaliger Vorgang, dessen historische Dimension den Sergeanten Jashari in dieser Nacht allerdings unbeeindruckt lässt. Sein rundliches Gesicht strahlt trotz minus zehn Grad Außentemperatur, denn seine ethnisch gemischte Patrouille führt nun der fröstelnden Vertreterin der ausländischen Presse eine ordnungsgemäße Verkehrskontrolle vor. Vorn winkt eine Leuchtkelle in albanischer Hand die Autos an den Straßenrand, 20 Meter weiter bringt sie eine Stablampe in serbischer Hand zum Stehen. "Die Zeiten, wo hier jeder fahren konnte wie verrückt", sagt Sergeant Jashari feierlich, "die sind vorbei." Auch so kann man den Anbruch einer neuen Ära formulieren.

Wer das Kosovo kurz nach dem Krieg besucht hat, kann bezeugen: Das Fahrverhalten seiner Einwohner hat sich deutlich verbessert. Die Autos sind registriert und mit kosovarischen Kennzeichen versehen. Selbst die Anschnallpflicht wird durch Einhängen des Sicherheitsgurts an der Handbremse zumindest andeutungsweise befolgt, seit die kosovarische Polizei Strafzettel über 30 Euro und mehr austeilt. Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 200 Euro zeigt das Wirkung.

Was das Zusammenleben der Ethnien betrifft, sieht die Prognose jedoch – bei allem Optimismus des Sergeanten Jashari – weniger gut aus. Er und seine Kollegen haben in der letzten Zeit mit Schild und Schlagstock verstärkt den Einsatz bei Massenprotesten geübt. Der Kosovo Police Service mit seinen 7400 Mitgliedern soll vorbereitet sein, falls radikale Albaner ihrem gewachsenen Unmut über sieben Jahre Protektorat Luft machen, indem sie für die sofortige, bedingungslose Unabhängigkeit und gegen die UN-Mission auf die Straße gehen. Deren Chef ist zwar populär, nicht aber die Weltorganisation, die er repräsentiert, was man an aufgeschlitzten Reifen der weißen UN-Geländewagen sehen kann. Auch kleine Bombenanschläge hat es gegeben.

Die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 50 Prozent – Tendenz steigend