dankbar und voller Stolz blickt die ZEIT auf die vergangenen Tage zurück. So viele Glückwünsche haben Redaktion und Verlag zum 60. Geburtstag des Blattes erreicht. So viele Besucher haben Schlange gestanden am Tag der offenen Tür im Pressehaus am Speersort. Und so viele Leser haben unsere drei Jubiläumsbeilagen zum Anlass genommen, die ZEIT erstmals zu abonnieren!

Es ist leider unmöglich, alle Briefe persönlich zu beantworten. Ob mit Schreibmaschine getippt, mit Füllfederhalter zu Papier gebracht oder per E-Mail geschickt - fast jeder Brief ist eine kleine Offenbarung. Dazu noch all die Gedichte und Geschenke. Sogar eine wunderbare Schokoladentorte wurde abgegeben.

Anscheinend wäre das Leben einiger Menschen anders verlaufen, gäbe es die ZEIT nicht. Ihr wart immer dabei, schreibt ein Leser aus Bayern, und meine Freundin, die später meine Frau werden sollte, hat bald gelernt, dass es bei aller Liebe am Donnerstagabend Wichtigeres gibt. Oder die Geschichte des Ministerialbeamten H., welcher in den sechziger Jahren seine spätere Frau kennen lernte - auch sie hatte damals die ZEIT abonniert. Der Umstand war zwar nicht kausal für die spätere, bis heute andauernde Ehe, erklärt er, aber sympathisch war's und zweckmäßig: Aus zweien wurde ein Abo. Ein anderer Leser weiß zu berichten, dass er anno 1945, am selben Tag wie Marion Gräfin Dönhoff, seine ostpreußische Heimat verlassen musste, leider nicht zu Pferde. Und ein junger Familienvater teilt uns per E-Mail mit, dass sein anderthalbjähriger Sohn die ZEIT zwar noch nicht lesen könne, sich gleichwohl mit ihr beschäftige, indem er sie auseinander falte, auf ihr herumtrampele und sie gerne auch zerreiße.

Natürlich bleibt auch Kritik nicht aus. Der Umfang der Zeitung ist durchaus unzureichend, empört sich ein Leser. Was soll ich zum Beispiel am Freitag lesen? Ein anderer beklagt hingegen, dass aus Zeitgründen viele Artikel unbeachtet bleiben. Folgerichtig fordert ein dritter: Bitte senken Sie Ihr Niveau! Er wolle nicht länger den Drang verspüren, alle Texte lesen zu müssen. Aber vielleicht genügt der Hinweis, dass er das gar nicht muss. Ich picke mir nur das raus, was mich interessiert, berichtet zum Beispiel eine junge Frau aus Bayern, die sich zusammen mit ihren fünf WG-Mitbewohnern jede Woche eine Ausgabe der ZEIT teilt.

Manche haben Zeichnungen und kleine Gemälde geschickt. Eine Fotomontage zeigt Marcel Proust, in der einen Hand ein Sektglas haltend, in der anderen die Jubiläumsausgabe der ZEIT, darauf der Titel eines Proust-Romans: Die wiedergefundene Zeit. Eine Leserin hat uns zu Ehren ein Kunstwerk gebastelt und ein Foto davon geschickt: ein Paar Schuhe, mutmaßlich aus Pappmaché modelliert, beklebt mit Hunderten ZEIT-Logos. Sie hat es Zeitläufte genannt.

Jede Zeitung kämpft um Auflage, Abonnenten und den Verkauf am Kiosk, heute mehr denn je. Wenn wir uns zu unserem Geburtstag eines wünschen dürfen, dann dies: dass die ZEIT die Leser behalten möge, die sie hat.

Herzlichst