Claudia Dornbusch • Kindergärtnerin, pendelt täglich zwischen Brandenburg und Berlin, 31

1 Ich lebe in einem kleinen brandenburgischen Dorf, keine hundert Einwohner. Früh um kurz nach vier stehe ich auf und fahre anderthalb Stunden mit der Bahn nach Berlin. Sind die Gleise gefroren, können es auch zwei Stunden werden – das ist anstrengend, aber man ist ja schon froh, wenn man Arbeit hat. Ich arbeite gern. Mich erwarten Kinder, das ist besser als ein Bürojob. Den Kindergarten von St. Ludwig habe ich mir bewusst gesucht; meine Eltern und Großeltern sind katholisch, ich bin es auch. In der DDR hatten wir ein bisschen zu leiden, aber das war uns egal, ich habe mein Ding durchgezogen. Momentan haben wir mit Personalabbau zu kämpfen. Sinnvoll sind anderthalb Stellen pro Gruppe. Aber sobald wir Halbtagskinder annehmen, werden uns sofort Stellen gekürzt.

Roland Mary • Wirt Inhaber des Restaurants Borchardt, Berlin

2 Oft stehe ich an der Tür und begrüße die Gäste, ich sage: "Wie geht’s?", oder: "Geht’s gut?" Und natürlich beantwortet keiner ernsthaft diese Fragen. Aber an der Gestik merkt man natürlich, wie die Stimmung ist, denn der Ton macht die Musik, und der Ton ist besser geworden, seit einem halben Jahr schon. Ich höre Hoffnung heraus, oder vielleicht auch erst seit ein paar Monaten, ich habe ein schlechtes Zeitgefühl, ich arbeite sieben Tage die Woche, seit Jahren schon.

Enrico Höhne • Zugbegleiter im ICE Hannover–Hamburg, 30

3 Seit 13 Jahren bin ich Zugbegleiter. Ich stelle fest, dass die Leute immer grantiger werden. Es ist unglaublich, was man manchmal an den Kopf geworfen kriegt. Wenn ich morgens in ein Abteil komme und freundlich rufe: "Guten Morgen zusammen – die Fahrscheine bitte", dann grüßen vielleicht fünf von fünfzig zurück. Warum? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht haben sie zu viel Stress, Angst oder Sorgen. Ich spüre eine depressive Grundstimmung, aber auch Aggressionen, besonders auf den Strecken im Norden.

Rainer Gollwitzer • Pfarrer am Klinikum in Aschaffenburg, 62

4 Jeden Morgen mache ich mich auf in mein Deutschland: eine Klinik, 700 Patienten, 1700 Mitarbeiter. Eine Welt für sich, die ganze Republik auf 20000 Quadratmetern. Ich nehme den Weg durch die Notfallstraße, wünsche Schwestern und Pflegern einen guten Tag. Wer weiß, was wir miteinander zu tun kriegen. Herzinfarkte. Unfälle. Suizide. Unser täglich Brot. Dort liegt der nächtliche Vollrausch in stabiler Seitenlage. Vorsichtshalber am Boden, da kann er nicht tiefer fallen. 6,9 Promille ist die Bestmarke. Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.

Vielleicht liegt es an Guy, dem schwarzen Fensterputzer. Er singt vom guten Morgen und von lieben Sorgen. Türkische Reinigungsfrauen grüßen oder deutsche aus Kasachstan oder griechische. Schwestern kommen gern aus Polen, Finnland, Sachsen-Anhalt, Ärzte am liebsten aus der Umgebung, vereinzelt aus Togo, einer aus China – fernöstliche Gelassenheit mit Münchner Akzent.

Drüben in der Ambulanz teilen sich dreißig Wartende zwanzig Sitzplätze, einen Arzt und zwei Schwestern. Mein Chirurg läuft auf und ab. 27 Stunden im Dienst. Er setzt sich nicht, damit er nicht einschläft. Drunten auf der Station versorgen tagsüber 2,5 Schwestern mindestens 24 Patienten. Die Einflugschneisen für Menschlichkeit werden immer enger. Unser Haus wehrt sich tapfer.

Tumorpatienten sind ganz unten, Ebene 04. Chemo kriegt man von jungen Ärztinnen. Schwieriges machen gerne junge Ärztinnen. Um Mitternacht trifft man sie wieder auf der Notfallstraße. Dienste rund um die Uhr. Wenn sie Glück haben, ist nachts nichts. Es wäre das erste Mal. "Die" sparen uns zu Tode. Nur, wer sind "die"? Alle sind nett. Auch "die" von der Verwaltung.

Mein Freund wollte doch nur Arzt sein, jetzt dokumentiert er vier Stunden pro Tag. Schwestern dokumentieren hauptsächlich. Nur ich darf machen, was ich immer wollte, nach Patienten fragen, nach Leuten schauen, Zeit haben, Nächstenliebe üben. Ja, ich übe noch. Manchmal werde ich schon Seelsorger, für Momente oder Stunden. Manchmal bis der Tod einen scheidet oder die Genesung.