Der Dauerstreit um die Endlagerung radioaktiven Mülls geht in eine neue Runde: Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat jetzt Klagen von Gemeinden und Anwohnern gegen die Genehmigung des Endlagers Schacht Konrad angehört und dürfte bald sein Urteil fällen. Es wird mit Spannung erwartet, zwingt es doch die Bundesregierung, Farbe zu bekennen, wie sie mit Atommüll umgehen will.

Niedersachsen befürwortet Konrad, die Merkel-Truppe schweigt. Sie leidet an Bewegungsstarre infolge manifester Schizophrenie: Schwarz ist pro, Rot contra Atom. Also rührt sich nichts.

Noch nichts. Denn das Land kann sich in Kernfragen keine Blockaden mehr leisten. Längst hat der Bundesrechnungshof die Milliardenkosten bisheriger Verzögerungspolitik kritisiert. Rot-Grün hat außer Moratorien und Konsensgerede an Runden Tischen nichts hervorgebracht bis auf eine Fiktion: dass im Jahr 2030 ein allseits akzeptiertes Ein-Endlager funktioniere, das allen Strahlenmüll aufnimmt, ob schwach, mittel- oder hoch radioaktiv. Dieses Ein-Endlager, von Jürgen Trittin aus dem Hut gezaubert, ist gescheitert - mangels Milliarden und mangels Konsens.

Just darum geht es auch in Lüneburg. Konrad-Gegner machen geltend, der Schacht sei nicht für hoch radioaktiven Müll geeignet, sondern nur für schwach und mittelaktiven Abfall. Richtig! Schlitzohrig folgern sie daraus: Da man ein Ein-Endlager für allen Müll plane, seien Konrad und seine Risiken überflüssig. Irrtum! Mit diesem Trick hatte Trittin die Inbetriebnahme des Schachts blockiert.

Seinen Beamten war es zuvor nicht gelungen, die atomrechtliche Genehmigung von Konrad aus Sicherheitsgründen abzulehnen. Auch Niedersachsens Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) hatte 2002, wenn auch mit Schikanen, seinen Segen erteilen müssen.

Seither ist das Endlager in einer ehemaligen Eisenerzgrube bei Salzgitter auch juristisch blockiert - durch den Prozess in Lüneburg. Bekämen die Kläger Recht, wäre dies ein Debakel für die gesamte Politik, nachdem Rot und Grün so gründlich geprüft und Schwarz und Gelb das Endlager adoptiert haben.

In jedem Fall wird der Ball jetzt zurück zur Politik gespielt. Sigmar Gabriel, Bundesumweltminister und oberster Garant für Reaktorsicherheit, ist zwar bekennender Konrad- und Kernenergie-Gegner, vom Ein-Endlager-Konzept seines Amtsvorgängers ist er jedoch bereits vorsichtig abgerückt. Auch das Gerichtsurteil will er akzeptieren. Vielleicht gelingt ja in Lüneburg ein echter Coup: die erstmalige Heilung einer kollektiven Schizophrenie, per Gerichtsurteil.