"Silvio, wo steckst du? Ich habe dich lieb!" – Seite 1

DIE ZEIT: Es gab Zeiten, da wurden Italiener in Interviews immer nach dem Latin Lover gefragt. Heute fragt man sie nach Berlusconi.

Roberto Benigni: Bei Gott, ja! Leider. Er hat die Bühne ganz für sich allein. Schon aus diesem Grunde wäre ich froh, wenn es in Italien zu einer politischen Wende käme. Das Thema Berlusconi fängt an zu langweilen. Man hat es satt.

ZEIT: Sie haben in einem Fernsehinterview gesagt, dass Berlusconi immer die Hauptperson sein will: in der Kirche der Papst, bei der Hochzeit die Braut und auf der Beerdigung der Tote.

Benigni: Und der berühmte Journalist Enzo Biagi wurde nach diesem Interview mit mir von der RAI gekündigt. Mir konnten sie nichts, weil ich in diesem Augenblick zu populär war, ich hatte gerade den Oscar gewonnen. Es ist die Pflicht des Komikers, die Regierung anzugreifen. Aber es ist nicht die Pflicht der Regierung, die Komiker anzugreifen. Das ist unnatürlich. Und der Komiker sucht sich den aus, den er mag. Das ist wie beim Verlieben. Man kann niemanden zwingen, sich über jemanden lustig zu machen. Entweder man verliebt sich, oder man verliebt sich nicht. Und ich liebe Berlusconi. Er gefällt mir. Im Ausland wird er allerdings auch oft überschätzt. Berlusconi ist ein Kasper, eine Figur aus der Commedia dell’Arte, eine Farce. Er ist nicht Citizen Kane. In Italien muss ich nur sagen: Silvio Berlusconi!, und schon lachen alle. Jedes Mal, wenn ich im Fernsehen auftauche, nutze ich die Gelegenheit, um Berlusconi auf den Arm zu nehmen: Silviuccio, wo steckst du denn? Ich habe dich lieb!

"Berlusconi hat in fünf Jahren Regierungszeit alles erledigt, was er erledigen wollte. Jetzt reicht es. Erbarmen!"

ZEIT: Als Sie in Adriano Celentanos Show Rockpolitik auftraten, haben Sie Berlusconi vorgeschlagen, Komiker zu werden. Die Einschaltquote betrug mehr als 60 Prozent. Müssen Sie als Komiker nicht dankbar dafür sein, dass es Silviuccio gibt?

Benigni: Ja, die Einschaltquote war so hoch wie bei einem Fußballspiel, deshalb hat mein Auftritt für so viel Verdruss gesorgt. Berlusconi hat danach etliche Versammlungen gegen diesen Auftritt abgehalten.

ZEIT: Als Sie mit Celentano über Berlusconi spotteten, machte das einen sehr spontanen Eindruck.

Benigni: Das Stück war natürlich geschrieben. Aber wir haben nur zwei Stunden geprobt. Es war wie in der Commedia dell’Arte: Die Struktur ist vorgeschrieben, der Rest wird improvisiert. Ich habe das Stück noch in der Nacht umgeschrieben, es wusste niemand bei der RAI, was kommen würde.

ZEIT: Gibt es Oppositionspolitiker, die ähnlich ergiebig sind wie Silvio Berlusconi?

Benigni: Natürlich mache ich mich ab und zu auch über Prodi und über Fassino lustig, den Vorsitzenden der Linksdemokraten. Aber Prodi … Man verliebt sich nicht genug in ihn, um mit ihm spielen zu können. Entweder man hat eine lächerliche Figur, oder man braucht jemanden, der wirklich viel Macht hat. Mussolini. So etwas brauchen Komiker. Schon Berlusconis Name verheißt einen Clown.

ZEIT: Ein Clown, der sich seine Gesetze selber macht.

Benigni: Ich habe nichts gegen Berlusconi als Person. Sein Stil ist schrecklich. In den fünf Jahren seiner Regierungszeit hat er nun all die Dinge erledigt, die er erledigen wollte, jetzt reicht es. Erbarmen!

ZEIT: Am Ende Ihres Auftritts bei Celentano haben Sie in Anspielung auf Berlusconis Wahlbündnis gerufen: Zieh dich aus, das ist hier das Haus der Freiheit! Und dann haben Sie sich bis auf die Unterhose ausgezogen und mit Celentano getanzt.

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Benigni: Ja, das war wunderbar.

ZEIT: Und in Ihrem neuesten Film Der Tiger und der Schnee sieht man Sie auch in so einer riesigen Unterhose, sehr weit, so eine Art Ballettröckchen. Offenbar ist diese Unterhose Ihr Markenzeichen?

Benigni: Diese weißen da? Die sind natürlich etwas zu groß. Privat trage ich sie etwas kleiner. Soll ich sie Ihnen zeigen?

ZEIT: Danke, das ist nicht nötig.

Benigni: Im Film war das natürlich eine Spezialunterhose. Eine Sicherheitsunterhose. Die nicht runterfallen kann.

ZEIT: Ihre Filme sind sehr züchtig. Es geht immer um hehre Liebe, die über alles siegt. Nicht um Sex.

Benigni: Doch natürlich, Sex! Ohne Sex geht gar nichts! Ja, Sex! Meine Helden haben alle ein schreckliches Verlangen nach Liebe! Nicht einfach nur miteinander zu reden, nicht Liebe im platonischen Sinne, sondern Liebe im Sinne von einem, der sich ausziehen will, und der mit dem Körper Liebe machen will. Dreimal am Tag! Das ist doch die Größe der wahren Liebe. Eine biblische Liebe, ein Erotismus, der zur Religion wird. Heilig und wunderbar. Und wahrhaftig. Viel Sex! Eine Komödie ohne Sex existiert nicht. Man fühlt auch in diesem Film das Verlangen. Er ist voll davon.

ZEIT: Es ist aber auch ein Film, der im Irak-Krieg spielt. Wollten Sie einen Antikriegsfilm machen?

Benigni: Zuallererst wollte ich einen Film über die Liebe machen. Über einen Mann, der eine Frau liebt, die für ihn das Leben ist. Und die nichts davon weiß.

ZEIT: Ihr Lebensthema.

Benigni: Es hat mich sehr bewegt, den Helden Prüfungen bestehen zu lassen, die der Liebe auferlegt werden. Die Liebe zu erkämpfen! Der Liebe der Frauen würdig zu sein!

ZEIT: Aber Ihr Protagonist wird von der Frau ziemlich schlecht behandelt.

Benigni: Ja, aber das hat damit zu tun, dass da eine Geschichte mit einer anderen Frau war. Und das kann die Frau nicht vergessen. In meinem Film wird gezeigt, dass man viele Prüfungen bestehen muss, um der Liebe würdig zu sein. Wie im Märchen. Und wie in allen großen Romanen. Was müssen die Männer da nicht alles leisten, bevor sie die Liebe einer Frau verdienen! Heute ist das leider etwas in Vergessenheit geraten.

ZEIT: Sie hätten diese Liebesgeschichte aber auch in eine andere Wirklichkeit transportieren können, warum ausgerechnet in den Irak-Krieg?

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Benigni: Weil er in unserem Alltag präsent war, in unseren Träumen, im Radio, im Unterbewusstsein, in den Unterhaltungen. Man braucht Mut, um die Wirklichkeit abzubilden, das Unerträgliche erträglich zu machen. Denn nichts anderes macht der Künstler: der Realität ins Gesicht schauen und das Unerträgliche überwinden. Ein Komiker ist nicht nur jemand, der zum Lachen bringt, sondern auch einer, der ein Wagnis eingeht. Es bedarf einer gewissen Furchtlosigkeit, so etwas zu machen. Einen komischen Körper in eine tragische Situation zu versetzen.

ZEIT: Um ein Haar wäre der Held von einer überdimensionalen Friedensfahne erschlagen worden.

Benigni: Ja, die Friedensbewegung ist sicher verdienstvoll, aber über den bedingungslosen Pazifismus, über die Tolerierung der Intoleranz muss man sich auch mal lustig machen dürfen.

ZEIT: In Der Tiger und der Schnee werden unaufhörlich Gedichte zitiert. In Italien sind Sie als Dante-Spezialist bekannt, seitdem Sie die Göttliche Komödie im Fernsehen rezitiert haben. Und irgendwo las ich, dass Sie den deutschen Barockdichter Angelus Silesius schätzen. Den kennen außer Ihnen vermutlich nur Germanistikstudenten.

Benigni: Ah! Angelus Silesius! Schon der Name ist eine Gedichtzeile! Engel Schlesiens! Ein wunderbar mystischer Dichter. (Rezitiert auf Deutsch:) " Die Rrose ist ohne Warrum / sie blueht, weil sie blueht." Silesius hat auch herrliche Prosa geschrieben. Betrachtungen über Gott. Wunderschön.

ZEIT: Wie wurden Sie auf ihn aufmerksam?

Benigni: Ich lese Lyrik, seit ich in der Toskana Stehgreifgedichte vortrug. Damals las ich Tasso und Ariost, auch wegen der Versmaße, dann Dante. Später, in Rom, als ich mit der Familie Bertolucci befreundet war, mit Giuseppe, Bernardo und ihrem Vater Attilio, da war es Attilio, der mich weiter an die Poesie heranführte. Er war einer der größten italienischen Dichter, und ich hatte schreckliche Angst vor ihm. Ich befürchtete, dass er ganz schnell herauskriegen würde, wie wenig profund meine Kenntnis der Poesie war. Er hat mir sehr geholfen.

ZEIT: Sie rezitieren im italienischen Fernsehen allerdings nicht nur Dante, sondern auch die Bibel.

Benigni: Ja, vor kurzem kam es in Cinecittà zu einem Treffen mit Bischöfen. Ich war eingeladen und gebeten worden, über die Madonna zu reden. Der Bischof von Cinecittà ist wundervoll. Er hatte mich gebeten: Komm doch kurz vorbei, und sprich über die Liebe. Also habe ich den Bischöfen von der Liebe erzählt.

ZEIT: Ist ja nicht unbedingt ein naheliegendes Thema für Bischöfe.

Benigni: Ich habe natürlich auch über Berlusconi geredet. Weil er behauptet hat, er sei wie Jesus Christus. Also sagte ich: Ich bin gekommen, um über die Jungfrau Maria zu sprechen, die Mutter von Berlusconi.

ZEIT: Und was haben Sie den Bischöfen von der Liebe erzählt?

Benigni: Gemeint war natürlich die Liebe, die vom Evangelium vermittelt wird.

ZEIT: Ach so.

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Benigni: Es ging um die christliche Auffassung von der Liebe. Das Hohe Lied der Liebe. König Salomo.

ZEIT: An Ihnen ist ein Priester verloren gegangen.

Benigni: Ja, das ist wahr. Aber ich war nur zwei Monate im Priesterseminar.

ZEIT: Zu allem Überfluss kamen Sie in einem toskanischen Dorf zur Welt, das den Namen Barmherzigkeit trägt. Bleibt einem da nichts anderes übrig, als Priester zu werden?

Benigni: Die Jesuiten kamen zu meiner Mutter und fragten, ob ich etwas fühlen würde. Eine Berufung. Und ich sagte: Ja, klar, ich fühle etwas. Daraufhin beschieden die Jesuiten: Morgen kommst du zu uns. Meine Eltern waren sehr arm und haben mich natürlich sofort in das Seminar nach Florenz geschickt. Aber kurz darauf stand Florenz unter Wasser, die große Flut von 1966, und ich bin abgehauen. Danach war ich zwei Monate lang mit einem Zirkus in der Toskana unterwegs. Später brachte mich ein Priester auf einer Schule unter, in der nur Frauen waren. Eine Sekretärinnenschule. In meiner Klasse waren 33 Frauen und drei Männer.

ZEIT: Und zu Hause hatten Sie drei Schwestern.

Benigni: Mit denen ich in einem Bett schlief.

ZEIT: Kann so eine Überdosis an Weiblichkeit nicht auch schädlich sein?

Benigni: Für mich sind die Frauen die Krone der Schöpfung! Schönheit in Vollendung! Dass wir hier sind, verdanken wir euch Frauen!

ZEIT: Gott sei Dank, dass Sie kein Priester geworden sind.

Benigni: Ich hätte als Priester genau das Gleiche gedacht. Ich hätte die gleichen Frauen geliebt.

ZEIT: Sie sind in der Toskana als Kind eines Tagelöhners aufgewachsen, zu einer Zeit, als dort mehr als 50 Prozent der Wähler kommunistisch wählten. Außer Priester hätten Sie auch Bezirkssekretär der KPI werden können.

Benigni: Ich war nie in einer Partei, und mein Vater auch nicht. Mehr als alles andere haben mich die alten Partisanen geprägt, in meinem Dorf, in meiner Familie. Für mich waren das homerische Helden. Sie haben ihr Leben für unsere Freiheit riskiert! Alle waren links, auf eine sehr romantische Weise. Und alle waren gegen die Russen. Man wollte keine Gleichheit. Nur etwas weniger Ungleichheit. Ich erinnere mich noch daran, dass die KPI in unserem Dorf einmal 53 Prozent der Stimmen erlangte. Da hieß es plötzlich: Genossen, wir sind zu viele! Sie hatten Angst davor, zu viele zu sein! Sie legten großen Wert auf die Demokratie. Mein Vater liebte die alten Partisanen: Pertini, Nenni, Berlinguer. Das, was man "anständige Leute" nennt. Zu Demonstrationen oder Parteiversammlungen hingegen bin ich nie gegangen.

ZEIT: Wie hat Ihr Vater reagiert, als Sie ihm sagten, dass Sie Komiker werden wollten?

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Benigni: Ich sagte: Ich will auf der Bühne stehen, Papa. Und er sagte: In Ordnung. Mein Vater war wunderbar. Er glaubte an mich. Ich sang schon früh Gedichte, das ist eine alte toskanische Tradition, mit sehr viel Improvisation, ähnlich wie die Commedia dell’Arte. Mein Vater hatte mich da eines Tages reingeschubst, weil er wissen wollte, ob sie wirklich aus dem Stehgreif dichten oder nur so tun. Mit dieser toskanischen Gruppe habe ich viel gearbeitet, bis mir ein Regisseur vorschlug, Schauspieler zu werden – ich war zwar sehr jung, hatte aber bereits 14 Jahre Erfahrung im Improvisationstheater. Und so spielte ich in Rom bei einem Underground-Theater. Ohne Geld. Aber sehr glücklich. Als 1975 mein erster Film herauskam, Berlinguer, ti voglio bene, hat ihn mein Vater fünfmal hintereinander gesehen. Er ging zum ersten Mal in seinem Leben ins Kino.

"Für mich sind Frauen die Krone der Schöpfung. Schönheit in Vollendung! Dass wir hier sind, verdanken wir euch!"

ZEIT: International wurden Sie dank Ihrer Rollen in Down By Law und Night On Earth von Jim Jarmusch bekannt. Als Sie den sexbesessenen Taxifahrer spielten, haben Sie da auch improvisiert?

Benigni: Ah! Wunderbar! Einer, der mit allem Liebe macht! Ja, Jim ließ mich sehr viel improvisieren. Wir haben drei Tage hintereinander diesen Monolog gedreht, immer in neuen Varianten, und dann haben wir die beste ausgewählt.

ZEIT: Gelingt es Ihnen überhaupt, sich als Schauspieler einem Regisseur unterzuordnen?

Benigni: Mir gefällt es sehr, wenn mich ein Regisseur dirigiert. Ich mag es überhaupt nicht, wenn einer sagt: Mach’ es mal so, wie du denkst.

ZEIT: Wie war es mit Fellini?

Benigni: Er war unbeschreiblich. Unaussprechlich. Ein Geschenk an die Menschheit. Er war ein Gigant. Wenn er über ein Wasserglas sprach, wurde dieses Wasserglas einzigartig. Er fehlt mir sehr. Er liebte die Clowns wie die Frauen. Und er beschützte sie wie die Frauen. Er sagte: Versteck dich, sprich mit niemandem, du musst dich rar machen, das Publikum darf nur wenig von dir zu sehen bekommen. Und wenn es dich sieht, dann musst du wie eine Erscheinung sein.

ZEIT: Gelingt Ihnen das?

Benigni: Auf der Straße fotografiert mich jeder, jeder filmt mich mit dem Handy, es ist die Hölle.

Das Gespräch führte Petra Reski