"Doch manche unerquicklichen und beschwerlichen Dinge tragen sich im
Leben zu. Und geschehen sie nicht auch in Olympia? Kommst du nicht dort
schier vor Hitze um? Bist du nicht eingepfercht in der großen Menge?
Baden kannst du nicht, doch du wirst nass bis auf die Haut, wenn es
regnet. Hast du nicht genug von all dem Tumult, dem Geschrei und
anderen Belästigungen? Doch ich kann mir vorstellen, dass du dies alles
erträgst um des denkwürdigen Schauspiels willen."
Epiktet

Was ist’s diesmal? Ich weiß nicht, was mich nachhaltig deprimiert.
Irgendwie gibt’s etwas, das über Fußball hinausgeht.
Obwohl das Leben nur den Ersatzspieler imitiert,
der sich beim Warmlaufen den Fuß verdreht

hat. Ist das nicht der Grund, weshalb die Stadien
voll sind? Du meinst: weil das Leben auf deinen Einsatz
verzichtet. Genau: Wo anders als auf einem Platz
in der Arena kann ein Ausgeschlossener sein Arkadien

finden. Mensch ganz Mensch, wo er zuschaut?
Genau! Wenn Spieler und Spiel unter die Haut
gehen und der Applaus dem Talent
gilt, ist Demut der Zuschauer, der sich zu Größerem bekennt.

Meinst du: die Ballbeherrschung der Bayern ist eine Oli-garchie?
Genau: Die messbare Verteilung von Gottes Symphatie.
Das klingt nach dem Alten Testament! Warum?
Weil sich Gott seit langem auch den Arsch für das Publikum

aufreißt. Du meinst! Genau! Was? Es geht um Unterhaltung
wie im Anfang. Deshalb die kleinliche Verteilung der Begabung.
Du denkst: Umso weniger Zidanes, desto weniger sind wir einsam.
Einer reicht völlig aus. Deshalb sind wir ja auch monogam.

Das ist deprimierend. Was? Dass auch über Fußball
nichts hinausgeht. Genau: Nenn es Schicksal.
Du meinst: läuft das Spiel, sitzt Gott auf der Tribüne.
Genau: Solange er auf eine Verlängerung hofft, denkt er nicht an
Sühne.

Armin Senser, geboren 1964, veröffentlichte unter anderem "Jahrhundert der Ruhe", 2003

Bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006 stellt die ZEIT eine deutsche Dichter-Nationalmannschaft auf. 33 bisher unveröffentlichte Fußballgedichte erscheinen wöchentlich im Ressort Leben. Sie werden im Radioprogramm NDR Kultur donnerstags jeweils um 15.45 Uhr und um 19 Uhr ausgestrahlt."Dichter am Ball", 50 neue Fußballgedichte, von den Autoren selbst gelesen, erscheint am 16. März als Hörbuch – ein gemeinsames Projekt von ZEIT und NDR Kultur. Zu beziehen im Buchhandel und unter www.zeit.de/shop .

Die Texte sind auch zu lesen und zu hören unter www.zeit.de/fussballpoesie